Da rief ihm Burkhard trotzig zu: »Was wollt Ihr nicht dulden, groß–mächtiger Herr Landvogt? Bei Änderungen landesüblicher Sitten und Bräuche werden wir wohl auch noch ein Wörtlein mitzureden haben. Was sagte doch heute der Prior in seiner Predigt, die ja für Euch ganz besonders erbaulich und belehrend gewesen sein muß? Er ermahnte zu Duldsamkeit, Bescheidenheit und Demuth, Keiner solle sich vornehmer dünken und überheben, Keiner sich vordrängen und einem Andern den ihm gebührenden Platz streitig machen. Habt Ihr das schon wieder vergessen?«

Graf Oswald, der seinen Grimm kaum bezwingen konnte, entgegnete darauf: »Herr von Rathsamhausen, mir ist erzählt worden, der Kaiser, der einen Ahnherrn von Euch einst mit Schloß Lützelburg belehnte und ihn damit aus Schulden und Dürftigkeit herausriß, hätte ihm dabei gesagt, er möge nun auf diesem Lehen recht rathsam hausen. Danach führt Ihr Euren Namen, macht ihm aber geringe Ehre, wenn Ihr mit Euren Worten so wenig rathsam haushaltet.«

»Was? wollt Ihr mir den Mund verbieten?« brauste Burkhard auf. Aber in diesem Augenblicke flüsterte ihm ein Aufwärter etwas ins Ohr. »Endlich!« sagte er, stand auf und ging mit einem schadenfrohen Grinsen, das nichts Gutes weissagte, hinaus.

Ein beklommenes Schweigen trat ein; man hörte im ganzen Kreise nichts, als daß dieser und jener der Herren von seinem Weine trank, den Pokal mit leisem Klirren niedersetzte und sich aus seiner Kanne wieder einschenkte. Daß sich Burkhard wegbegeben hätte, um seinem Gegner das Feld zu räumen, glaubte keiner von ihnen.

Sie sollten nicht lange zu warten haben, bis es sich aufklärte, wozu er herausgerufen war. Bald kam er zurück, mit einer höchst seltsamen Kopfbedeckung ausstaffiert, die ihm, ohne Zweifel auf seinen im Voraus ertheilten Befehl, soeben überbracht sein mußte, denn er pflegte sie zuweilen zu fröhlichen Gelagen von Hause mitzunehmen. Es war ein ziemlich hoher Filzhut, der ringsum mit Eulenfedern besetzt war und vorn das natürliche Gesicht einer Eule mit Schnabel und Augen zeigte. Er wurde deßhalb auch »die Eule« genannt und war ein altes Erbstück und Familienheiligthum des Rathsamhausen'schen Geschlechts. Die wenigen Anwesenden, denen das Ding noch neu war, blickten verwundert dazu auf und konnten nicht errathen, was die Mummerei bedeuten sollte; den Anderen aber, die wußten, welche Bewandtniß es damit hatte, ward schwül zu Muthe.

Burkhard hatte, während er sich wieder auf seinen Platz begab, immer noch das hinterhaltige Lächeln auf den Lippen, mit dem er hinausgegangen war. Schmasman bat ihn mit besorgter Miene: »Burkhard, thu mir den Gefallen und nimm den Filz von Deinem Haupte; die Eule starrt mich mit ihren funkelnden Glasaugen gar zu rauflustig an.«

»Ist ganz zahm, Bruder!« lachte der so abenteuerlich Bedeckte boshaft; »nur aufgeblasene, aufgeplusterte Spatzen zaust und rupft sie gern.«

Die Eingeweihten, die mit Sicherheit voraussahen, was nun kommen würde, machten keinen Versuch, den Eigensinnigen von seinem geplanten Vorhaben zurückzuhalten; wenn dies Schmasman nicht vermochte, so fand ihr Widerspruch dagegen vollends kein Gehör.

Burkhard wandte sich nun, den Blick fest auf Oswald gerichtet, an die Gesellschaft und begann: »Dieser uralte Federhut, ihr Herren, besitzt Zauberkraft und verleiht mir, wenn ich ihn auf dem Kopfe trage, die unschätzbare Gabe, die Wahrheit, die volle, untrügliche, unwiderlegliche Wahrheit zu sagen, aber auch die Wahrheit zu hören, sie durch alle Verhüllungen, Entstellungen und Lügen hindurch zu erkennen. Also, Herr Graf Oswald von Thierstein, Ihr sprachet vorhin von angeblichen lächerlichen Gewohnheiten und Mißbräuchen hier zu Lande, die Ihr abstellen wolltet. Da will ich Euch denn in Wahrheit verkünden, daß es Euch nun und nimmer gelingen soll, an den althergebrachten, tief eingewurzelten Sitten und Bräuchen unseres Volkes auch nur zu rütteln, geschweige denn sie zu verdrängen und abzuschaffen. Bei jedem Schritt auf diesem gefährlichen Wege werdet Ihr mich und alle die vielen mit mir Gleichdenkenden als unüberwindliche Gegner antreffen. Und solltet Ihr es wagen, unsere ritterlichen Standesrechte, Vollmachten, Freiheiten und Privilegien anzutasten, so werdet Ihr Euch jämmerlich die Finger dabei verbrennen. Wenn Ihr dazu ins Land gekommen seid, so habt Ihr Euch in einen thörichten und verhängnißvollen Irrthum verrannt, aus dem Euch der gesammte eingeborene Adel in einer Weise heimleuchten wird, daß Ihr nicht lange mehr durch das Löwenthor dort oben aus- und eingehen werdet.«

Graf Oswald erhob sich und sprach mit zornbebender Stimme: »Nach dem, was ich soeben aus Eurem dreisten Munde gehört habe, möchte ich an die Wunderkraft der alten Vogelscheuche, die Ihr Euch närrischerweise auf Euren Querkopf gestülpt habt, beinahe glauben, denn Ihr habt die Wahrheit ganz unverschleiert ans Licht gebracht, d. h. Ihr habt mir Eure geheimsten Gedanken verrathen. Ich bin Euch hier ein Dorn im Auge und ein Pfahl im Fleische; Ihr möchtet mich gern so bald wie möglich wieder lossein, um nach wie vor, unbehindert von einem über Euch gesetzten Wächter der Ordnung, in schrankenloser Willkür schalten und walten zu können. Nun spitzet unter dem Eulenpopanz die Ohren für meine Erklärung! Ich bin als kaiserlicher Landvogt mit kaiserlicher Vollmacht hierhergekommen, um jedem Unwesen zu steuern, allen Übergriffen mit Strenge zu begegnen und Euren unbotmäßigen Trotz zu biegen oder zu brechen. Das will ich und werde Euch beweisen, daß ich es kann. Ich habe mir die Hohkönigsburg stark und fest genug aufgebaut, –«