Tag für Tag geht es so in rastloser Arbeit dahin. Kaum ist die Sonne hochgekommen, als auch schon die Dampfwinden zu rattern beginnen. Tiefer und tiefer müssen die stählernen Läufer in die Laderäume hinuntergefiert werden, immer höher taucht das Schiff aus dem braunen Flußwasser. Die großen Leichter stoßen von Land ab, kommen längsseit und füllen sich. Andere treten an ihre Stelle, ohne Unterbrechung. Sengend brennt die Sonne, die Luft flimmert und flirrt, in blendendem Glanze strahlt die Oberfläche des Wassers. Noch nie haben die Schwarzen die Bana Kubas so schaffen gesehen. Daß die ihr Werk auch während der glühenden Hitze nicht unterbrechen und sich in den Schatten zurückziehen, um der Ruhe zu pflegen, ist ihnen noch nicht passiert. Das hetzende, unermüdliche Vorwärtsstreben, das keine Ermüdung zu kennen scheint, steckt schließlich aber auch sie an. Wie ein Heuschreckenschwarm stürzen sie auf die an Land aufgetürmten Kisten. Der ganze Betrieb ist wohlorganisiert. Aus den Dörfern der Umgebung sind alle Hilfsmittel aufgeboten, und willig haben sich die Schwarzen dem Befehle gefügt. Der größte Teil der Ladung geht auf Karren nach der weit ab liegenden Bahn. Knarrend und ächzend setzen sich die schweren Fahrzeuge in Bewegung und verschwinden im Dämmer des Waldes, aus dem eine Zeitlang noch das anfeuernde Geschrei der Treiber herüberdringt. Ein anderer Teil der Kisten aber wird geöffnet und der Inhalt zu Trägerlasten geteilt. Dann marschiert die lange Reihe der Schwarzen ab, das schwere Gewicht auf dem Kopfe balancierend. Das uralte System der Beförderung auf den schmalen Buschwegen, das sich noch immer bewährt.
Das schwierigste Stück aber ist der Transport der Geschütze. Was zu Hause der riesige Kran spielend in einem Augenblick bewältigte, dafür gilt es hier mit Aufbietung aller vorhandenen Kräfte Mittel zu schaffen. Glücklicherweise stehen Hände genügend zur Verfügung. Sie müssen ersetzen, was sonst nur Maschinen leisten, und es ist geradezu verblüffend, wieweit die Erfindungsgabe reicht, die schweren Gewichte zu bewegen. Zwar geht stets fast ein ganzer Tag darauf, bis eines der Rohre vom Verlassen des Laderaums auf dem Landwege weiterrollt, aber es wird geschafft. Ein Glück nur, daß die Engländer nicht ahnen, was sich hier in so geringer Entfernung trotz ihrer »wirksamen Blockade« abspielt.
Kapitän Sörensen hat bisher nicht einen Augenblick sein Schiff verlassen, trotzdem er wiederholt schon von den Besitzern der umliegenden Pflanzungen eingeladen wurde. Sie alle wollen den Mann kennenlernen, dessen kühnes Draufgängertum die Mittel herbeigeschafft hat, die Kolonie auch weiter mit Erfolg gegen die von allen Seiten herandrängenden Feinde zu verteidigen. Auf der naheliegenden Station will heute ein Offizier der Schutztruppe eintreffen. Der Ausguck von der Küstenwache meldet, daß vom Gegner nichts in Sicht sei. Der Kapitän kann also beruhigt von Bord gehen, da für den heutigen Tag eine Überraschung von seiten der Engländer ausgeschlossen ist.
Die üppige afrikanische Vegetation umfängt ihn an Land. Längst ist hier durch die Hand des Europäers der Urwald zurückgedrängt, die Axt hat Lichtungen geschaffen, um den Boden trocknen zu lassen und die so gefährlichen Ausdünstungen nach Möglichkeit zu beseitigen. Eingeborenen-Dörfer, deren Bevölkerung sich allmählich an die Arbeit, die ihnen reichlichen Unterhalt bietet, gewöhnt hat, liegen im Busch verstreut. Längst herrscht geordnetes Leben. Überall ein Bild deutschen Fleißes. Weit dehnen sich die Felder, dann machen sie fast undurchdringlichem Wald Platz, dazwischen wieder Negerdörfchen mit Eingeborenenkulturen im kleinsten Maßstabe. Ein gesegnetes Land. Mehr und mehr wird das Bestreben der Engländer erklärlich, ihre Hand auf dieses Gebiet zu legen und ihre Gier, sich festzusetzen, um ihre Kap-Kairo-Bahn dann durch rein englisches Gebiet zu führen. Am liebsten freilich schluckte es ja ganz Afrika und würfe auch seine braven Ententegenossen, die Franzosen, hinaus, denen es ja schon bei Faschoda einen derben Riegel vor den Sudan legte.
