Frühzeitig begibt sich alles zur Ruhe. Der morgige Tag erfordert alle Kräfte. Draußen kreuzt der Feind, jede Stunde kann die Entdeckung bringen. Was dem Schiff selbst geschieht, ist zunächst gleichgültig, die Ladung aber muß in Sicherheit gebracht und so schnell wie möglich aus der gefährlichen Nähe des Gegners weg an die Front geschafft werden. Vorn und achtern in den Logis ist längst alles zur Ruhe gegangen. Auch im Salon verstummt allmählich das Gespräch. Einer nach dem andern sucht seine Kammer auf. Das Licht erlischt. Kein Laut mehr. Nur das gleichmäßige Auf und Ab der Wache klingt durch die Nacht.
Die ersten Sonnenstrahlen schießen im Osten hoch. Der nachtdunkle Himmel erhellt sich, wird grau, heller und heller, geht für Sekunden in flammendes Rot über, bis die Sonne über den dichtbewaldeten Höhen erscheint. Die bläulichen Morgennebel, die über Fluß und Wald lagern, scheinen in sich zu zerfließen. Eine Weile noch haften sie am Grün, dann verschwinden sie und geben den Blick frei. Das Leben erwacht. Längst sind die Ladeluken geöffnet, der Dampf für die Winden wird zur Probe angelassen. Ratternd beginnen sie sich zu drehen, die Ladebäume neigen sich zum Hieven. Gleichzeitig fast mit den Vorbereitungen an Bord stoßen von Land mehrere Leichter ab. Von Weitem schon klingen fröhliche Zurufe herüber. Leute der »Königsberg« kommen mit zahlreichen Eingeborenen, um mit Hand anzulegen beim Löschen der Ladung.
Längst bevor der Tag graut, ist der alte Eilers an Deck gekommen. Schon am Abend hat ihm Kapitän Sörensen mitgeteilt, daß Mannschaften der »Königsberg« hier an Land seien und morgen an Bord kämen. Seither hat er auch nicht einen Augenblick Ruhe gefunden. Während die andern im tiefen Schlummer der Erschöpfung noch gleichmäßig atmen, hat er sich erhoben und ist an Deck gehuscht. Ob sein Junge dabei sein wird? Sicher ist, daß er von den Kameraden Näheres über sein Schicksal erfährt. Seit dem Anbruch des Tages spähen seine Blicke ununterbrochen hinüber nach Land. Er sieht die vielen Gestalten der deutschen Seeleute, die dort an den Prähmen herumhantieren, aber die Entfernung ist zu groß, um die Gesichter erkennen zu können. Sie gleichen einander vorläufig alle. Dann endlich, viel zu langsam für seine Ungeduld, setzen sie ab und kommen bei der Strömung heran. Näher und näher. Jetzt sind Gesichter auszumachen. Tiefbraun, sonnenverbrannt. Die Stimmung unter ihnen scheint überaus vergnügt; leicht begreiflich. Gibt’s hier doch wieder seemännische Arbeit nach dem langen Einerlei der letzten Monate. Nicht eine Sekunde läßt sie der Alte aus den Augen, auf jedem einzelnen Gesicht haftet sein suchender Blick. Vorn der Junge, der könnte es wohl sein, wenn er nicht so breit und kräftig wäre, aber das Gesicht? ... Zitternd, als wenn ihm der Laut nicht aus der Kehle wollte, klingt es von der Reeling zum Boote hinunter: »Willem!« ... Und ein zweitesmal, lauter, kräftiger, als hätte er nun die Befangenheit überwunden. Mit einem Ruck fährt der Junge hoch, erstaunt sucht sein Blick nach dem, der ihn gerufen. Ein kurzes Stutzen, ein jauchzender Laut: »Vadder! Wo kumst du her? Büst du dat würklich?« Und ebenso die Antwort: »Jo, Junge, jo, ick bünt! Oh, wat’n Glück, dat ick di wedder seg!« ...
Leinen fliegen hinunter auf die Leichter, sofort werden sie belegt, und nach Minuten sind die plumpen Fahrzeuge längsseit festgemacht. Der erste, der sich über die Reeling schwingt, ist der junge Eilers. Mit einem Satz ist er bei seinem Vater. Keine Umarmung. Nur fest umschließen sich die Hände, als wollten sie sich niemals loslassen. Lange blickt der Alte dem Sohn in die Augen, dann gibt er ihn frei. Kein Wort weiter wird gewechselt. Der Junge ist noch derselbe, wie er von ihm ging, nur gehärtet noch durch die fast zwanzig Monate Krieg. Kein Kind mehr; der da vor ihm steht, ist ein Mann geworden, mit dem er wohl zufrieden sein kann. Die Arbeit ruft. Was die beiden einander sich zu sagen haben, soll bis zum Abend aufgeschoben werden.
Die Winden rattern, eine Kiste nach der andern wird geheißt, schwebt Sekunden über dem Deck und gleitet in die Leichter, die bald gefüllt nach Land zu streben, um anderen, leeren, Platz zu machen. Glühendheiß brennt die Tropensonne herunter. Längst arbeiten die Leute nur mit Troiern und Hosen bekleidet, während der Tropenhelm mit dem Nackenschleier sie gegen die sengenden Strahlen schützt. Unaufhörlich rinnt der Schweiß vom Körper. Ein flüchtiges Wischen mit dem braungebrannten Unterarm, und angespannt geht die Arbeit weiter. Sie wissen alle, worum es sich handelt. Nicht eine Sekunde darf verloren gehen, bis zum Aeußersten muß das Tageslicht ausgenutzt werden. Kaum daß die Leute sich Zeit zum Mittagessen gönnen. Lange schon haben sie handfeste deutsche Kost entbehrt und mit dem vorlieb nehmen müssen, was das Land ihnen bot. Noch aber ist der letzte Bissen nicht hinunter, als alle Hände schon wieder zugreifen. Hoch oben im Ausguck sitzt ein Matrose. Er lugt nach der Ausfahrt, um das Nahen eines Feindes zu melden. Zum Glück aber zeigt sich nichts, und ungehindert nimmt die Arbeit ihren Fortgang.
