Für den Augenblick ist die Gefahr beseitigt. Für den Augenblick nur! Das Tageslicht aber bringt den beiden Kanonenbooten gewiß Verstärkung, gegen die auch die Batterie an Land nichts ausrichten kann.
Der Dampfer hat gedreht, um sich stromaufwärts dem Gegner zu entziehen. Kaum graut der Tag herauf, als das Auftauchen einer Rauchwolke in See gemeldet wird. Zwei dünne Masten und mehrere Schornsteine verraten, daß den beiden Kanonenbooten ein Kreuzer zu Hilfe kommt. Um acht Uhr morgens etwa ist er heran. Signale gehen auf den Schiffen hoch, unmittelbar hinterher blitzt es auf dem zuletzt angekommenen, das etwa fünf Kilometer absteht, auf, und der dröhnende Schall eines Schusses kommt herüber. Weißer Pulverqualm legt sich in dichten Schwaden um das graue Schiff, zieht im leichten Morgenwind langsam achteraus. Drei, vier Flammen spritzen gleichzeitig aus der Wolke, heulend fegen die Granaten heran. Über das Schiff hinweg schlagen sie in das Wasser ein, das sich zu hohen Säulen hebt. Aber näher, immer näher kommen sie. Dazwischen schwirren die kleinen Geschosse der beiden Kanonenboote, die sich jetzt, im Schutz des größeren, wieder heranwagen.
Ein schmetternder Schlag. Rötlicher Feuerschein flammt auf, bräunlich weiß ballt sich Qualm auf dem Achterdeck. Ein Treffer. Sprengstücke schwirren umher, das Wasser zischt unter glühenden Splittern, zerrissene Holz- und Eisenteile wirbeln losgerissen durch die Luft .... Da, wieder ... ein zweiter Volltreffer auf das hilflose Schiff. Die Granate reißt eine schwere Eisenplatte wie ein Stück Papier aus der Reeling, krümmt sie zusammen und schmettert sie krachend auf den achtern Aufbau.
Eine Stunde schon dauert die Beschießung und nimmt an Heftigkeit noch zu. Nicht nur dem Schiff gelten die schweren Geschosse, überall streuen sie das Land ab. Bald hier, bald da hebt sich aus dunklem Grün weißer Qualm, wie ein ragender Baum wächst er über die Umgebung hinaus. Der Wind faßt ihn und reißt Fetzen von ihm herab, die wie graue Nebelschleier über die Wipfel hinwegziehen. Dort peitschte die einschlagende Granate den weißen Sand hoch, drüben gräbt sich eine in den graubraunen Modder des Watts ein, daß die schweren Brocken klatschend hochjagen. Und näher tasten sie heran .... Ein dritter Treffer. Diesmal gilt es der Ladewinde am achtersten Luk. Die nächste Granate schlägt Sekunden darauf in die Wohnräume. Beizender Brandgeruch quillt aus den Seitenfenstern, das Holz, die Vorhänge, die ganze Einrichtung brennen.
Die Besatzung hat untätig die Beschießung über sich ergehen lassen müssen. Vergebens hatte sie versucht, sich in einem Boot an Land in Sicherheit zu bringen. Kaum ist es gefiert, als es von Geschossen durchsiebt wird und sinkt. Und noch ist kein Ende abzusehen. Wieder fegt eine Fünfzehn-Zentimeter-Granate heran und schmettert auf einen schweren eisernen Ventilator auf. Als formlose Masse fliegt er zehn Meter weit gegen die Reeling. Andere Treffer durchschlagen die Bordwände über und unter der Wasserlinie. Wie ein Sieb ist das ganze Achterdeck durchlöchert, ein grauenvolles Durcheinander von zerrissenen und verbogenen Eisenteilen.
