Graf Oswald von Thierstein war in der Erwartung und mit der Absicht gekommen, unter allen Anwesenden hier eine erste, bevorzugte Stelle einzunehmen. Er hatte, als er mit den Seinigen, alle prächtig gekleidet und auf schön gezäumten Rossen, einritt, sich mit einem ansehnlichen Gefolge umgeben, um von vornherein die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Stallmeister Isinger, der nun doch ohne Gefahr für die Sicherheit der Hohkönigsburg dort abkömmlich zu sein schien, bildete voranreitend die Spitze und die beiden Leibtrabanten des Grafen, Marx und Herni, nebst ein paar Troßknechten den Schluß des stattlichen Zuges, in dem auch die gefallsüchtig lächelnde Zofe Dimot nicht fehlte. Aufsehen erregte Graf Oswald allerdings damit, aber kein ihm günstiges. Nur ein kaltes, neugieriges Staunen hatten die fahrenden Leute für den prunkenden Aufzug, weil sie an eine solche Prachtentfaltung seitens der Herrschaften bei dem volksthümlichen Feste nicht gewöhnt waren. Die übrigen Herren und Damen hatten auch an der gebräuchlichen Einfachheit in ihrem Äußeren festgehalten und selbst die Fleckenstein, die mit den sämmtlichen Thiersteinern kamen, waren von dieser löblichen Sitte nicht abgewichen, was dem Grafen Oswald gerade recht war, denn desto mehr stach er selber mit seinen Angehörigen durch den gemachten Aufwand hervor. Den stolzen Erscheinungen der schönen Thierstein'schen Frauen versagte man die Bewunderung nicht, und sie gab sich in mancher laut werdenden Bemerkung kund, als sie durch die in den Gassen auf- und abfluthende Menge zur Herberge ritten.
Auf dem Platze davor, von dem die fromme Wanderung nach der Kapelle am Dusenbach ausgehen sollte, versammelten sich die ritterlichen Gäste und wurden von den Rappoltsteinern auf das Zuvorkommendste empfangen.
Egenolf hatte vom ersten Erblicken an nur für Leontine noch Augen und konnte kaum der Versuchung widerstehen, ihr vom Pferde zu helfen, denn hier würde sie ja wohl nicht wie damals in der Waldeinsamkeit allein aus dem Sattel springen. Aber zu dieser Hilfsleistung war ja der Stallmeister mitgenommen, und Egenolf mußte sich gedulden, bis die Reihe an sie kam und er der Abgestiegenen die Hand bieten konnte, die sie leicht erröthend nahm mit den leise gesprochenen Worten: »Ich danke Euch vielmals, Herr Graf, für die freudige Überraschung, die Ihr mir mit dem herrlichen Wolfsfell bereitet habt –.« Sie hatte die Stimme am Ende des Satzes nicht gesenkt, als wollte sie noch etwas hinzufügen, aber sie brach ab und erwähnte des Briefes mit keiner Silbe. Was hätte sie ihm auch darüber sagen sollen? etwa, daß sie ihm künftig jedes Wort glauben wolle? das hätte er doch so auslegen können, als erwarte sie, bald ein bedeutsames Wort aus seinem Munde zu hören. Er konnte ihr auf ihren Dank nichts erwiedern, denn Imagina und seine Schwester Isabella nahmen sie sofort für sich in Beschlag.
Nach allseitiger Begrüßung entspann sich eine lebhafte Unterhaltung der sich hier Treffenden, denen Schmasman auf mancherlei Fragen nach dem herkömmlichen Verlauf des Festes Rede stehen mußte. Burkhard von Rathsamhausen raunte ihm mit einem Augenwink auf Oswald spöttisch zu: »Nun sieh ihn Dir an, Schmasman! geputzt und gespreizt wie ein Pfau. Mir schwant, wir werden heute noch etwas mit ihm erleben.« Schmasman antwortete nichts, aber er hatte selber schon in Oswalds Zügen einen Ausdruck wahrgenommen, der ihm wenig gefiel und auch in ihm einige Besorgniß erweckte.
