Die meisten Treffer haben die Bordwände des Achterschiffes abbekommen. An der Backbordseite sind sie an mehreren Stellen glatt durchgeschlagen, anderwärts wieder eingebeult. Am bösartigsten aber sind einige Treffer in und unter der Wasserlinie. Hier schwabbert das Wasser langsam durch ein Leck herein, dort strömt es in dickem Strahl in das Schiffsinnere. Das Plätschern verrät, daß noch mehr lecke Stellen vorhanden sein müssen und daß schon erhebliche Mengen in die untersten Räume eingedrungen sind. Hier vor allem muß eingegriffen werden, um das Schiff nur überhaupt schwimmend zu erhalten.
Die Lenzpumpen werden angestellt. Ihr taktmäßiges Schlagen und gleich darauf ein Wasserschwall, der sich aus dem Lenzrohr nach außenbords ergießt, zeigen, daß sie heil geblieben sind und das Schiff über Wasser zu halten vermögen. Dann geht es nach kurzer Besprechung an das Dichten der zahlreichen Leckstellen. Pfropfen aus Holz werden mit Aexten und Sägen hergerichtet und in die Löcher getrieben, Zementpackungen davorgelegt, um das Wasser auch sicher abzuschließen. Tag und Nacht heißt es durcharbeiten, um das Abdichten möglichst schnell zu vollenden. Die Anwesenheit des Schiffes ist dem Feinde bekannt. Nur Tage kann es dauern, bis die Engländer erfahren, daß der Dampfer schwimmt, daß Rauch aus seinem Schornstein steigt; und kommen sie ein zweites Mal, dann ist es zu Ende. So schnell wie möglich also muß die Bucht verlassen werden.
Wieder einmal senkt sich die tropische Nacht mit ihrem leuchtenden Sternenhimmel über die Ssudibucht. Heute gibt es keine Ruhe an Bord. Dumpfes Hämmern und Pochen dringt aus dem Innern, eine Säge kreischt, die Pumpen schlagen, in dickem Schwalle fließt das aus den Bilgen gesogene Wasser. Todmüde sinkt die Mannschaft auf notdürftig hergerichtete Lagerstätten zum kurzen Schlummer nieder, der erste Sonnenstrahl aber findet sie schon wieder an der Arbeit.
Was unter Deck nur einigermaßen entbehrlich ist, muß helfen, das Oberdeck herzurichten, daß es wenigstens so weit gangbar wird, um die Sicherheit des Schiffes nicht zu beeinträchtigen. Ein schweres Stück Arbeit ist mit den teilweise ungenügenden Werkzeugen zu vollführen; die verbogenen Teile sind dort, wo sie den Verkehr stören, zu richten oder, wo das nicht mehr möglich ist, gänzlich zu beseitigen. Starrende Zacken werden mit schweren Hämmern zurückgeschlagen oder abgestemmt, zerfetzte Planken abgesägt. Zerschossene Stagen werden erneuert, andere nachgesetzt. Was nicht mehr herzustellen ist oder vom Feuer zerstört wurde, fliegt über Bord.
Fieberhaft wird an allen Stellen gearbeitet. Ein jeder weiß, daß nur äußerste Anspannung die Rettung bringen kann. Jede Minute ist kostbar. Gerade nur die Zeit wird erübrigt, um in aller Hast die Mahlzeiten einzunehmen. Ein verlorener Augenblick kann das »Zu spät« bedeuten ... und dann scheint es, als ob all die furchtbare Anspannung dennoch vergeblich gewesen wäre: Der Feind!
Mitten in die Arbeit klingt plötzlich der Ruf, die Engländer! Mehrere Rauchwolken werden gesichtet, Masten und Schornsteine kommen über die Kimm hoch, in schneller Fahrt nähert sich der Gegner. Zwei Kreuzer, zwei Kanonenboote und ein Wachfahrzeug gegen einen wehrlosen deutschen Frachtdampfer. Das Ende ...
Und wieder, wie vor fünf Tagen, blitzen die Mündungsfeuer, rauscht die Luft unter den heranjagenden Granaten, wallt der Pulverdampf auf. Salve auf Salve wird gefeuert ... hoch stiebt an Land der Sand auf ... eine Lage dicht neben der anderen. Wie eine Wolke breitet sich ein Vorhang von Staub und Rauch. Prasselnd fahren die Geschosse in das Grün hinein, brechen Zweige, knicken und zerschmettern Kronen und reißen Lücken in den Wald.
Der erste Schuß hat der Arbeit ein jähes Ende gemacht. Wozu jetzt noch die Anstrengung? Was sie mühevoll in fünf Tagen aufgerichtet haben, schmettert der nächste Treffer doch in Trümmer ... in sein Schicksal ergeben, starrt jeder auf die Stelle, wo er den nächsten Aufschlag erwartet ... er kommt nicht. Unaufhörlich feuern sie drüben und setzen ihre Schießerei fort. Bald auf diesem, dann wieder auf jenem Schiffe blitzt es auf, ohne Unterbrechung fast fegen die Granaten heran ... über das Schiff weg ... in den Sand ... als ob eine unsichtbare mächtige Hand die deutschen Seeleute beschützte ... zweieinhalb Stunden ... nicht ein einziger Treffer ... nur immer wieder das Getöse in der Luft und der jäh auseinanderstiebende Sand. Dann ist die Schlacht geschlagen, der britische Sieg gegen den Sand an der Sudibucht glorreich vollendet. Stolz ziehen die englischen Schiffe in Kiellinie seewärts ab ...
Und wieder dröhnen Hämmer auf verbogenes oder zerfetztes Eisen, stemmen sich zum Zerreißen angespannte Muskeln unter schwere Platten ... ohne Ruhe ... ohne Pause ... tagelang, bis es geschafft ist.
Auf der Brücke ist Kapitän Sörensen mit seinen Offizieren und Kapitän Schaap versammelt. Schiffsrat. Jeder Tag, der hier länger verweilt wird, kann den Gegner zum drittenmal heranbringen. Rauchfahnen zeigen, daß er auf Wache ist und die Küste weiter blockiert. Die Wahl der Wege ist nicht groß, nur zwei stehen zur Verfügung. Es heißt, entweder hierbleiben und das Schiff preisgeben oder den Durchbruch wagen und versuchen, den Dampfer in Sicherheit zu bringen. Der erste Weg ist einfach, der zweite ungeheuer schwierig, voll der größten Gefahren.