Vor der Bucht liegen die englischen Kreuzer und Wachschiffe. Durch sie hindurch führt der Weg in die Freiheit. Da gibt’s kein Schwanken. Also, durch! ...
In die Freiheit
Dünner Rauch zieht aus dem Schornstein in die Luft, die unter der sengenden Tropensonne leicht flimmert. Die Seebrise faßt ihn und führt ihn landeinwärts, wo er verweht. Ruhig, wie in tiefstem Frieden liegt die Bucht. Am Ufer der weißleuchtende Sand, in dem sich deutlich noch die Krater, die englische Granaten hier eingewühlt haben, abzeichnen, dahinter der tiefgrüne Wald, der sich zu den Anhöhen hinaufzieht. Wattvögel stelzen über den Schlick, tauchen hier und da den Schnabel ein, um das Getier, das bei der Ebbe zurückblieb, zu haschen. Hoch oben kreisen zwei Bussarde. Langsam ziehen sie ihre Kreise, bis sie dann plötzlich in jähem Sturze herunterschießen auf ihre Beute.
Die Sonne sinkt hinter die Höhenzüge, die im bläulichen Dunst des Abends herüberschimmern. Die Dämmerung bricht herein, in wenigen Minuten ist die Nacht da. Der leichte Qualm, der die letzten Stunden kaum sichtbar aus dem Schornstein zog, verdichtet sich zu schwarzen Wolken, die in breiter Bahn achteraus treiben.
Bunkertüren klappen, gefüllte Eimer gleiten heraus, werden im Heizraum umgekippt, rote Glut strahlt aus geöffneten Feuerungen, in hohem Bogen prasselt eine Schaufel Kohle nach der anderen hinein. Dann wieder fahren lange Schüreisen über die Roste. Auf der Brücke liegen Seekarten ausgebreitet. Die beiden Kapitäne sind über sie gebeugt. Flüsternd tauschen sie noch einmal die Gedanken über das, was die nächsten Stunden bringen werden, messen mit dem Zirkel nach, prüfen, überlegen.
Der leitende Maschinist meldet die Maschine betriebsklar, der Erste Offizier steht mit seinen Leuten klar zum Ankerlichten. Alles ist bereit.
»Anker lichten!« Zischend strömt der Dampf in die Spillmaschine, der Anker kommt aus dem Grund, der Maschinentelegraph schrillt. Die Schraube dreht sich, ein Zittern geht durch das Schiff. Leicht schneidet der Bug das Wasser, das Schiff gleitet in die Fahrrinne und strebt in tiefer Dunkelheit der Ausfahrt zu. Kein Lichtschein dringt nach außen, jedes Geräusch wird vermieden, nur das Klatschen der aus dem Wasser schlagenden Schraubenflügel ist zu hören.
Überall auf Back, Vorschiff und Brücke spähen die deutschen Seeleute in die Dunkelheit hinaus. Auf der Back stehen zwei Schatten, die unverwandt vorausstarren. Der alte Eilers mit seinem Jungen. Während der langen Monate im Busch hat die Malaria den Sohn gefaßt. Infolge mehrerer Rückfälle darf er an Stelle eines der fünf an Land Gebliebenen einspringen.
Gespenstisch leuchtet aus dem tiefen Schwarz ein Streifen weißen Sandes herüber: das afrikanische Land. Eine Stunde lang dauert die Fahrt in die Nacht hinein, dann klingt es wie leises Rauschen herüber. Die Brandung. Das Schiff nähert sich der Ausfahrt. Frischer Seewind streicht über Deck, die leichte Dünung des Indischen Ozeans, die in die Bucht hineinsteht, läßt das Wasser stärker gegen die Bordwand klatschen.
»Licht voraus!« Fünf Seemeilen ab schimmern die Laternen eines Schiffes durch die Nacht. Deutlich hebt sich zuerst ein Licht ab, bis dann mehrere auszumachen sind. Eine stärker leuchtende Lampe, die an Deck brennt, gedämpfterer Schein, der aus einigen Seitenfenstern im Vor- und Achterschiff dringt. Ein feindlicher Kreuzer. Die Lichter verändern ihre Stellung nicht, das Schiff liegt ruhig vor Anker.