Noch war es nicht Zeit zur Wallfahrt, und mehrere der Gäste begaben sich mitten unter die harrenden Spielleute, sich diese oder jene seltsame Erscheinung genauer zu betrachten oder mit einem hübschen Mädchen ein paar scherzende Worte zu wechseln. Graf Oswald folgte dem Beispiel, um sich auch seinerseits bei dem Volke beliebt zu machen und die Huldigung der so tief unter ihm Stehenden wohlgefällig entgegen zu nehmen. Dabei mußte er jedoch die Enttäuschung erleben, daß ihm durchaus nicht mit der Unterwürfigkeit und ersterbenden Hochachtung Platz gemacht und begegnet wurde, wie er im Gefühl seiner Erhabenheit erwartet hatte. Die Fahrenden zeigten sich gleichgültig und kühl zurückhaltend gegen ihn statt die große Ehre gebührend zu würdigen, die er ihnen seiner Meinung nach mit seiner gnädigen Herablassung anthat. Diese schlichten Naturkinder, die bei allem Übermuth und Leichtsinn einen ihnen angeborenen gesunden Verstand, noch verstärkt durch ein gutes Theil List und Schlauheit, besaßen und sich in ihrem steten Wanderleben Menschenkenntniß und Erfahrung erworben hatten, durchschauten die Absicht des hoffährtigen Herren und fühlten sich durch die Art und Weise seiner Annäherung mehr verletzt als geschmeichelt.
Zur Steigerung seines Verdrusses darüber mußte er nun noch mitansehen, wie so ganz anders sich die Spielleute gegen ihren Schutzherren benahmen, wie ihre Augen strahlten und an Schmasmans Munde hingen, wenn er mit ihnen sprach, wie sie so garnicht schüchtern vor ihm waren, sondern ihm freimüthig und treuherzig auf seine Fragen Bescheid gaben, seelensvergnügt lachten, ihn umdrängten, ihm so anhänglich und innig ergeben schienen, als wären sie jeden Augenblick bereit, ihr Leben für ihn zu lassen. Diese eifersüchtigen Beobachtungen waren freilich nicht dazu angethan, des Grafen Oswald Stimmung zu verbessern und aufzuheitern. Sein Gesicht ward immer ernster und finsterer, seine Haltung immer steifer und stolzer.
Jetzt fingen auf den Kirchthürmen die Glocken an zu läuten, und sofort kam Bewegung in die angestauten Massen. Hans Loder reckte seinen Stab über Aller Häupter empor und schwenkte ihn zum Zeichen, daß man Raum schaffen und sich zum Antreten des feierlichen Ganges nach der Kapelle ordnen solle.
Zwei Stadtknechte mit Hellebarden und nach ihnen eine Schaar festlich geschmückter kleiner Mädchen, die Blätter und Blumen auf den Weg streuten, eröffneten den Zug. Hinter ihnen schritt ganz allein Loder der Trumpeter im Glanz seiner Würde als Pfeiferkönig, gefolgt von den vier Weibeln und den zwölf Meistern, die eine aufsichtführende Stellung in der Bruderschaft einnahmen. Dann kamen die Gäste, und da sich Schmasman, wohl einem alten Brauche gemäß, seine Gemahlin Herzelande zur Begleiterin erkoren, thaten ihm dies die anderen Herren nach, so daß jeder von ihnen die eigene Gattin im Zuge führte, während sich die Jugend nach Belieben zu einander gesellte. Egenolf war so glücklich oder so gewandt, sich Leontine zu erobern, und schien ihr als Partner willkommen zu sein. Graf Oswald von Thierstein aber war unzufrieden, daß er mit seiner Gemahlin nicht als Vorderster oder doch wenigstens unmittelbar hinter Schmasman und Herzelande gehen konnte, sondern noch vier andere Paare und unter diesen auch die Rathsamhausen vor sich hatte. In mürrischem Sinnen starrte er vor sich hin, als spönne er einen heimlichen Anschlag.
In endloser Reihe, Alt und Jung, Männer, Frauen und Mädchen bunt durch einander gemischt, schlossen sich die fahrenden Leute an, um an der geweihten Stätte ihrer Schutzheiligen, Unserer lieben Frau vom Dusenbach, in Andacht das Knie zu beugen. Und – o Lust und Pein! – Alle, Alle spielten mit der ganzen Kraft der Lungen und der Hände auf ihren Instrumenten ihre eigenen Weisen ohne sich in Takt und Tonart von dem bestimmen oder beirren zu lassen, was die Nachbaren im Zuge auf ihren Spielwerken zum Besten gaben. Sie bliesen und fiedelten, lautenierten und rasaunten Alle mit Gewalt darauf los, als wollte Jeder seine Melodieen, seine Sätze, Triller und Läufe am lautesten zur Geltung bringen.
An eine Unterhaltung der Paare war dabei nicht zu denken. Man sah sich verzweifelnd und lachend an und mußte diese wunderbare, sinnbetäubende Musik stumm und geduldig über sich ergehen lassen und sein gemartertes Gehör zum Opfer bringen.