Acht Glas. Von allen, im Hafen liegenden Schiffen klingen die kurz aufeinanderfolgenden vier scharfen Doppelschläge. Der Nebel gerät allmählich in Bewegung. Einzelne Fetzen lösen sich ab, dünner und dünner wird der Schleier, bis er sich ganz verzieht. Fahl spiegelt sich die im Osten hochkommende Sonne auf dem dunklen Wasser, das unter Oelflecken schwach opalisiert.
Polternd rollt ein Güterzug heran. Ein schriller Pfiff, dann hält er querab von einem Dampfer, der dort festgemacht hat. Schwarz wächst der Schiffskörper aus der Kaimauer heraus, schwarz ist der Schornstein, der sich mitschiffs aus den Aufbauten erhebt. Weder von Heck noch Masten flattert Tuch, das Nationalität oder Reederei anzeigt. Ein richtiger gewöhnlicher Trampdampfer von über 3000 Tonnen, wie sie zu hunderten die Meere durchfurchen. Reine Frachtenträger, die wohl unheimliche Mengen von Lasten in ihrem Inneren aufzunehmen vermögen, die ihrer Besatzung aber nur die notdürftige Bequemlichkeit gewähren.
An den Luks rattern die Winden, Ladebäume schwenken nach Land zu. Berge von Kisten türmen sich bereits auf der Kaimauer, und immer neue noch werden aus dem eben eingetroffenen Zuge entladen. Hunderte fleißiger Hände regen sich. Mit großer Behutsamkeit gleiten die schweren Frachten, deren Aeußeres schon verrät, daß sie wertvolles Gut bergen und für längeren Seetransport gebaut sind, aus den Wagen. Der Angelpunkt der Arbeit, die da vor sich geht, scheinen drei Männer zu sein, die, mit einem dicken Bündel Papiere in der Hand, aufmerksam jedem Griffe, der getan wird, folgen: Zwei Feuerwerker der Marine und ein Zivilist. Durch die Art seines Auftretens und die von ihm erteilten Befehle läßt sich allerdings unschwer erraten, daß auch er Seemann ist. Tatsächlich ist er der zweite Offizier des Dampfers »Marie«, der querab vor ihm liegt. Er ist für Ladung und sachgemäßes Stauen verantwortlich. Alle Augenblicke, fast ohne Unterbrechung hallt seine Stimme zum Schiff hinauf, wo die Leute an den Ladeluks stehen. »Zum Deubel! Wie oft soll ich euch denn sagen, daß ihr vorsichtiger heißen und fieren sollt! Ihr ladet doch keine Kartoffelsäcke. Wollt ihr denn durchaus, daß euch der ganze Zinnober um die Ohren fliegt?« Beschwichtigend wendet sich der alte Oberfeuerwerker ihm zu: »Lassen Sie man, Steuermann! Die Kisten können schon einen gehörigen Ruck vertragen. Wir schicken doch nicht zum erstenmal Munition ins Ausland.«
Die Arbeit geht weiter. Eine Segeltuchbahn liegt auf der Kaimauer. Eine Kiste nach der andern wird auf die Schlinge gelegt, bis das Gewicht erreicht ist. Dann senkt sich die am Ladebaum entlangführende Stahlleine herab und faßt die Schlinge. Ein Hochheben der Hand; die Winde holt die Leine steif, ein leichtes Rucken. Ratternd rollt sie dem Stahlläufer um die Trommel, die Last schwebt Sekunden später hoch und verschwindet, vorsichtig geführt, im Schiffsbauch.
Mehr und mehr lichtet sich der Raum auf der Kaimauer. Granaten, Zünder, Maschinengewehre, Gewehre, Patronen, Lafettenräder, in Zinkkisten verpackte Bekleidungsstücke, Lebensmittel, Dauerproviant verschiedenster Art, kurz alles, was ein Expeditionskorps bedarf, wird übergenommen. Und noch ist der Zug nicht entladen. Während so von Land aus eine Kiste nach der andern in das Schiff gefiert wird, schiebt sich von der Wasserseite ein ungeheueres Gebilde heran. Ein schwimmender Kran von Abmessungen, wie sie nur die modernste Technik herzustellen vermag. Ueber eisernem Unterbau erhebt sich turmartig ein stählernes Gitterwerk. Ein wagerechter Arm aus dem gleichen Material wächst in rechtem Winkel aus ihm heraus. Vorsichtig, mit dicken Rohr- und Korkfedern vor dem vierkantigen, breitschäumenden Bug legt er sich an den Dampfer heran. Von geschickter Hand geworfen, fliegen Leinen herüber, schwere Trossen werden nachgeholt, und Minuten darauf liegt das Ungetüm ruhig an dem Dampfer, dessen Rumpf es weit überragt. Mühelos, spielend heben sich vom Unterbau gewichtige Rohre. Wie leichte Hölzer handhabt der Kran die Lasten der schweren Geschütze. Und spielend fast, so genau und geräuschlos hält der stählerne Arm genau über den Luks. Wie vorher die Granaten, so verschwinden jetzt die Kanonen, eine nach der andern, tief im untersten Laderaum. Wie gewaltig das Gewicht ist, das der Kran hier einlädt, zeigt sofort das Tiefereintauchen des Schiffs. Viel braucht es nicht mehr, um die Tiefladelinie zu erreichen. Von der roten Schiffsbodenfarbe ist nichts mehr zu sehen, längst auch ist die Schraube unter der Oberfläche verschwunden.
Im Wohnraum des Kapitäns sitzen zwei Männer in eifriger Unterhaltung. Der eine trägt die Uniform der Schutztruppe, der andere, wie der Offizier, der an Land die Ladung beaufsichtigt, Zivil. Eine schlanke, kräftige Gestalt mit hellblondem Haar und blauen Augen, mit energischem, tiefgebräuntem Gesicht: Kapitän Sörensen, der Führer der »Marie«. Aufmerksam folgt er den Ausführungen des Offiziers, ein leichtes Nicken ab und zu nur verrät, daß er die vorgebrachten Ansichten völlig teilt. Er scheint kein Freund vieler Worte. Eben als er sich zu einer Erwiderung anschickt, öffnet sich die Tür, und ein Korvettenkapitän tritt ein:
»Na, mein lieber Sörensen, da wäre der Kriegsrat ja beisammen. Das letzte Geschütz ist soeben übergenommen, wie mir der Ladeoffizier sagt, ist er in höchstens zwei Stunden fertig. Den Teil des Unternehmens hätten wir ja nun geschafft!«
Hier fällt der Schutztruppler ein: »Es wäre ja glänzend, wenn der Durchbruch gelänge. Was werden unsere Leute nur für Augen machen, wenn Sie mit Ihrer kostbaren Ladung drüben ankommen!« ... Der Seeoffizier läßt ihn nicht aussprechen:
»Ach was, wenn! Unser Sörensen wird’s schon schaffen. Glück gehört ja allerdings ein ganzer Berg dazu! Na, was meinen Sie?«
Sörensen hat sich bisher mit keinem Wort an der Unterhaltung beteiligt. Jetzt lacht er: