Eine kurze Spanne Zeit verrinnt, dann kann der Ausguck aus der Neigung der Masten und dem bei der Windstille südwärts stehenden Rauch feststellen, daß der Kreuzer nach Norden fährt.
»Stopp!« Längst ist einer der Offiziere zum Ausguck heraufgestiegen. Mit äußerster Spannung starrt alles zum Mast empor und wartet auf die Meldung, die die Entscheidung bringt, ob der Durchbruch heute noch möglich ist. Wenige Stunden nur noch ist’s Tag; die Einfahrt ist nicht so leicht zu finden. Zahlreiche Riffe liegen unter der Küste, keinerlei Seezeichen oder Leuchtfeuer weisen den gefährlichen Weg. An ein Einlaufen zur Nachtzeit ist nicht zu denken. Es bleibt nur übrig, wieder weit in See hinauszugehen und am nächsten Tage den Versuch erneut zu wagen. Hält der Kreuzer seinen nördlichen Kurs durch, dann ist die Luft rein. Ist doch damit zu rechnen, daß er allein ist, da er zur Sicherung des ihm zugewiesenen Gebietes vollauf genügt. Der nächste Augenblick bringt eine böse Überraschung. »Kreuzer stoppt, geht anscheinend vor Anker!« Wahrscheinlich will das Schiff in Sicht von Land liegen bleiben, um da die Nacht abzuwarten. Was nun?
Ein Blick auf die Karte zeigt, daß der Weg zur Einfahrt in die Sudibucht kaum fünfzehn Seemeilen am Feinde vorbeiführt. Kapitän Sörensen schwankt nicht lange. Der Kreuzer hat sicherlich keine Ahnung, daß ein deutscher Blockadebrecher so dicht bei ihm steht. Wie gewöhnlich werden nach Abstellen von Kessel und Maschinen Offiziere und Mannschaften sich vor der heißen Sonne zu bergen trachten und ein schattiges Plätzchen aufsuchen. Nur auf die Wachsamkeit des Brückenpersonals kommt es an. Ist sie mangelhaft, dann kann das Wagnis glücken, und gerade damit rechnet der Kapitän. Die Feuer sind gereinigt, gleichmäßig hoch liegt die Glut unter den Kesseln, so daß der Dampfer rauchlos fahren kann, solange der Kreuzer in Sicht ist. Wie ein dumpfes Zittern geht es unter der hohen Spannung des nicht verbrauchten Dampfes durch den ganzen Schiffskörper. Der Maschinentelegraph schlägt an. »Äußerste Kraft voraus!« ... Wirbelnd dreht sich die Schraube, weißer Gischt quillt am Heck hoch ... in rasender Hast blitzen die schweren Eisenteile der Maschine, gleiten die Schieber in den Kulissen auf und ab ... in einer Minute schon hat das Schiff äußerste Fahrt aufgenommen und jagt auf Land zu... Näher und näher kommt der Kreuzer ... liegt querab ... gehen drüben Signale hoch, blitzt ein Schuß auf? ... Nichts rührt sich... Voraus die Küste ... Brandung .. Palmen... Dicht an Backbord ragen nur eben aus der See leicht umspülte Korallenriffe ... eine Bucht öffnet sich ... an beiden Seiten Land... Das Ziel... Die Blockade ist durchbrochen.
Am Ziel
»Donnerwetter, haben Sie einen Dusel gehabt, so ungeschoren hier hereinzukommen! Uns haben die Hosen geflattert, als wir Sie so dicht am Engländer vorbeijagen sahen!« meint Kapitän Schaap nach den ersten Worten der Begrüßung. Er hat lange Zeit einen kleinen Dampfer hier an der Küste gefahren und kennt jedes Loch wie seine Westentasche. Er ist der »Marie« in einem kleinen Boote entgegengefahren, um sie durch die gefährliche Einfahrt so weit aufwärts zu bringen, daß sie gegen Sicht von See aus geschützt ist und auch ohne besondere große Vorbereitungen löschen kann. Das blaue Wasser des Ozeans, das bei den geringeren Wassertiefen bereits eine zartgrüne Farbe angenommen hatte, macht jetzt trübem Braun Platz. Die Regenzeit herrscht noch, es gießt täglich mehrere Stunden vom Himmel herunter, alle Flußläufe führen Wasser, das in starkem Strom Schwemmland mit sich nach See zu reißt.
Von beiden Seiten tritt das Land näher heran. Bis weit in das Wasser stehen an einzelnen Stellen üppige Mangrovebüsche, die in ihrer tropischen Fülle kaum einen Durchblick gestatten; dahinter breitet sich die Höhen hinan Urwald. Eine undurchdringliche grüne Mauer, durch die sich Lianen und Schlinggewächse ziehen, und durch deren Dunkel sicherlich noch kein Sonnenstrahl gedrungen ist. Den Boden bildet ein wirres Durcheinander gefallener Stämme, aus deren Moder in unerschöpflicher Fülle neues Leben emporsprießt. Die Erde hier trocknet nie aus und wehrt sich erfolgreich gegen jeden Eindringling.
