Mit langsamer Fahrt halten die Deutschen auf das an Steuerbord liegende Land zu. Auf hoher See wäre ein Entrinnen unmöglich gewesen. Die überlegene Geschwindigkeit der Kriegsschiffe hätte jeden Versuch schon vereitelt. Hier aber, so nahe am Ziel denkt keiner daran, einem Befehl zum Stoppen Folge zu leisten. Lieber wollten sie ihr Schiff auf Strand setzen. Achtet der Engländer auch die Hoheitsgrenze nicht, ihnen an Land zu folgen, dürfte ihm doch nicht rätlich scheinen.

Es ereignet sich aber nichts. Die drei Kreuzer sind so eifrig an der Arbeit, daß sie für nichts anderes Sinn haben. Mehr und mehr verschwimmen die Lichter, kommen aus Sicht. Die Straße ist frei.

Im Osten dämmert der Tag. Flammendes Rot leuchtet durch die Dunstwolken, die über den Bergen Javas liegen. Die Sonne steigt. Blitzend schießen ihre Strahlen durch den Schleier hindurch über grüne Wälder, auf die blauleuchtende See.

Voraus steigen Rauchwolken in die Luft, Masten, Schornsteine, Schiffskörper heben sich vom dunklen Hintergrunde, Schuppen und Hafenbauten tauchen aus dem Grün.

Im Morgengrauen steigt am Heck die deutsche Flagge hoch. Zwischen den Wellenbrechern hindurch, vorbei an einem holländischen Kriegsfahrzeug gleitet der Blockadebrecher in den Hafen von Tanjonk Priok hinein. Ein großer englischer Frachtdampfer, der sich, mit Zucker voll beladen, eben auszulaufen anschickte, hat schleunigst, als er die schwarzweißroten Streifen am Flaggenstock auswehen sieht, den Anker wieder in Grund geworfen. Hier, nach fast zwei Jahren Krieg, die deutsche Flagge? Das kann nur ein verkappter deutscher Hilfskreuzer sein. Längst schon sind ja die Taten der nach der Heimat zurückgekehrten »Möwe« nach Holländisch-Indien gedrungen. Wer weiß, ob hier nicht ein zweiter Vogel dieser Gattung naht. Da ist Vorsicht der bessere Teil.

Während vom Engländer ängstliche Gesichter nach dem so plötzlich aufgetauchten deutschen Schiffe hinüberstarren, ist das ruhig an ihnen vorbeigeglitten. Gleich darauf rasselt polternd die Ankerkette in die Klüse. Einen Augenblick noch wirbelt braunes Wasser durch die rückwärtsschlagende Schraube am Heck hoch, dann liegt die »Marie« zwischen den zwei deutschen Dampfern »Hohenfels« und »Uhlenfels«, an deren Schornstein das schwarze Kreuz der deutschen Hansalinie Bremen sich abhebt, still.

Schienen die beiden Deutschen einen Augenblick vorher noch in tiefem Schlaf befangen, so ändert sich jetzt rasch ihr Aussehen. Erregte Rufe schallen herüber, Leute stürzen aus den Niedergängen an die Reeling: Ein deutscher Dampfer! Fast unmöglich dünkt es ihnen. Und wie sieht er aus! Das Achterschiff zerstört, Decksaufbauten und Schornstein beschädigt, wo mag der wohl herkommen und welch schweres Wetter mag ihm so zugesetzt haben?

Noch sind kaum zehn Minuten vergangen, als von allen Seiten auch schon Boote herannahen. Deutsche, die ihre Landsleute begrüßen und Näheres hören wollen. An Bord darf noch niemand, da das Schiff noch nicht einklariert ist. Die vollbesetzten Ruder- und Segelboote aber umringen die »Marie«, und lebhafte Rufe klingen zu den an der Reeling Stehenden hinauf. Im Januar aus Deutschland abgefahren? Von englischen Kreuzern beschossen? Unglaubliches Staunen malt sich auf allen Gesichtern. Nur zu bald aber weicht es jubelnder Freude und ehrlichem Stolz über die glänzende Leistung, die Kameraden da vollbracht haben. Das erste Schiff liegt hier, dessen Besatzung erzählen kann, wie es wirklich in der Heimat aussieht, die Feldgraue ausziehen sah und die Siege in der Heimat mitfeiern durfte. Vergessen sind die qualvoll langen Monate, während deren man hier auf die Nachrichten angewiesen war, die Reuter in die Welt zu setzen beliebte.

Vom Pier naht in schneller Fahrt die Barkasse des Hafenmeisters. In wenigen Minuten ist sie längsseit und legt an dem inzwischen gefierten Fallrepp an. An Oberdeck empfängt Kapitän Sörensen den holländischen Beamten, dessen Blicke voll Mißtrauen das Fahrzeug mustern. Gott weiß, welche Geheimnisse und fürchterliche Absichten hier lauern, welch schreckliche Gefahr wieder einmal der holländischen Neutralität droht.

Vorsichtig begiebt sich der Hafenmeister nach dem Vorschiff. Stehen dort nicht unter Segeltuch verborgen Geschütze? Nichts Verdächtiges. Sein Mißtrauen erhält aber erst recht Nahrung, als er nach dem Achterdeck geht und dort die noch nicht beseitigten Verwüstungen bemerkt. Von Geschützen aber auch hier keine Spur. Was mag das unheimliche Fahrzeug in seinen Laderäumen bergen? Ob nicht dort die Kanonen und Torpedorohre lauern?