»Eilers!« Der Offizier ist an ihn herangetreten und klopft ihm leise auf die Schulter. »Eilers, lassen Sie sich nicht unterkriegen! Ist keiner von uns allen an Bord, der es Ihnen nicht nachfühlen würde, wie schwer diese Stunden für Sie sind und wieviel lieber Sie Ihr Leben hätten hingeben wollen für Ihren Jungen. Denken Sie aber daran, wieviel Väter in Deutschland heute um ihre Söhne trauern, wieviel täglich ihr Leben hergeben müssen ... Sie haben doch wenigstens Ihren toten Jungen bei sich, haben ihn in der letzten Stunde seines Lebens noch lachen sehen dürfen .... Wir alle haben ihn ja gern gemocht und uns gefreut an seinem frischen, lustigen, vergnügten Wesen. Denken Sie mal, mit welchem wunderschönen Gedanken der Junge sterben durfte: um seinen Vater zu retten. Und dann müssen Sie auch bedenken: Er starb ebenso den Tod fürs Vaterland wie alle drüben .... im Kampf um die Heimat.«
Ein Augenblick ist Stille. Dann spricht der Alte. Schwer, wie gequält kommen zuerst die Worte: »Ja, ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, Sie und alle ... aber ... is ja mein einziges Kind .... Wir beide sind lange allein gewesen ... Die Mutter ist ja früh gestorben, und da hab ich mich mehr um ihn quälen und sorgen müssen als manch anderer Vater. Er war noch so lüttjet damals, und es ist mir bannig schwer gefallen, ihn bei fremden Leuten zu lassen, wenn ich dann mit meinem Schiff auf lange Reisen wegging. Und wenn ich nach vielen Monaten erst binnen kam, da hätten Sie uns mal sehen sollen! Die ganzen Tage saß er bei mir an Bord. Ueberall kletterte er herum, jedes Tau und Segel hat er gekannt, bald besser als ein Vollmatrose. Er wollte ja auch nach See zu, da gab’s kein Halten. Ja, wenn ich noch so an denke, wie wir seine Schiffskiste packten und er als Junge mit ’n Hamburger Viermastbark nach der Westküste abging ..... Und wie er vergnügt als Leichtmatrose wiederkam. So schlank und rank und immer vergnügt .... und jetzt liegt er da und muß für mich alten Kerl sterben.«
»Um Sie Eilers? Glauben Sie denn, daß er nicht jedem andern ebenso nachgesprungen wäre? Der hätte sich keinen Augenblick besonnen! So sind sie, unsere deutschen Jungs! Ohne Bedenken, wenn es gilt, ihr Leben herzugeben, ganz gleich, ob für den einzelnen Menschen oder für die große Sache. Denken Sie doch bloß an unsere Leute in der Flotte und auf den U-Booten! Glauben Sie denn, daß die sich vor dem Auslaufen große Gedanken machen, ob sie zurückkommen? Was quälen die sich um das harte Leben und die Gefahren, die ihnen in jeder Minute das Ende bringen können! Da denkt sicher keiner dran! Vom Admiral bis hinunter zum jüngsten Matrosen gehen sie drauf. Ran an den Feind und wenn sie mit ihm zusammen versinken. Und sehen Sie, so ein Kerl, auf den wir alle stolz sein dürfen, war Ihr Junge. Um solchen Sohn dürfen Sie nicht trauern. Das hätte der sicher selbst nicht haben wollen. Um den Tod werden ihn zu Hause viele beneiden. Einen schöneren konnten Sie selbst ihm nicht wünschen.« ...
Der Tag bricht an. Sieben Uhr morgens. Die Mannschaft steht um die Leiche versammelt. Das Schiff hat gestoppt. Wenige schlichte, ergreifende Worte, ein Vaterunser, unter der deutschen Flagge weg gleitet die Leiche langsam in die See hinab. Leichte Kreise ziehen, streben auseinander, verebben .... Der Maschinentelegraph rasselt, die Maschine stampft, weiter zieht das Schiff nach Osten.
Der Tod hat einen aus den Reihen der Besatzung weggeholt. Bald aber tritt das Leben mit seinen Anforderungen wieder in seine Rechte. Der Vormittag findet alles emsig beschäftigt. Es klingt und klopft, dröhnend schlagen die Hämmer auf Eisen, Sägen kreischen, Holz splittert. Immer weiter geht die Fahrt, näher heran rückt der sichere Hafen. Und Tag für Tag steigt die Sonne in gleicher tropischer Pracht aus dem tiefblauen Ozean, der bald spiegelglatt, bald unter den Aequatorialwinden leicht gekräuselt ist, brennt tagsüber auf weißschimmernde Sonnensegel, auf das Schiff, das noch immer aussieht, als sei es eben mit knapper Not einem schweren Sturm entgangen, und taucht abends mit roter Glut hinab in die See.