Hart arbeitet die Schraube gegen die Strömung an, die hier mehrere Meilen läuft. Der Dampfer muß unbedingt noch vor Anbruch der Nacht seinen Liegeplatz erreichen, um sich nicht am nächsten Tage durch aufsteigenden Rauch den Engländern, die draußen kreuzen und die Küste scharf beobachten, zu verraten. Eine vorspringende Huck wird gerundet. An Steuerbord öffnet sich der Busch, helle Häuser, Negerhütten, mit Stroh und Schilf gedeckt, treten an das Wasser heran, wo eine Aufschüttung das Anlegen von Leichtern ermöglicht: Ssudi. Querab rasselt zuerst der Steuerbord-, dann der Backbordanker in den Grund. Zweimal noch wird Kette gesteckt, bis genügend von ihr aus ist, dann liegt der Dampfer still.
Mit einem Schlage, fast ohne Uebergang, bricht die Tropennacht herein. Kaum hundert Meter ab liegt das Land. Nichts ist zu sehen, tiefe Dunkelheit lagert gleichmäßig über der Bucht und den Ufern. An Land flackert ein kleines offenes Feuer. Mehrere Gestalten zeigen sich mitunter in seinem Scheine, huschen hin und her und verschwinden im Innern einer Hütte.
Tiefe Stille breitet sich nach den Aufregungen des Tages. Kein Laut unterbricht sie. Das eintönige Rauschen des Flusses nur, der sich am Bug teilt, ist zu hören. Nach mehr als zwei Monaten die erste Nacht, in der das Stampfen der Maschine verstummt, in der nicht von Bord aus unablässig die Dunkelheit durchforscht werden muß. Kein Spähen nach dem Feinde. Wohltuende, völlige Entspannung aller Nerven. Auch heute liegt der Dampfer dicht abgeblendet, kein Lichtschimmer dringt nach außen. Diesmal freilich gilt die Vorsicht weniger dem Gegner als den Moskitos, die zu Tausenden längs des Flusses schwirren. Zum erstenmal auch seit langem sitzt die Mannschaft, bis auf die paar Leute, die in Heizraum, Maschine und an Oberdeck Wache halten, zusammen auf der Back. Helle Freude herrscht überall über die gelungene Fahrt. Besonders schmeichelhafte Urteile werden über den Engländer gefällt, der so liebenswürdig war, ihr Schiff ungestört seines Weges ziehen zu lassen. Was die nächsten Tage und Monate bringen werden, wie sich das weitere Schicksal der »Marie« gestalten wird, bekümmert sie heute nicht. Ist’s bisher gut gegangen, wird es auch ferner glücken.
Bedeutend ernster ist die Stimmung unter den Offizieren, die im Salon versammelt sind. Der gefährlichste Teil des Auftrages ist allerdings ausgeführt, und was der geglückte Durchbruch bedeutet, welchen Einfluß die Ladung auf den Fortgang der Operationen haben wird, das erzählt ihnen jetzt Kapitän Schaap, der die Nacht über an Bord bleibt. Seit Stunden schon ist die Meldung über das unbemerkte Einlaufen abgegangen. Welche Freude mag sie auslösen! Freilich noch lange nicht ist die Gefahr geschwunden, immer noch ist es möglich, daß die Engländer den Dampfer nachträglich aufspüren. Wie leicht kann es ihm dann gehen wie dem Dampfer, der ein Jahr vorher schon mit ähnlicher Ladung unter Kapitän Christiansen die Blockade brach. Auch er war glücklich in die weiter nördlich gelegene Mansa-Bucht hereingekommen. Dabei aber spürte ihn der englische Kreuzer »Hyacinth« auf und eröffnete das Feuer auf ihn. Stundenlang wurde er beschossen, bis er brennend sank. Ein glückliches Geschick ließ ihn allerdings so wegsacken, daß keine Explosion erfolgte und die Ladung geborgen werden konnte. Unendlich mühselig war die Arbeit, monatelang dauerte es, bis die letzte Kiste an Land geschafft war. Vor allem gelten die Besprechungen dem Löschen der Ladung. So leicht und selbstverständlich die Befrachtung mit Hilfe der zahlreichen Einrichtungen in der Heimat durchzuführen war, so schwer gestaltet sich hier das Löschen, wo jede Hafeneinrichtung fehlt und wo menschlicher Geist für die Maschinen Ersatz suchen muß. Glücklicherweise ist ein Teil der Besatzung der »Königsberg« dazu bestimmt, mit Hand anzulegen und hat auch bereits Vorbereitungen getroffen.