»Mann über Bord!« Gellend klingt der Ruf vom Achterdeck und wird auf der Brücke aufgenommen. Mit einem Satz springt der wachhabende Offizier an die Backbordnock. Achteraus, dort, wo soeben in hohem Schwunge ein Ring auf die Oberfläche aufklatscht, treibt ein Mann im Wasser. Grell leuchtet der weiße Ring in der blendenden Sonne.

»Stopp!« »Äußerste Kraft rückwärts!« »Wer ist da über Bord gefallen?« Vier Stimmen antworten gleichzeitig: »Der alte Eilers.« Eben als der Name erklingt, springt eine Gestalt unter die an der Backbordreeling stehenden Leute, die achteraus zeigen. Ein in der Aufregung halberstickter Schrei: »Mein Vater? ... Wo?« ... Seine Augen folgen den ausgestreckten Händen, und bevor noch jemand ihn halten kann, saust er mit einem Satz über die Reeling hinweg, über Bord ... Sekunden später ist er im Schraubenwasser.

Unter dem Druck der Schraube, die sich mit äußerster Kraft dreht, wirbelt und strudelt die Oberfläche. Weiß schäumt das Wasser am Heck, reißt Trichter, in die sich brausend das Wasser stürzt, um sich an anderen Stellen wieder zu krausen Buckeln zu wölben .... Dreißig Meter hinter dem Schiff erst kommt der Körper wieder hoch ... auch ihm ist sofort ein Rettungsring nachgeflogen ... faßt er ihn? ... Wieder wirbelt es den treibenden Mann hinab ... stößt ihn hoch ... er greift zu ... er hält ihn ... Sekunden nur sind verflossen seit dem Augenblick, da der alte Mann über Bord stürzte und sein Sohn ihm nachsprang.

Der Dampfer hat gestoppt und dreht auf die beiden im Wasser Schwimmenden zu. Das einzige noch heil gebliebene Boot wird schnell besetzt und gleitet gleich darauf mit langen Schlägen zunächst auf den alten Eilers zu. Jetzt sind sie dicht bei. Die Riemen werden eingenommen, kräftige Fäuste packen den Alten und ziehen ihn ins Boot. Er ist sichtlich erschöpft. Zum Glück hat er gleich den zugeworfenen Ring gefaßt und ist mit dessen Hilfe noch glimpflich davongekommen. Dann geht es zu dem näher am Schiff treibenden Jungen hinüber.

Das Boot nähert sich. Die beiden Leute der vordersten Ducht rufen ihn an. Keine Antwort. Gleichmäßig heben die Wellen den Körper im Ring ... jetzt sind sie heran ... Ein dünner Blutstreifen sickert aus dem Haar über das blasse Gesicht. Jede Welle wäscht ihn weg, immer wieder aber zeigt sich der rote Faden von neuem ... er ist verletzt. Die Schraube muß ihn gefaßt haben. Vorsichtig wird er ins Boot gezogen. Schwer, wie leblos gleitet der Körper aus den Händen, die ihn fürsorglich ins Boot legen, neben den Alten hin. Der hat sich inzwischen auf die achterste Ducht gesetzt. Unendlich behutsam, wie man es den harten Seemannsfäusten gar nicht zumutet, bettet er den Kopf des Ohnmächtigen auf seinem Schoße. Hilfsbereit hat ihm der Bootssteuerer ein Taschentuch gereicht. Ununterbrochen wischt er das immer neu nachsickernde Blut seinem Jungen aus der Stirn. Ganz leise, schüchtern fast, als sollten es die anderen nicht hören, flüstert er ihm ins Ohr: »Willem ... Willem ... min leve Jung.« ... Er rührt sich nicht ... Die Augen in dem bleichen Gesicht bleiben geschlossen ... keine Antwort ... und wieder dringlicher jetzt, ängstlicher ... »Willem ... hörst du mi nich? ... Willem.« ... Bis die Stimme des Bootssteuerers ihn aufblicken läßt:

»Lassen Sie man, Eilers, den kriegen wir an Bord schon wieder heil, dat is all nich so schlimm!«

Das Boot ist beim Dampfer längsseit. Die Talljen werden eingehakt, langsam kommt es hoch. Was überflüssig ist, klettert an Deck. Jetzt ist es geheißt, wird eingeschwungen und eingesetzt. Die beiden Kapitäne und der Erste Offizier haben schon von Deck aus gesehen, daß der junge Eilers anscheinend verletzt und bewußtlos ist. Eine Matratze und Decken sind bereit gelegt, um sofort Wiederbelebungsversuche anzustellen. Sorgsam wird der regungslose Körper gebettet, und alles bemüht sich um ihn. Kein Lebenszeichen .... Eine Viertelstunde vergeht .... wächsern bleich bleibt das junge Gesicht, das mit einem Male ein seltsam strenges Aussehen bekommen hat, dicht geschlossen die farblosen, festaufeinandergepreßten Lippen ..... Nicht einen Blick verliert der Alte von den Leuten, die sich um seinen Sohn bemühen .... immer ratloser werden die Augen, hilflos, wie bittend .... bis er die ganze furchtbare Wahrheit erkennt .... tot .... sein Jung, sein Willem tot .....

Eine Hand legt sich ihm auf die Schulter, eine milde Stimme, die ihm Trost zuspricht. Er hebt den Kopf nicht. Als ob das Gesagte gar nicht von ihm erfaßt würde, schüttelt er wieder und immer wieder den Kopf. Kein Seufzer; ein so tiefer Gram aber spricht aus den faltigen Zügen, daß darüber jedes Trostwort verstummt.

Die Nacht mit ihrem Sternenhimmel liegt über dem Dampfer, der gleichmäßig seinen Weg zieht. Oben auf der Brücke geht der Offizier die Mittelwache, am Ruder steht der Rudergänger, sieht auf den Kompaß und dreht ab und zu das Rad, um das Schiff auf dem befohlenen Kurs zu halten.

An der Seite, querab vom Schornstein liegt die von sorgender Hand eingenähte Leiche des jungen Eilers. Auf einem Klappstuhl sitzt der Vater. Gebückt, den Kopf tief in die Hände vergraben, Stunde um Stunde.