Der Abend naht, und mit einem Schlage macht die Dunkelheit dem Treiben ein Ende. Ein Teil der »Königsberg«-Mannschaft bleibt die Nacht über an Bord, um beim Morgengrauen gleich zur Stelle zu sein ... Sie sitzen an Deck, hauen in die langentbehrten Speckerbsen ein und suchen dann den Moskitos durch mächtiges Qualmen entgegenzuwirken.
Auf der Back hat sich um Eilers und seinen Jungen eine kleine Gruppe gebildet. Während des Tages haben die beiden kaum Gelegenheit gehabt, ein Wort zu wechseln. Jetzt tauschen sie, leise flüsternd, die Gedanken aus, die sie bewegen. Wie es mit dem Krieg geht, fragt der Junge, wie es in dem kleinen Häuschen zu Hause in Krautsand an der unteren Elbe aussieht, wer von den Freunden hinauszog und wer geblieben ist. Dann muß der Sohn dem Vater erzählen. Von seinen Erlebnissen, seit er Anfang Mai 1914 auf der »Königsberg« die Heimat verließ. Große Reden kann er nicht führen. Schlicht, wie sich eben alles in ihm abgespielt hat, berichtet er. Merkt nicht, wie das Gespräch um ihn mehr und mehr verstummt, wie sie alle an seinen Lippen hängen, gerührt von der Erzählung, die gerade so, wie der Junge sie wiedergibt, ein Bild des Heldentums der auf sich selbst angewiesenen und dem sicheren Tode geweihten Auslandskreuzer ist:
»Daß wir Anfang Mai von Wilhelmshaven abfuhren, weißt du ja, Vadder, und meinen Brief aus Port Said werdet ihr wohl noch bekommen haben. Dann ging die Geschichte los. Wir waren eben auf unserer Station in Tanga angekommen. Es war Ende Juli, als die Depeschen von zu Hause kamen, daß es wohl bald Krieg geben würde. Zuerst wollten wir das gar nicht glauben, dann aber nahmen wir soviel Kohlen und hatten auch einen ganzen Haufen von an Deck stehen, daß wir uns selbst sagen mußten, es würde doch ernst werden. Dann gingen wir in See, um feindliche Handelsschiffe zu jagen. Na, es hat auch gar nicht lange gedauert. Am 6. August hatten wir schon den ersten gekitscht. Ein großer Kerl war es, ein Engländer, hieß »City of Winchester«. Paar Tage behielten wir ihn bei uns, dann haben wir ihn doch versäuft, wir konnten uns nicht länger mit ihm besacken. Vater, das machte wohl Spaß. Das Schönste kam aber, als wir den englischen Kreuzer »Pegasus« zu fassen kriegten. Dieser Kerl hatte die offenen Städte an der Küste beschossen, wo sie sich doch gar nicht verteidigen konnten. Ein paar Tage haben wir den Burschen umsonst gesucht. An der Küste war er nicht mehr, er konnte nur in Sansibar sein. Wir also möglichst vorsichtig heran. Es war Sonntag morgen und noch pickeduster. Weit draußen trafen wir ein englisches Wachschiff. Drei Schüsse, und es sackte weg. Eben ging die Sonne hoch, da meldet auch schon der Ausguck, daß im Hafen, von dem wir ungefähr sechs Seemeilen ab waren, unser Kreuzer liegt. Bis auf achtzig Hektometer, weißt du, Vater, das sind acht Kilometer, gingen wir heran, und dann haben wir herausgejagt aus unseren Kanonen, was nur heraus wollte. Und ich kann dir sagen: das war fein! In einer Viertelstunde brannte der Pott lichterloh und sackte weg. Wir sahen bloß noch, wie die Boote haste was kannste nach Land pullten. Den haben wir ja fein hingekriegt!
Dann kamen aber bald böse Zeiten. Wir konnten schlecht Kohlen bekommen und waren schließlich in den Rufidji-Fluß hineingelaufen, wo einer von unseren Kohlendampfern lag. Ein halbes Dutzend Engländer ungefähr war uns auf dem Hals, und dort fanden sie uns. Herankommen an uns konnten sie nicht, weil sie zu tief gingen, aber sie wollten uns auch nicht wieder herauslassen; so haben sie einen von unseren Dampfern und einen Engländer in der Mündung versenkt. Da lagen wir nun fest. Es gab wohl noch ein paar andere Auswege nach See zu, aber da konnten wir nicht hinkommen, da es zu seicht war. Lange blieb uns auch gar nicht Zeit dazu. Sie hatten bald ein paar Kanonenboote mit Haubitzen von England geholt, die uns nun auf den Pelz rücken wollten. Das kannst du mir aber glauben, ganz leicht haben wir sie nicht an uns herangelassen.
Wir waren so weit heraufgegangen, wie nur möglich, und lagen ganz schön versteckt hinter den Palmen, als die Schießerei losging. Die großen Schiffe hatten ja öfters schon von See aus auf uns gefeuert, aber die Granaten waren alle über uns weggeflogen. Hättest mal sehen sollen, wie der Schlick hochging, wenn ein dicker Brummer mitten hineinflog.