Burkhard empfing ihn in einer Erregung, die er vergeblich zu bemeistern suchte. Er ging ihm entgegen, bot ihm die Hand und sagte: »Sei mir willkommen, Schmasman, und habe Dank! Du findest heut einen Andern hier, als der war, der sich vor Wochen im Zorne von Dir abwandte. Verzeihe mir die bösen Worte, die ich Dir zu hören gab, sie thun mir jetzt bitter leid.« Nur ein noch festerer Handdruck war Schmasmans Antwort darauf. »Du hattest mir versprochen, wiederzukommen, wenn ich Dich riefe, und wirst Dir wohl denken können, warum ich Dich heute zu mir bitten ließ.«

Schmasman blickte den vor ihm Stehenden forschend an und sagte dann: »Du willst frei werden, Burkhard, nicht wahr?«

»Ja, Schmasman, ich will frei werden, mag es kosten, was es will!« klang es fest und bestimmt wie ein unwiderruflicher Spruch aus Burkhards Innerstem heraus. »Ich werde irrsinnig im Käfig; lieber todt in der Gruft als lebendig in der Gefangenschaft.«

»Ich wußt' es wohl, mein armer Freund, daß Du es auf die Dauer nicht aushalten würdest,« erwiederte Schmasman, selber ergriffen von dem Ton, in dem der Andere sprach. »Nur die Freiheit ist das Element, worin Du athmen kannst.«

Burkhard nickte: »Setze Dich und höre mich an! ich habe Dir viel zu sagen.«

Als sich beide gegenüber saßen, ward es Burkhard schwer, den Anfang zu machen. Es schien ein Druck auf ihm zu liegen, der ihm die Brust beengte, und aus seinem Blicke sprach eine gewisse Scheu, als zögerte er mit einem geheimnißvollen Geständniß, das er sich erst von der Seele losringen müßte. Endlich begann er, noch immer mit seiner tiefen Erregung kämpfend: »Jost von Müllenheim war bei mir und hat mir gesagt, daß die Fehde aus ist, weil meine Verbündeten nicht mehr gegen euch kämpfen wollen. Damit ist mir, von Allen verlassen, jede Hoffnung genommen, auf andere Weise frei zu werden, als – als wenn ich mich unterwerfe. So unsagbar schwer es mir auch wird, bin ich doch entschlossen dazu, weil ich muß, denn ich thue es nicht freiwillig. Ich würde meinen Stolz bis zum letzten Athemzuge bewahren und lieber als Besiegter mit Ehren zu Grunde gehen als, vom Tode gezeichnet wie ein Baum im Forste von der Axt des Fällers, um Gnade bitten. Aber etwas Furchtbares, schauerlich Ahnungsvolles drückt mich zu Boden. Nicht ihr, Schmasman, habt mich im Kampf überwunden und bezwungen, das haben dunkle Mächte gethan, gegen die ein Sterblicher nicht aufkommt. Vergeblich haben sie mich gewarnt, vergeblich habe ich ihnen getrotzt, sie blieben die stärkeren und haben meine Kraft gebrochen. Noch keinem Menschen hab' ich es gesagt, Du allein sollst es wissen. – Schmasman, mir ist in Rathsamhausen die weiße Frau erschienen.«

