»Schmasman, hier am Gotteshause keinen Streit!« flüsterte Herzelande ihrem Gatten zu, »gieb nach! sie sind unsre Gäste.«
Aber Schmasman schüttelte das Haupt, warf einen Blick zu Burkhard hinüber, der von Jost von Müllenheim kaum in Ruhe zu halten war und vor Wuth ersticken wollte, und schritt mit den Worten: »Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe; hier habe ich allein zu entscheiden,« seine Gemahlin führend, an den Thiersteins vorbei und über die Stufen in die Kapelle hinein.
Graf Oswald stand bleich und rathlos und sprach heftig auf seine Gemahlin ein, die sich, leise an seinem Arme ziehend, vergeblich bemüht hatte, ihn zum Rückzug zu bewegen. Er wollte fort, hinweg von diesem Orte, mußte aber einsehen, daß ein Durchkommen über die dicht besetzte Brücke nicht möglich war. Schon waren andere Gäste dem Grafen Schmasman in die Kapelle gefolgt, und um wenigstens nicht der Letzte zu sein, blieb dem Ergrimmten nichts Anderes übrig als ebenfalls mit seiner Gemahlin die Stufen hinan und in den dämmrigen Raum hinein zu gehen.
Alle näher Stehenden hatten den überaus peinlichen Auftritt mit angesehen und den erregten Wortwechsel der beiden Betheiligten gehört. Die Gäste und noch weit mehr die Spielleute waren über das ungebührliche Vordringen des Thiersteiner Grafen empört. Die Letzteren bekundeten ihren Unwillen durch ein deutlich vernehmbares Murren, und Rufe wie »Zurück! Graf Rappoltstein voran!« wurden laut. Als sie aber sahen, daß Schmasman durch seine unerschütterliche Ruhe und Festigkeit in dem Rangstreit obsiegte, waren sie drauf und dran, ihre Freude darüber in hellem Jubel auszulassen, und die Weibel und Meister hatten Mühe, diesen, den Unterliegenden geradezu verhöhnenden Ausdruck leidenschaftlicher Parteinahme für den geliebten Lehnsherrn zu dämpfen.
Graf Oswald konnte seinen Ärger über diesen zweiten Mißerfolg seines ehrgeizigen Strebens kaum verbeißen und verbergen, zumal er sich sagen mußte, daß er sich damit bei seinen Standesgenossen eine durch nichts gut zu machende Blöße gegeben und beim gemeinen Volke sein Spiel nun erst recht ein für allemal verloren hatte. Und da war außer seinen nächsten Angehörigen Niemand, der ihm die zu Theil gewordene Zurückweisung nicht gegönnt hätte. Nur die an dem leidigen Vorfall völlig unschuldigen Thierstein'schen Damen bedauerte man, und jeder Einzelne von der adligen Gesellschaft nahm sich stillschweigend vor, durch ein doppelt freundliches und verbindliches Benehmen gegen die Gräfinnen Margarethe und Leontine den üblen Eindruck möglichst zu verwischen und ihnen zu zeigen, daß man sie für die unverzeihliche Anmaßung ihres Familienhauptes nicht im Mindesten verantwortlich machte, sondern sie nach wie vor hoch schätzte und verehrte, wie sie es für ihr liebenswürdiges Wesen verdienten.
Schwer litt Egenolf unter dem zwischen seinem und Leontinens Vater so unerwartet und scharf hervorgetretenen, muthwillig hervorgerufenen Zwiespalt, der nicht ohne Einfluß auf den geselligen Verkehr und die sich nahe berührenden Standes- und Rechtsverhältnisse der durch ihre Nachbarschaft auf einander angewiesenen Familien bleiben konnte. Im Grunde seines Herzens mußte er seinem Vater Recht und dem Grafen Oswald entschieden Unrecht geben. Dabei drängte sich ihm jedoch die ihn beunruhigende Frage auf, wie sich wohl Leontine fortan zu ihm stellen und verhalten würde. Während des Streites, dessen Zeuge sie, neben Egenolf stehend, gewesen war, hatte sie mit keinem Wort und keiner Bewegung ihre Empfindungen verrathen und war dann auch ohne jede ablehnende Gebärde an seiner Seite in die Kapelle gegangen.
Das Kirchlein war bis auf den letzten Platz gefüllt, aber die große Mehrzahl der Gläubigen mußte außerhalb bleiben und dort das Ende des Gottesdienstes abwarten.
Es war üblich, daß an diesem Tage nicht nur Messe gelesen, sondern auch eine Predigt gehalten wurde, die seit Jahren der würdige Prior des Augustinerklosters zu Rappoltsweiler zu übernehmen pflegte. Auch heute betrat er die Kanzel und wandte sich mit seinen beredten Ausführungen an die Gemüther der Spielleute und Fahrenden. Er ermahnte sie zu unverbrüchlicher Eintracht in ihrem Bunde, zu christlicher Demuth und Bescheidenheit, zu Tugend und Ehrbarkeit, Zucht und Sitte. Sie sollten einander wie Brüder und Schwestern lieben und achten; Keiner sollte sich besser und vornehmer dünken als der Andere, Keiner dem Andern seinen Platz streitig machen, sich überheben und vordrängen wollen. Mit Nachsicht und Duldsamkeit sollte Jeder, eingedenk der eigenen Sündhaftigkeit, die Schwächen und Fehler, ja Hochmuth und Eitelkeit des Anderen ertragen in der tröstlichen Gewißheit, daß auch der hienieden scheinbar am höchsten Stehende vor Gott dem Allwissenden und Allgerechten keinen Deut mehr gälte als der Geringsten einer.
Der Prior, der bis zum Beginn der Messe in der Sakristei verweilt hatte, wußte nichts von dem vorher stattgehabten Rangstreit der beiden Grafen und ahnte daher nicht, welche besondere Bedeutung seine Worte für die Hörer hatten. Diese sahen sich verwundert und mit dem Ausdruck großer Genugthuung darüber an, in welcher unabsichtlich, aber zutreffend anzüglichen Weise dem stolzen Grafen Thierstein hier ins Gewissen geredet wurde. Er selber saß in der vordersten Reihe, den Blick ohne mit einer Wimper zu zucken unverwandt auf den Redner gerichtet, als ginge ihn das in dieser Spielmannspredigt Gesagte garnichts oder doch nicht mehr als alle Übrigen an. Was sich in seinem Inneren dabei regte, was er und die rings um ihn und hinter ihm dicht Zusammengedrängten davon in ihren Gedanken und Gefühlen mit sich nahmen, das wußte auch nur der Allsehende, vor dem die Herzen der Menschen offen liegen wie ein aufgeschlagenes Buch.