Ohne Zwischenfälle verrinnen die Tage, werden zu Wochen, bis eines Morgens Backbord voraus niedrige tiefdunkelblaue scharfumränderte Wolken sich über der Kimm aus dem Wasser zu erheben scheinen: Land. Näher kommt der Dampfer heran, deutlicher heben sich jetzt die Bergketten Sumatras ab. Kapitän Sörensen hält dicht unter Land. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß hier plötzlich ein feindlicher Kreuzer oder ein Hilfskreuzer auftaucht und der Fahrt, die bisher glatt verlaufen ist, noch jetzt in letzter Stunde ein vorzeitiges Ende bereitet. Hier ist es ein leichtes, beim Auftauchen eines verdächtigen Fahrzeuges die holländische Hoheitsgrenze zu erreichen.
Von der Küste bis hinauf zu den Bergen, deren Kuppen und Kämme oft in den Wolken zu verschwimmen scheinen, ist das ganze Land ein ungeheurer Wald, aus dem sich nur an einzelnen Stellen dicht am Wasser typische Baumformen abheben. Mitunter, selten allerdings nur, schmiegen sich, halb verdeckt unter dichtem Grün, braune Dächer von Eingeborenenhütten. Kleine Fischerboote mit Auslegern und viereckigen Mattensegeln kreuzen unter Land. Malaiische Fischer. Nachts leuchtet es dann bald hier bald da auf den Bergen gelblichrot auf. Waldbrände, die auf Sumatra nie aufhören. Primitive Eingeborenensitte, die durch Feuer Kulturland schaffen will. Der Urwald widersteht Axt und Säge. Einem kleinen Fleck nur ist die Flamme zugedacht, gierig aber frißt sie sich bei der ausreichenden Nahrung weiter, wochen-, monatelang, brennt, schwelt und glimmt, bis tropischer Regen und die Feuchtigkeit des Waldes sie ersticken.
Die Ostspitze Sumatras ist erreicht, und mit nördlichem Kurs geht es in die Sundastraße hinein. Voraus an Steuerbord kommen die grünen Berge Javas in Sicht. Sechsunddreißig Stunden noch trennen die Deutschen von dem Ziel, dem sie nun seit bald drei Wochen zustreben. Über dem Wasser liegt leichter Dunst, der die Kimm verschwimmen macht. An Backbord achteraus schimmert ein kleines festes Feuer der Küste von Sumatra herüber, voraus an Steuerbord ein Blinkfeuer Javas. Zwischen beiden führt die Straße.
Und wieder verstreicht Stunde um Stunde, geht die Fahrt ohne Störung weiter. Mitternacht. Die abgelöste Wache ist eben zur Koje gegangen, als an Backbord voraus ein Licht aufschimmert. Gleich darauf wird ein zweites gemeldet. Sie stehen dicht beisammen. Anscheinend fährt dort einer der holländischen Küstendampfer, die den Verkehr von den kleinen Küstenplätzen Javas und Sumatras nach den großen Ausfuhrhäfen vermitteln. Noch liegt er nicht querab, als plötzlich aus der dunklen Nacht grelles Scheinwerferlicht heranflutet. Wie ein wildes Tier, das sich mit einem Satz auf die Beute stürzt, schießt es jäh auf das Fahrzeug zu und hält es fest. Weiße Signalsterne steigen hoch in das Dunkel, senken sich in weitem Bogen auf das Wasser, erlöschen. Ein Kriegsschiff hält dort den Küstenfahrer, der ihm verdächtig scheint, an. Deutlich tritt in dem hellen Lichtkreis jeder Aufbau des Dampfers einzeln hervor. Ein kaum tausend Tonnen großes Schiff, das die ihm bevorstehende Untersuchung ruhig herankommen läßt. Die Holländer sind an die Anmaßung englischer Seepolizei bereits gewöhnt.
Wie mit einem Schlage leuchten jetzt auf dem Kriegsschiff, das bisher abgeblendet lag, Lichter auf; gleichzeitig aber auch an zwei anderen Stellen unmittelbar voraus. Auch dort stehen Feinde. Schon beim Aufblitzen des Scheinwerfers hat der deutsche Dampfer gestoppt, um sich nicht durch das Aufleuchten der Bugwelle und des Schraubenwassers zu verraten. Kein Lichtschein dringt nach außen, in tiefem Dunkel liegt das Schiff, vom Gegner unbemerkt. Die Lichter voraus ziehen quer über die Straße hinweg nach dem angehaltenen Schiff zu. Dort mögen sie sich stundenlang beschäftigen.