Mit unseren Kanonen konnten wir auch nicht viel machen. Da haben wir sie an einer Seite abmontiert und an Land geschleppt. Das war eine Arbeit! Soweit wie möglich haben wir sie ja auseinandergenommen, dann ging es tagelang durch den Schlick und den Urwald nach der Mündung, ohne daß die Engländer etwas merkten. Bis zum Bauch sackten wir oft ein, aber es mußte geschafft werden, und unsere Offiziere haben uns fix herangekriegt. Immer wieder rissen wir uns hoch und keuchten weiter. Das schlimmste waren die Nächte in dem Gestrüpp. Kaum daß wir ein Plätzchen hatten, wo wir uns hinlegen konnten. Und dann die verfluchten Moskitos! Unser Doktor hatte uns aber ordentlich Chinin mitgegeben, und das aßen wir. Nach ein paar Tagen hatten wir aber auch unsere Kanonen schon aufgebaut, und als die Engländer wieder herankamen, ging’s los. Die haben ja Augen gemacht, als wir in ihrem Rücken zu ballern anfingen. Damit haben sie nicht gerechnet. Dann nahmen sie uns auch von See wieder unter Feuer. Das war ja wohl nicht ganz so schön. Die Granaten von den großen und kleinen Schiffen heulten nur so um uns herum. Äste, Zweige, ganze Baumkronen kamen von oben herunter. Trotzdem haben wir uns lange gehalten. Bis wir nicht mehr konnten. Darfst aber nicht glauben, daß vielleicht einer von uns schlapp gemacht hätte! Das gab es nicht! Die Tage wird wohl keiner von uns vergessen. Mitunter hatten wir achtundvierzig Stunden nichts zu essen. Nachts fand keiner durch den Urwald, nur die Neger, die die Wege genau kannten, brachten uns das Nötigste. Freilich, fett konnten wir dabei nicht werden. Aber wir freuten uns trotzdem, daß wir den Engländern doch ihre Geschichte mächtig versalzen haben. Als sie dann landeten und wir auch nicht recht mehr Granaten hatten, haben wir unsere Kanonen abgebaut und in Sicherheit gebracht. Nachgekommen sind sie uns nicht, dazu hatten sie viel zu viel Manschetten vor uns.
Böse wurde der Kram, als die englischen Flieger kamen. Einen haben wir heruntergeknallt, zwei andere aber konnten nachher das Feuer doch so leiten, daß die arme »Königsberg« einen Treffer nach dem andern kriegte. Im Juli haben sie uns an zwei Tagen vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein beschossen. Viel ist nicht übrig geblieben. Die Geschützmannschaften des Vorschiffes waren alle tot, der Kommandant auf der Brücke schwer verwundet, das ganze Oberdeck brannte. Im Achterschiff ging die Gebrauchsmunition an den Geschützen hoch, und schließlich fing alles Feuer. Dann ließ unser schwer verwundeter Kapitän die Munitionskammern fluten. Zweimal haben sie an Bord noch geschossen und mit dem letzten Schuß den einen von den beiden Fliegern heruntergeholt. Dann war es aus. Alles an Oberdeck war tot oder verwundet, auch der Klaus Mewes von Nachbars ist geblieben. Die noch lebten, nahmen die Verwundeten mit an Land, und dann hat unser Erster Offizier mit einem Torpedokopf unser schönes Schiff gesprengt, daß es in zwei Stücken auseinanderbrach. Die Flaggen wehten noch an den Masten, und eben vor dem Dusterwerden haben wir sie ganz zerschossen heruntergeholt und geborgen.
Über acht Monate haben sich die Engländer an uns gequält, und glaub’s mir, Vater, wenn es nicht so viele gewesen wären, hätten sie uns überhaupt nicht gekriegt. Nur die Flieger und die Haubitzen haben’s gemacht. Wir haben aber auch ein paar Gefangene mitgebracht von dem Flugzeug, das wir vor Weihnachten abgeschossen hatten. Die Kerls mußten heruntergehen und trieben an Land. Da sind wir fix losgelaufen. Sie wollten wieder ausrücken, aber wir ihnen nach, in den Modder hinein. Schön sahen wir ja nicht aus, dafür aber hatte uns unser Oberleutnant belobt und auch dem Kapitän von uns erzählt.
