»Nun, dann bin ich fertig mit Dir und gebe Dich auf,« sprach Müllenheim und erhob sich. »Ich wünsche Dir eine dauerhafte Geduld. Sollte jedoch dieser bei Dir ohnehin sehr schwache Faden einmal reißen und Dich die Laune anwandeln, Dich frei zu machen, so weißt Du, wo Du mich zu suchen hast. Auf Schloß Girbaden sehen wir uns wieder, sonst nie und nirgend mehr.«
Damit schritt er, ohne dem Zurückbleibenden die Hand zu reichen, zur Thür hinaus, die er dröhnend hinter sich zuwarf. –
»Von den Einen bestürmt, von den Anderen verlassen!« sprach Burkhard, als er wieder allein war. »Meinen Stolz soll ich verleugnen, meine Schuld soll ich bekennen. Worin besteht denn meine Schuld? eine Beleidigung rächen, meinen Nacken nicht unter das Joch beugen zu wollen, ist das ein Verbrechen, das ich zu büßen hätte? Die Hohkönigsburg! – wenn wir sie im Kampfe bezwungen hätten, warum sollte dann ich sie mir nicht nehmen eher als ein Anderer? Wir Rathsamhausen sind die Ältesten im Wasgau, mir käme sie zu. Nun wird sie niemals mein werden. Daß ich den Genossen verschwiegen habe, was ich wußte, das ist das Recht eines Jeden, der als Feldoberster allein zu gebieten und zu entscheiden hat. Und ich war der Führer der Anderen, die sich mir gesellt, sich mir untergeben hatten; ich hatte für sie zu denken, für sie zu handeln und brauchte sie in meine Maßnahmen und Pläne nicht einzuweihen. Erkaufen und erbetteln soll ich mir die Freiheit, sie wie ein Gnadengeschenk aus der Hand des Übermüthigen hinnehmen und mich auch noch dafür bedanken. Nichts in der Welt kann mich dazu bewegen, wenn es das Eine nicht thut, das Furchtbare, Grausige. Das hält mich umstrickt und läßt mich nicht los und raubt mir den Schlaf, immer und immer umschwebt es mich.« Stöhnend warf er sich in einen Sessel und verhüllte das Gesicht, als könnte er sich so vor dem Anblick von etwas Schrecklichem schützen.
In der nächsten Nacht schlief er fast gar nicht. Er hatte gegen Abend von seiner Gemahlin einen Brief erhalten, worin ihn Frau Stephania mit den innigsten Worten und Vorstellungen anflehte, doch nachzugeben und Frieden zu schließen, damit er frei würde und wieder zu ihr käme. Sie verginge in Ängsten um ihn; auch Bruno und die in der Lützelburg sorgten sich seinetwegen, selbst das Burggesinde, vom Ersten bis zum Letzten, früge in treuer Anhänglichkeit fast täglich, wie es mit ihm stünde, wann er denn zurückkehrte.
»Auch das noch!« seufzte Burkhard, als er den Brief gelesen hatte. »Armes Weib! sie jammert mich. Unter heißen Thränen hat sie das geschrieben, da sind die Tropfen. Und ich kann nicht, ich kann nicht! ich bringe es nicht über mich, den einzigen Schritt zu thun, der mir die Freiheit wiedergiebt, die Freiheit, nach der ich mich sehne, nach der mein Herz dürstet und schreit wie der Hirsch im Walde.«
So blieb denn Alles beim Alten, und Schmasman hatte Recht, als er zu Oswald gesagt hatte: »Nicht Freund, nicht Bruder, nicht Weib und Kind können den Trotz dieses Unbeugsamen brechen.« –
Pater Eusebius kam jetzt nur noch jeden dritten Tag. Heute war der zweite nach seinem letzten Besuch, morgen also mußte er wieder kommen.
Er erschien auch zur gewohnten Zeit, prüfte die verharschende Wunde nur flüchtig und sagte dann: »Herr von Rathsamhausen, ich brauche nun nicht mehr zu kommen, denn ich kann Euch nichts mehr nützen. Eure völlige Heilung wird die allgütige Mutter Natur besorgen auch ohne meine jetzt überflüssige Hilfe. Nur Schonung ist noch nöthig, die ich Euch dringend empfehle.«
»So nehmet meinen Dank, ehrwürdiger Pater,« sprach Burkhard, »nur den aufrichtigen, mündlichen Dank eines armen Gefangenen, der nichts hat als Worte. Ihr habt mich sorglich gepflegt, und ich will es Eurem Kloster entgelten, sobald ich frei werde, oder auch schon früher durch die Meinigen daheim.«