Aus tiefem Grün leuchten voraus helle Mauern und Dächer, die Gebäude der Pflanzung, auf. Mitten in wohlgepflegten Gärten erhebt sich das Wohnhaus mit der rundherumgeführten überdachten Veranda, darüber hinaus, als Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen die ragenden Kronen hoher Palmen, dichtes Laub der Gummi- und Bananenbäume. Die Ankommenden werden schon erwartet. Weiß leuchten die Kleider der Europäer von weitem herüber. Wenige Minuten später begrüßt die Frau des Hauses die Gäste. Der Krieg mit seinen Schrecken ist bis hierher noch nicht vorgedrungen. Einige Male war es wohl so, als dränge dumpfer Kanonendonner vom Rufidji herüber, das war aber auch alles. Eine Anzahl der Plantagenarbeiter ist in die Schutztruppe eingereiht worden, die militärpflichtigen Weißen sind längst eingerückt und stehen seit langen Monaten im Felde, trotzdem geht auf den Plantagen der Betrieb seinen geordneten Gang.
Die Sonne sinkt. Das Grün des Waldes färbt sich dunkler, bläuliche Abendnebel fallen ein. Es wird ruhig. Das Zirpen der Grillen und die Laute der Vögel verstummen allmählich. Noch weitere Gäste finden sich ein. Angestellte der benachbarten Plantagen, ein Missionar und der Kapitän eines der Dampfer der deutschen Ostafrikalinie, der sein Schiff in Daressalam liegen hatte und es auf Strand setzte, damit es den Engländern nicht in die Hände fiele. Ein Rufen draußen, Stimmengewirr. »Hallo, Fritz, ist der Bana Kuba zu Hause?« Rasche Schritte kommen die Treppe herauf, eine schlanke Gestalt in Schutztruppenuniform erscheint. Der letzte erwartete Gast.
Alles ist wie daheim in Deutschland. Die weißgedeckte mit Blumen geschmückte Tafel, das Geschirr, die blitzenden Gläser. Nur die zahlreiche schwarze Bedienung verrät, daß die Heimat weit, weit ab ist. Die Gäste werden einander bekannt gemacht.
Der Schutztruppenoffizier preßt die Hand Sörensens, als wolle er sie gar nicht mehr loslassen. »Sie glauben gar nicht, Herr Kapitän, welche Freude Sie uns mit ihrer Ankunft gemacht haben. Wie haben Sie es bloß fertiggebracht, durch die englischen Linien zu kommen?«
Sörensen versucht sich zu sträuben, schließlich muß er aber doch berichten. Er macht nicht viel Aufhebens von seiner Fahrt, erzählt in einfachen Worten, wie sie im eisigen Nordwest herausgingen, berichtet das Abschütteln des Hilfskreuzers, die Begegnung mit dem vermeintlichen englischen U-Boot, die Hilfe in der Not und die gänzlich ungestörte Fahrt, bis der englische Blockadekreuzer hier ums Haar fast die ganze Unternehmung zum Scheitern gebracht hätte. So einfach und schlicht schildert er alles, als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt gewesen wäre, als wenn die ganze See so rein wie im tiefsten Frieden gelegen hätte. Er erwähnt ja nicht, daß Tage und Nächte kamen, in denen der bis zum äußersten angestrengte Körper nicht eine Sekunde Schlaf finden durfte, weil der Führer jederzeit auf seinem Posten sein mußte, in denen wieder und wieder jede einzelne Minute das Ende bringen konnte. Er ist bald mit seiner Erzählung zu Ende. Und als wollte er die Gedanken, die mit ihm soeben die gefährliche Fahrt durch die Linien der Feinde machten, ablenken, beginnt er von der Heimat zu erzählen. Wie sie da noch immer nach eineinhalb Jahren wie ein Mann ständen, wie die Mauern im Osten und Westen, die nicht wankten und wichen, sondern sich unwiderstehlich weiter vorschöben. Erzählt, wie die U-Boote hinauszögen, um ein Schiff nach dem andern zu versenken, wie die englische Flotte sich in die äußersten Winkel der schottischen Buchten verkröche und nicht herauszukommen wage. Er berichtet von den U-Booten, die in Gallipoli die englischen Schiffe zum Rückzug zwangen und dadurch den Kampf dort entschieden. Kurz bevor er die Heimat verließ, seien die Engländer dort sang- und klanglos im Nebel abgezogen, nachdem Hunderttausende von ihnen gefallen waren. Was er als alt berichtet, das scheint den Leuten, die mit ihm an der Tafel sitzen, ein Märchen, zu schön fast, es zu glauben; und ist doch alles Wahrheit. Hier sitzt einer, der diese gefährliche Waffe, die Englands ganze Seemacht lähmt, kennt, der ihr Wirken selbst beobachtet hat, der die kleinen grauen Gesellen oft von ihren glänzenden Fahrten hat zurückkehren sehen und ihre Führer kennt. Unaufhörlich muß er sprechen, erzählen, berichten, bis er sich dann dem Schutztruppler zuwendet.
»Nun möchte ich Ihnen aber auch noch erzählen, wie stolz wir auf Sie sind. Es sind ja viele Nachrichten zu uns gekommen, und die Engländer haben das Blaue vom Himmel heruntergeflunkert, um der Welt weiszumachen, daß es nur noch Wochen dauern könnte, bis auch unsere letzte Kolonie in ihren Händen sein würde.« Der Schutztruppler lacht, daß die weißen Zähne nur so aus dem schwarzgebrannten Gesicht leuchten. »Na, so ganz einfach wollen wir ihnen die Sache doch nicht machen. Haare haben sie ja bisher schon mächtig lassen müssen!«