»Das ist die Lanze der Frauen,« sprach Imagina, »und es muß ein sehr dickes Fell sein, durch das sie nicht eindränge.«

»Ach Gott ja! mich habt Ihr schon viel zu tief ins Herz getroffen.«

»Aber sie kann auch die Wunden heilen, die sie schlägt,« lächelte Imagina. »Heute gefallt ihr mir, Herr Burkhard. Ihr steigt in meiner Gunst und Gnade.«

»Verwöhnt mich nur nicht!« erwiederte er lachend.

Auch mit allen Anderen wechselte er freundliche Worte und fand sich dadurch bald in den angeschlagenen Ton einer fröhlichen Eintracht zwanglos hinein. Er schien heut ein ganz anderer Mensch zu sein, in welchem man den widerhaarigen, streitlustigen Muckebold gar nicht wiedererkannte, als hätten die reinigenden Gewitter der gemachten Erfahrungen eine rauhe, stachlichte Schale von ihm abgestreift, so daß der von einem schweren Drucke befreite gute Kern, der darin steckte, zu Tage kam.

Im Speisesaal waren die Plätze klug und geschickt vertheilt, indem, was feindlich gegen einander gewesen war, jetzt in bunter Reihe friedlich bei einander saß. Sicherlich war es Leontinens Praktik, daß sich Bruno und Isabella Seite an Seite und dem Brautpaar gegenüber fanden. Gräfin Margarethe hatte von jedem Prunk und Pomp auf der Tafel Abstand genommen, um der Gasterei unter Vermeidung aller feierlichen Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten mehr die Gestalt und das Wesen eines traulichen Freundschafts- und Familienmahles zu geben. Nur die größten und schönsten Pokale aus dem Thierstein'schen Silberschatz hatte sie für den besten der Weine und für den herzenseinigenden, treuegelobenden Friedenstrunk aufsetzen lassen.

Beim dritten Gange erhob sich Graf Oswald und hieß – noch nicht den vor ihm stehenden Prachtpokal, sondern einen bescheideneren Becher in der Hand – seine Gäste mit beredten und warmen Worten willkommen, ohne jedoch die Veranlassung zu ihrem Hiersein zu berühren oder auch nur anzudeuten, und schloß mit dem Wunsche, daß sie ihm recht oft Gelegenheit geben möchten, sie als liebe Gäste an seinem Tische begrüßen zu können.

Graf Wilhelm von Rappoltstein dankte in Aller Namen ihm und der Gräfin Margarethe für ihre Gastfreundschaft und machte in launiger Weise darauf aufmerksam, daß sie beide, er und Oswald, so nahe Nachbarn wären, daß sie sich gegenseitig in die Fenster sehen könnten, was von den anderen Rappoltstein'schen und den Ottrotter Schlössern nicht möglich wäre. Und sintemal es von Hohrappoltstein nach Hohkönigsburg genau so weit wäre wie von Hohkönigsburg nach Hohrappoltstein, so hoffte er, daß die verehrte Familie Thierstein auch recht bald einmal über seine Brücke reiten würde, was ihm Oswald gern versprach.

Nicht lange darauf schien dem Grafen Oswald der rechte Augenblick gekommen, seinem bevorzugten Gaste hier eine überaus freudige Überraschung zu bereiten, deren sich dieser wahrlich heute nicht versah.