Burkhard war allein und stand am Fenster. Sinnend schaute er hinab auf Berg und Thal, auf Wald und Flur. Dann reckte und streckte er sich wie ein aus langem, erquickendem Schlummer Erwachender, mit neuer Kraft Gestärkter und sprach tief aufathmend zu sich selber: »Frei! frei! aber es brauchte einen starken Ruck, diese Fesseln abzuschütteln.«
Bald kehrte Schmasman zurück, und Oswald kam mit ihm. Ein Zittern ging durch Burkhards Körper, als er den Grafen erblickte.
»Herr von Rathsamhausen,« begann Oswald, »Graf Maximin hat mir eine erfreuliche Botschaft gebracht –«
»Laßt es uns kurz machen, Herr Graf!« unterbrach ihn Burkhard ungeduldig, »ich weiß, was Ihr fordert, und gehe den Pakt ein. Hier stehe ich vor Euch und schwöre bei Gott dem Allwissenden ewige Urfehde. Ich gelobe, Euch niemals wieder anzufeinden, mich niemals an Euch zu rächen, mit Euch Frieden zu halten bis an meines Lebens Ende.«
Oswald erwiederte: »Mit diesem Handschlag nehme ich den Frieden an, den Ihr mir bietet, und auch ich will ihn treulich halten. Ich will vergessen, was Ihr gegen mich im Schilde führtet, als hätt' ich nie davon gewußt. Ihr habt es gebüßt, und mit dem Blute, das Ihr vergossen, ist es gesühnt und ausgelöscht. Herr Burkhard von Rathsamhausen, Ihr seid frei. Ziehet mit Gott, wohin es Euch beliebt. Aber,« fügte er hinzu, Burkhards Rechte auch mit seiner anderen Hand umfassend, »wie ich hier Eure Hand mit meinen Händen umspanne, so möchte ich auch Euch selber noch halten. Gewährt mir eine Bitte! Bleibt noch zwei Tage mein Gast, laßt Eure Gemahlin und Euren Sohn kommen und Ihr, Schmasman, alle die Eurigen, auf daß wir den Frieden hier in Gegenwart der uns liebsten Zeugen mit einem festlichen Trunke besiegeln.«
Burkhard, der Oswalds Worte von dem Vergessenwollen mit finsterer Miene angehört hatte, schaute bei dem Schlusse der Rede betroffen auf, als traute er seinen Ohren nicht. Statt hochmüthiger Herablassung kam ihm aus dem Munde des Grafen ein freundlicher Antrag entgegen, der ihn aufs Höchste überraschte, fast verwirrte. Oswalds Gast sollte er sein, bei seinem bis vor Kurzem noch bitter gehaßten Gegner mit den Seinigen und den Rappoltsteinern fröhlich tafeln und bechern. Wie ein Fest wollte der Graf seine Erlösung feiern. In diesen plötzlichen Wechsel seiner Lage konnte er sich so schnell nicht finden. Er stand wie bestürzt, dachte nach und schüttelte leise das Haupt. »Das ist zuviel verlangt, – das kann ich nicht,« sprach er halblaut.
»Warum nicht, Burkhard? bleibe hier!« redete ihm Schmasman zu. »Auch wir ertränken dann den Drachen der Zwietracht, der den Weg von Rathsamhausen nach Rappoltstein versperrte.«
Burkhard schwankte noch immer, und es ward ihm sehr schwer, sich zu entschließen. Aber Oswalds versöhnliche Ansprache war ihm doch zu Herzen gedrungen und hatte dort mit ihrem warmen, zutraulichen Ton einen lebendigen Widerhall erweckt. Die großen Aufregungen der letzten Tage und Nächte, die wie Stürme über ihn dahingebraust waren, hatten ein Wunder an ihm gethan und eine entschiedene Wandlung seines Sinnes bewirkt. Nun reichte er dem Thiersteiner wieder die Hand, die er ihm schon entzogen hatte, und sagte mit einer nicht zu verbergenden inneren Bewegung: »Es geschehe nach Eurem Wunsch und Willen, Herr Graf! Ihr habt mich in wahrhaft ritterlicher Haft gehalten, werdet es mir aber nachfühlen, daß ich glücklich bin, frei zu werden, und in meiner Freude darüber gelingt es mir auch vielleicht, an Eurem Tische mit den Frohen froh zu sein. Schickt hin nach Ottrott und laßt sie kommen.«
»Das war wohlgesprochen, Herr Burkhard!« erwiederte Oswald, »Herni soll reiten, daß die Funken stieben. Morgen Mittag müssen sie hier sein.«