Zwei Stunden dauert die Beschießung. Dann, mit einem Schlage, verstummt das Getöse, das ununterbrochen die Luft erfüllte. Als sich die Pulverschwaden, die in dichten Wolken fast bis zur Höhe der Masten auf dem Wasser lagern, allmählich verziehen, werden die Gegner, von denen man während der Beschießung nur den fahlen Blitz der Mündungsfeuer sah, wieder deutlich erkennbar. Der Kleine Kreuzer, der bisher in einem Abstand von fünf Kilometer gestanden hatte, hält in voller Fahrt nach See zu, die beiden Kanonenboote folgen. Drüben glauben sie offenbar, das Vernichtungswerk gründlich getan zu haben. Was vom deutschen Schiff nach der Beschießung mit achthundert Fünfzehn-Zentimeter-Granaten und tausenden kleineren Geschossen noch übrig ist, kann ihrer Ansicht nach nur zerbeultes und zerschmettertes Eisen sein, über das längst das Wasser der Bucht hinwegrauscht. Auch von der Besatzung kann längst nichts mehr leben, was an Bord blieb und nicht die rettende Küste zu erreichen vermochte. Selbst dort aber haben die englischen Geschosse alles abgestreut. Wie es in Wirklichkeit aussieht, wissen sie freilich nicht. Die beiden Kanonenboote haben bereits am frühen Morgen erlebt, daß die deutschen Geschütze tüchtig zu beißen verstehen. Die bitteren Erfahrungen, die sie mit den Deutschen an so manchen anderen Stellen auch gemacht haben, lassen ihnen Vorsicht als das bessere Teil der Tapferkeit erscheinen. So dünkt es ihnen also auch jetzt nicht geraten, sich durch einen Vorstoß von der wirklich erfolgten Vernichtung des Dampfers zu überzeugen. Ihrer Ansicht nach haben die beobachteten Treffer, die das Ziel dauernd in den Qualm der berstenden Granaten hüllten, vollauf genügt. Sahen sie doch selbst zum Schlusse, wie schwelender Rauch und züngelnde Flammen aus dem Wrack hervorbrachen. Beruhigt gehen sie in See und nach ihrem Stützpunkt, um dort die Ausführung des erhaltenen Auftrages zu melden.
Noch haben sich die Nerven von der Beschießung, in der während zweier qualvoll langer Stunden die Luft vom Heulen der Granaten und dem berstenden Krachen der aufschlagenden Geschosse erfüllt schien, nicht beruhigt, als Kapitän Sörensen bereits Leute nach allen Stellen des Schiffes schickt, um vorerst festzustellen, wie schwer die Beschädigungen sind und ob überhaupt die Möglichkeit besteht, den Dampfer hier, wo man nur auf Bordmittel angewiesen ist, wieder instand zu setzen.
Zum Glück ist von der ganzen Besatzung, so unglaublich es auch scheint, niemand verletzt. Ein Granatsplitter nur ist einem Matrosen gegen den Oberschenkel geprellt und hat ein Geldstück in seiner Tasche verbeult, um dann kraftlos an Deck zu fallen. Das ist aber, bis auf den blauen Fleck, den der Besitzer der rettenden Münze jedenfalls davongetragen hat, alles. Desto böser sieht das arme Schiff aus. An mehreren Stellen ist die Reeling durchschlagen, zackige Eisenfetzen starren binnenbords. Die achteren Aufbauten mit ihren Unterkunftsräumen sind wie weggeblasen, die Lukensülls verbogen und durchlöchert. Ein wirrer Haufen von zerschmettertem Eisen starrt, wie zu einem unlösbaren Ganzen zusammengeschweißt, vom Oberdeck empor, und mühselig heißt es darüber hinwegklettern, um nach dem Heck zu gelangen.
Fast alle Boote sind zerschossen und unbrauchbar, die Davits sind krummgebogen oder gänzlich abrasiert. Die über Deck führende Ruderleitung ist zerrissen, wirr hängen die Ladebäume an den Masten.
Stickig dunkler Rauch quillt aus den Wohnräumen der Offiziere und Mannschaften. Matratzen, Decken und Vorhänge haben Feuer gefangen und glimmen unter den Trümmern weiter. Schnell werden einige Leute abgeteilt, um den Brand zu löschen, dann geht es unter Deck. Zum Glück kann der leitende Maschinist melden, daß Maschine und Kessel nach oberflächlicher Untersuchung unversehrt sind. Zwar sind einige Splitter durch die Heizräume und Bunker gedrungen, sie haben aber keinen Schaden, der den Betrieb stören könnte, angerichtet.