Erst dicht vor der Kapelle, die der Zug nach einer halbstündigen Wanderung erreichte, schwieg auf einen Wink des Pfeiferkönigs der fürchterliche Lärm, und die plötzlich darauf eintretende Stille wirkte überraschend, aber wohlthuend und beruhigend; man athmete auf.
Die Kapelle, die in ihrem Innern ein wunderthätiges Marienbild bewahrte, lag einsam im tiefen Waldesfrieden des Thales, und ihr hellgraues Gemäuer schimmerte freundlich aus dem grünen Laub der jenseitigen Bergeshalde, zu der eine Brücke über den Dusenbach führte.
Auf der geebneten Lichtung davor stellten sich die Angekommenen in einem nach der Kapelle zu geöffneten Halbkreise auf, dessen Mitte frei blieb und dessen vorderste Reihe die geladenen Gäste einnahmen. Hinter ihnen drängte sich die Menge Schulter an Schulter bis über die Brücke hinüber und noch auf dem Wege am andern Ufer.
Der Pfeiferkönig, in der Hand eine pfundschwere Wachskerze, die er der benedeiten Jungfrau als Weihegeschenk brachte, stieg die Stufen zum Eingang empor und hielt an die Versammelten eine kurze Ansprache, mit der er sie hier bewillkommnete und zum Eintritt in das Heiligthum aufforderte, soweit es der beschränkte Raum zuließ.
Jetzt geschah etwas Unerhörtes. Ehe Einer aus dem Kreise Miene machte, der Einladung des Pfeiferkönigs zu folgen, weil Alle auf Schmasmans Anführung warteten, schritt Graf Oswald von Thierstein mit Gräfin Margarethe über den Platz und auf die Kapelle zu, um sich als die Ersten hineinzubegeben. Aber schnell vertrat ihnen Schmasman mit seiner Gemahlin den Weg und sagte: »Verzeiht, Herr Graf! ich habe den Vortritt.«
Oswald erwiederte trotzig: »Ihr? warum Ihr? ich meine, ich bin hier der Erste unter unseres Gleichen?«
»Da seid Ihr im Irrthum,« gab ihm Schmasman zur Antwort. »Vergeßt nicht, daß ich als Lehnsherr der Pfeiferbruderschaft vor allen Anderen hier den Vorrang habe.«
»Vergeßt Ihr nicht, Herr Graf von Rappoltstein,« sprach Oswald hochfahrend, »daß ich der Landvogt bin, es also mir gebührt, den ersten Rang hier einzunehmen.«
»Mit Nichten gebührt Euch das, Herr Graf!« erklärte Schmasman sehr bestimmt, »Ihr steht hier auf meinem Gebiet, und ich muß Euch bitten, die Kapelle erst nach mir zu betreten.«
»Das werde ich nicht thun, Herr Graf von Rappoltstein!« sagte Oswald in gereiztem Tone.