Durch das Sprachrohr geht der Befehl nach Heizraum und Maschine, daß kein Laut nach außen dringen darf. Flüsternd gibt Kapitän Schaap dem Rudergänger seine Anweisung. Leicht dreht der Dampfer nach Backbord, um dem Feind auszuweichen. Weiß leuchtet in nächster Nähe das Wasser, brandet die See gegen Korallenriffe, die eben nur über die Oberfläche ragen, hart an das Riff heran klemmt sich das Schiff. Dicht voraus wieder eine verräterisch brandende Stelle, auch dort sperrt eine Untiefe den Weg. Mit Steuerbordruder wird sie umgangen ... da ... voraus ein zweites englisches Schiff ... in nächster Nähe ... ein einziges kleines Licht nur brennt an Oberdeck ... wie in der Luft hängend ... vom Schiffskörper ist nichts zu sehen, er scheint eins mit dem Dunkel ....

An Steuerbord die Lichter des Kreuzers, an Backbord Korallenriffe, voraus das zweite feindliche Schiff. Nur ein Weg steht offen, unmittelbar an dem soeben gesichteten Gegner vorbei ...

Mit ganz langsamer Fahrt, lautlos schiebt sich der Dampfer heran. Hundert Meter noch steht er ab ... Der Schornstein ... zwei Masten ... der Rumpf ... die Brücke ... kein Mensch ..., und näher noch führt der Weg ... bis auf fünfzig Meter. Dann liegt er querab ... Deutlich treten drüben die Deckaufbauten hervor, fast greifbar nahe ... jede Sekunde muß die Entdeckung bringen ... Qualvoll ... Gellt nicht ein Schrei über Deck ... stürzen sie dort nicht aus den Niedergängen hoch ... ist denn keine Wache auf der Brücke ... kein Posten an Deck? ... nichts....

Langsam, geräuschlos schiebt sich der deutsche Dampfer vorbei ... die Aufbauten verschwimmen ... Masten und Schornstein verwischen sich ... der Rumpf scheint zu zerfließen ... mehrere hundert Meter achteraus liegt das Kanonenboot ... die Gefahr ist vorbei, voraus das schützende Dunkel .... Wie ein Aufatmen geht es durch die ganze Besatzung.... Die Maschine steigert ihre Umdrehungen, schneller mahlt die Schraube, immer größer wird die Entfernung.

Voraus schießt ein greller Lichtkegel in die Nacht hinaus ... ein dritter Feind, noch gefährlicher als der frühere ... der wacht ... tastend streift sein Licht über die See ... scheint sich in weiter Ferne zu verlieren ... sucht ... spürt ... schlägt herum ... näher heran ... steht fest, als hätte es etwas gefaßt, dann wieder löst es sich ... jetzt ... jetzt kommt es heran ... bis zum Halse hoch schlägt das Herz ... zum Äußersten gespannt sind die Nerven ... wie gebannt starrt alles auf die Lichtbahn ... näher ... näher ... es steht ... schlägt um nach der entgegengesetzten Seite ... erlischt ....

Mit höchster Fahrt jagt der Dampfer in die See hinaus. Die Maschinen stampfen, das Schiff zittert, in schnellen Schlägen peitschen die Schraubenflügel das Wasser. Zwei Stunden höchster Spannung noch, dann ist die Gefahrzone passiert. Kein Lichtstrahl der vor der Bucht ankernden Schiffe dringt bis hierher.

Der nächste Morgen muß die deutschen Seeleute so weit wie möglich vom Land ab sehen. Mit unverminderter Kraft jagt der Dampfer dahin. Im Osten dämmert der Tag. In Sicherheit. Mehr als fünfzig Meilen hat die Nacht zwischen Küste und Schiff gebracht; wieder einmal ist ein Durchbruch geglückt.

In märchenhafter Pracht blaut der Indische Ozean. Heiß strahlt die Tropensonne auf die vom Ostwind leicht bewegte Fläche herab. Nichts zeigt sich; einsam zieht der deutsche Dampfer seinen Weg nach den holländisch-indischen Inseln zu. Ein Bild tiefsten Friedens. Und die Stille und Ruhe in der Natur überträgt sich auch auf die Besatzung. Furchtbare Tage liegen hinter ihnen: Die aufreibende Arbeit des Löschens, das vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein währte, das Klarmachen, die Vorbereitungen zum Durchbruch, die Beschießung am 11. April, die darauf folgende am 16. April und die unendlich mühevolle Beseitigung der Beschädigungen, um das Schiff wieder nur einigermaßen seeklar zu bekommen.

Jetzt erst, wo die Nerven seit langem wieder einmal nicht ständig bis zum äußersten aufgepeitscht sein müssen, macht sich die furchtbare Abspannung fühlbar. Bleiern tief schlafen die Leute, die nicht auf Wache sind, und Kapitän Sörensen gönnt ihnen die Ruhe, die sie nach ihrem glänzenden Verhalten so wohl verdient haben. Von hier ab ist die Gefahr verhältnismäßig gering. Es gilt nur noch den Dampfertreck Kap-Indien, der infolge der Schwierigkeiten der Passage des Suezkanals jetzt mehr benutzt wird, zu kreuzen; voraussichtlich aber werden feindliche Kriegsschiffe nicht angetroffen werden. Alles, was auf den Ausland-Stationen nur irgendwie entbehrlich war, ist jetzt zur Sicherung der Schiffahrt um England, im Atlantik und im Mittelmeer dahin gezogen worden.

Ruhig und ohne Zwischenfälle gehen die Tage dahin. Was noch repariert werden muß, wird jetzt vorgenommen. Das Achterdeck, das besonders schwer gelitten hat, wird aufgeklart und die Beschädigungen nach außenbords möglichst verborgen. Die Löcher, die sich dort an einigen Stellen wie ein Sieb aneinanderreihen, werden notdürftig geflickt und übermalt, um vorbeifahrenden Schiffen nichts nach außenhin Verdächtiges zu bieten. Außer den fünf Fünfzehn-Zentimeter-Granaten haben über hundert Treffer kleineren Kalibers die Bordwände und das Oberdeck beschädigt. Mit Stemmeisen, Hämmern, Sägen und sonstigem nur irgendwie geeignetem Handwerkszeug wird gearbeitet. Das Klopfen und Hämmern hört nur auf, wenn alle Hände gemeinsam zufassen müssen, um schwere Gewichte zu bewegen. Freilich, der Unterschied zwischen der Arbeit jetzt und dem atemlosen Hetzen vor wenigen Tagen in der Sudibucht, wo nur die Schnelligkeit gleichzeitig auch die Rettung bedeuten mußte, ist groß. Mitten in das Klingen und Hämmern fliegen Scherzworte, die zeigen, wie vergnügt die Stimmung an Bord ist. –