VI.

Auf dem Rückwege nach Rappoltsweiler wandelte die Schaar derer, die ihrem Andachtsbedürfniß Genüge gethan, nicht in geordnetem, feierlichem Zuge wie auf dem Herwege, sondern Jedermann ging nach seinem Gefallen, und es ward auch dabei nicht musizirt. Die vom Gottesdienst Kommenden mußten sich an den geduldig Harrenden draußen vorbeidrücken, denn keiner von diesen wollte von hinnen ohne in der Kapelle gewesen zu sein und der Heiligen mit einem Kniefall und einem stillen Gebet seine Verehrung dargebracht zu haben. Das erforderte, weil die Andacht dieser frohgemuthen Menschen, deren Gewissen schwere Sünden nicht belasteten und leichte nicht bekümmerten, eine aufrichtige und herzinnige war, geraume Zeit, und ehe die Letzten dem Altar nahen konnten, langten die zuerst Heimkehrenden schon in Rappoltsweiler an. Der Kampf der beiden Grafen um den Vortritt war, von Augenzeugen den draußen Stehenden berichtet und von Mund zu Mund getragen, bald dem ganzen Spielmannsvolk bekannt geworden, und Alle dankten es laut oder leise ihrem dem Gedränge schon entschlüpften Lehnsherrn, daß er fest geblieben war und, wie sie die Sache auffaßten, damit die Ehre der Bruderschaft gewahrt hatte.

Die Herren und Damen schritten, zu plaudernden Gruppen vereint, wohlgemuth dahin. Sie wollten sich das eigenartige Vergnügen, einem Spielmannsfest beiwohnen zu können, nicht verkümmern lassen, erwähnten des Streites mit keinem Worte und thaten wie auf Verabredung ganz so, als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Die Thierstein'schen Damen wurden allerseits mit absichtlicher Auszeichnung behandelt; besonders bestrebten sich Herzelande und Isabella, von Imagina unterstützt, sie den unliebsamen Zwist vergessen zu machen, und anscheinend mit dem besten Erfolge. Auch Schmasman schloß sich ihnen eine Strecke Weges an und entschuldigte bei der Gräfin Margarethe sein übermüthiges Spielmannsvolk wegen des musikalischen Mordspektakels auf dem Herwege mit einigen scherzenden Worten, die gute Aufnahme und freundliche Erwiederung fanden. Egenolf und Bruno wetteiferten mit einander, Leontinen die artigsten Dinge zu sagen und sie zum Lächeln und Lachen zu bringen, was ihnen auch gelang.

Schwieriger war die Lage des Grafen Oswald und die von ihm als Nothwendigkeit erkannte Aufgabe, sich in den heiteren Ton der Anderen hineinzufinden, an ihrer Unterhaltung unbefangen theilzunehmen und, wenn es unbeschadet seiner Ehre geschehen konnte, sich mit Schmasman einigermaßen zu versöhnen. Er fühlte sich, wenn auch nicht äußerlich gemieden, von seinen Standesgenossen im Stich gelassen und konnte sich dem Eindruck nicht verschließen, daß ihm sein entschiedenes Vorgehen von allen verdacht wurde. Seine Freunde Friedrich von Fleckenstein und Hermann von Hattstadt suchten ihn zwar durch Gespräch auf andere Gedanken zu bringen, merkten aber sehr wohl, daß er fort und fort darüber grübelte und wußten nur nicht, ob er auf ein einlenkendes Wettmachen des begangenen Fehlers oder auf eine ihn erforderlich dünkende Vergeltung und Heimzahlung der ihm widerfahrenen Zurückweisung sann. Zu der ihm zugefügten Kränkung kam nun noch die anzügliche Predigt, die stellenweise wie auf ihn gemünzt und so gelautet hatte, als hätte der Prior schon vor der Messe noch schnell von seinem Streit mit Schmasman Mittheilung erhalten und ihm dafür von der Kanzel herab eine Verwarnung oder gar einen Verweis ertheilen wollen. Um nun zu zeigen, daß er sich von den gefallenen Anspielungen keineswegs getroffen fühlte, redete er den mitheimkehrenden Prior höflich an, sagte ihm laut, damit es möglichst Viele hören sollten, Schmeichelhaftes über seine vortreffliche, zu Herzen gehende Predigt und fragte ihn nach der Gründung der Kapelle und der Herkunft des Muttergottesbildes.

Da gesellte sich Schmasman, Oswalds Frage vernehmend und ebenso wie dieser eine Versöhnung wünschend, zu den Beiden und drückte dem Grafen seine Freude über dessen Antheilnahme an der Entstehung der Kapelle aus. Er erzählte ihm, ein Vorfahr von ihm, ein Egenolf von Rappoltstein, hätte zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts das Marienbild aus einem Kreuzzuge mit dem blinden Dogen Dandolo von Venedig mitgebracht und der heiligen Jungfrau zu Ehren das Kirchlein errichtet. Er selber hätte die Absicht, das Innere der Kapelle mit bildlichen Darstellungen aus der heiligen Legende schmücken zu lassen.

Graf Oswald ergriff sofort die Gelegenheit, sich mit Schmasman wieder auf guten Fuß zu stellen. Er lobte dessen frommes Vorhaben und bat um die Vergünstigung, zum Schmucke des alten Gotteshauses auch seinerseits etwas beitragen und zur Erinnerung an seine heutige Anwesenheit bei dem Spielmannsfest, einen Genuß, den er nur Schmasmans gütiger Einladung verdanke, ein paar gemalte Glasfenster für die Kapelle stiften zu dürfen.

Schmasman nahm dieses großmüthige Anerbieten mit Dank an und reichte dem Thiersteiner Grafen die Hand. So war denn durch beiderseitiges Entgegenkommen in ritterlicher Gesinnung und gesellschaftlichem Takt der Friede zwischen ihnen wieder hergestellt und dem Einen wie dem Anderen ein Stein von der Seele herunter.