Schmasman fuhr bei dem zuletzt Vernommenen unwillkürlich auf seinem Stuhle zusammen, unterbrach den Mittheilsamen aber mit keinem Worte, und Burkhard sprach weiter: »In zwei Nächten ist sie zu mir gekommen; kein Traum war es, kein Blendwerk, keine Einbildung; ich lag wach und war klar bei Sinnen. Deutlich hab ich sie beim Dämmerlicht des Mondes im Zimmer aus dem Dunkel hervorkommen sehen. In langem, weißem Gewande, mit marmorbleichem Gesicht und aufgelöstem Haar schwebte sie lautlos, als berührten ihre Füße den Boden nicht, auf mich zu, blieb vor meinem Bette stehen, und mich mit ihren weit geöffneten Todtenaugen starr anblickend erhob sie drohend die Rechte gegen mich, bewegte wie verneinend das Haupt und glitt dann langsam wieder in den Schatten zurück, aus dem sie gekommen war. Sprechen, sie anrufen konnte ich nicht, mir war die Zunge wie gelähmt, und ich rührte mich nicht. Das geschah in der Nacht vor dem Tage, da ich meinen Brief an Dich abschickte. Wohl war ich erschrocken, wohl schwankte ich am Morgen, was ich thun oder lassen sollte, aber mein Grimm und – ich gesteh's – meine Gier waren zu groß und gewannen die Oberhand über das Grauen. Ich schlug die mitternächtige Warnung in den Wind und sandte den Boten mit dem Brief an Dich ab.«

Hier machte Burkhard eine Pause, als müßte er Athem schöpfen, und fuhr dann fort: »Zum zweiten Male kam sie in der Nacht vor dem Ausrücken zum Kampfe. Diesmal erschien mir die Gestalt größer, ihr Arm höher gereckt, ihr Blick drohender, sonst war ihr Nahen und Verschwinden genau so wie beim ersten Male. Du kannst Dir wohl denken, Schmasman, daß mich dieser zweite Besuch noch mehr erschütterte als der erste. Allein was sollte ich thun? Die Befehle zum Aufbruch waren ertheilt und Alles bereit. Ich schämte mich vor meinen Bundesgenossen, Alles wieder rückgängig zu machen und damit Furcht und Feigheit zu verrathen, die mir sehr fern lagen, zumal das erste Erscheinen der Grabentstiegenen kein Unglück im Gefolge gehabt hatte. So achtete ich denn auch dieser zweiten Warnung nicht und zog mit unseren gewaffneten Schaaren aus. Aber da ereilte mich das Unheil nun doch, Du weißt ja wie. Und seit ich hier oben gefangen sitze, werde ich die Erinnerung an die beiden Schreckensnächte nicht aus den Gedanken los. Ich habe mit zähem Muth und mannhafter Beherztheit dagegen angekämpft, aber vergeblich; eine innere Stimme flüstert mir beständig zu: hüte dich vor dem dritten Kommen der weißen Frau! sie wird dich suchen, dich bis hierher verfolgen und dich auch hier zu finden wissen; erscheint sie dir zum dritten Male, so bringt sie dir unrettbar Tod und Verderben. Und diese Nacht, Schmasman, diese Nacht hab' ich sie im Traume gesehen, nicht wirklich wie in Rathsamhausen, sondern nur als ein Traumbild. Ich weiß es genau, daß es nur ein Traum war, aber er ist mir ein Wink von oben, daß sie bald selber auch zum dritten Male kommen wird, und dann – dann ist's um mich geschehn. Denk an den doppelten, tödtlichen Pfeilschuß der zwei Brüder Rathsamhausen, denen sie unmittelbar vorher drei Nächte hinter einander erschienen war. So bin ich ihrem Bann verfallen, mit meiner Kraft am Rande und zu keinem Widerstande mehr fähig. Macht mit mir, was ihr wollt, ich bin zu Allem bereit.«

Er schwieg, lehnte sich erschöpft in seinen Stuhl zurück und trocknete sich die perlende Stirn.

Schmasman erhob sich und sprach, seine Hand auf des alten Freundes Schulter legend: »Dein Schicksal ist es, Burkhard, das Dich mit Geisterhauch und Grausen wach rüttelt, damit Du seinen Willen thust, ehe es Dich nach seinen unwandelbaren Gesetzen verderben und vernichten muß. Ich lobe Deinen Entschluß, nachzugeben, denn er ist Deine einzige Rettung. Heute hat mir Graf Oswald Vollmacht ertheilt, in seinem Namen mit Dir Frieden zu schließen, wenn Du die einzige Bedingung erfüllst, die er Dir auferlegt.«