Dann wurden wir überall hin verteilt: ein paar kamen auf die großen Seen, andere sind bei der Schutztruppe, und auch wir an Land haben hier schon allerlei erlebt.«
»Na, Gott sei Dank, daß nur dir nichts passiert ist, mein Jung! Das ist ja die Hauptsache!«
»Ja, Vadder, jetzt geht’s uns ja tadellos. Wir haben ordentlich Schakulla gemacht. Weißt du, so sagen die Schwarzen hier, die sich am liebsten den ganzen Tag den Bauch vollschlagen möchten. Aber es ist man gut, daß du uns nicht gesehen hast, als wir vom Busch zurückkamen. Das schlimmste war die Regenzeit. Wochenlang hat es Tag und Nacht gegossen, daß wir mitunter kaum hundert Meter weit gucken konnten. Wir hatten uns wohl ein paar Hütten aus Schilf und Stroh gebaut, aber da ging das Wetter glatt durch. Unser Zeug wurde überhaupt nicht mehr trocken. Wir hatten es im Gestrüpp und an den Dornen kaputt gerissen und sahen aus, wie die Vagabunden. Dann hinterher die verfluchten Moskitos! Hungern haben wir auch manchmal dürfen. Alle paar Tage mußten wir den Hosenbund enger nähen, sonst wär’ uns die Bux weggesackt. Dann ist’s man schlecht mit dem Laufen, und das haben wir doch manchmal gemußt!«
»Da kann ich auch einen Ton mitreden«, fällt einer der älteren Obermatrosen ein, der bisher ruhig neben dem alten Eilers saß und seine Freude daran hatte, wie der junge Kamerad die Mühseligkeiten im Busch und das Ende ihres Schiffes beschreibt. »Nu verklar deinem Vater man auch die Geschichte von unserer Prise!« »Donnerwetter ja, das hätte ich beinah vergessen! Das war ’n feinen Kram, Vadder, da haben wir die Engländer belurt! Mit ihren Kanonen konnten sie uns von See aus nichts tun, dichter heran ließ sie die Sandbank nicht. Und da hatten sie nun auf einen kleinen Schlepper ein paar Kanonen gestellt und versuchten, uns mit dem auf den Pelz zu kommen. Wir hatten unser Geschütz an einer andern Stelle aufgebaut, wovon die Kerls natürlich keine Ahnung hatten. Als sie nun an uns vorbei waren, haben wir ihnen einige Granaten hineingepfeffert. Versaufen wollten sie nicht, und in ihrer Angst jagten sie auf Land zu. Kaum hat unser Bootsmaat das gesehen, als er auch schon ruft: »Jungs, das ist ja unser alter Dampfer »Adjutant«, den kitschen wir uns!« Wir raus aus dem Busch, ins Wasser hinein, und in dem Augenblick, wo er aufläuft, haben wir ihn auch schon geentert. Die Engländer kamen überhaupt nicht zur Besinnung. Unser Kommandant machte ja nicht schlechte Augen, als wir mit unserem Schlepper längsseit kamen. Das schönste war ja, daß das Boot früher einmal uns gehört hatte. Es hatte auszubrechen versucht und war dabei abgefaßt worden. Sechs Kanonen mit der ganzen Munition haben wir erbeutet und einen Offizier und einundzwanzig Mann gefangengenommen.«
Einige Male schon will der ältere dem jungen Eilers in die Rede fallen. Jetzt, als er geendet hat, wendet er sich an den Vater. »Stimmen tut ja nun woll die Geschichte, aber der Junge hat ganz zu erzählen vergessen, daß er der erste oben war und gleich den Führer an der Gurgel zu fassen kriegte. Und dabei brüllte er, daß die ganze andere Bande vor Schreck gar nicht mehr an Widerstand dachte. Mit Ihrem Jungen dürfen Sie woll zufrieden sein, das is ’n fixen Kerl.«
Der Alte strahlt. Er spricht nicht, aber seine Augen leuchten, als er die Geschichte hört. Ist ja sein Junge, sein Einziger ....