»Ach, Käpten! Ich bin ja so froh, daß Sie mich mitnehmen!«
»Glauben Sie denn wirklich, daß Sie Ihren Jungen drüben wiedersehen werden?« Der Alte, der zuerst etwas erschreckt dreinblickte, beruhigt sich. »Ich weiß doch bestimmt, daß ich ihn zu sehen kriege. Ich hab’ ja man bloß den Einzigen, und der Junge ist sicher mit dem Leben davongekommen. So ’ne richtige Wasserratte ist er und zäh wie man einer. Wenn die Engländer ihn auf der »Königsberg« nicht totgeschossen haben, finde ich ihn sicher!«
»Wie lang dient er denn? Ist er schon Obermatrose?« Der Alte lacht: »So wiet is he noch nich! Er war ja eben Siebzehn, als er eintrat!«
»Na, denn fahren Sie in Gottes Namen nur mit. Sie sind ja ein seebefahrener Mann, und den können wir hier an Bord immer gebrauchen!« Eilers will danken, fast unwirsch aber wehrt ihm der Kapitän. »Ach lassen Sie man den Snak, ist doch selbstverständlich. Nu machen Sie nur, daß Sie ins Logis kommen!«
Seit Stunden schon brennen die Feuer unter den Kesseln. Dichte Rauchwolken quellen aus dem Schornstein. Das Oberdeck ist aufgeklart, die Leinen sind klar zum Loswerfen. Zwei Schlepper liegen längsseit, um die »Marie« sicher hinauszubringen. Der Schutztruppenoffizier und der Korvettenkapitän sind inzwischen aus dem Wohnraum an Deck getreten. Kurze Worte werden noch gewechselt, dann geleitet sie Sörensen über die Stelling an Land. Ein fester Händedruck, ein »glückliche Fahrt«, dann ist es so weit. Harte Fäuste fassen zu und fahren die Stelling ab. Alles ist klar.
»Maschine Achtung!« »Vorleinen los!« »Los die Achterleinen.« »Langsam voraus!«
Die Schleppleinen straffen sich, Schrauben peitschen das Wasser, breit und breiter wird der Zwischenraum zwischen Land und Schiff. Langsam gleitet die »Marie« der Ausfahrt zu.
Durch die Bewachungslinien
Wie ein schmaler, bläulichdunkler Streifen zeichnet sich eine Zeitlang die deutsche Küste noch im Dunst des Wintertages ab, bis sie allmählich unter der Kimm verschwindet. Mit voller Fahrt strebt der Dampfer »Marie« nordwärts. An Backbord taucht in weiter Ferne Helgoland auf. Die schöne rote Sandsteinfarbe scheint vom Dunst aufgesogen, schwarz und steil springt das Land aus der See. Das Tauschobjekt für ein schönes Stück Ostafrika. Wie wertvoll aber der »Hosenknopf«, wie die Engländer früher so verächtlich das Felseneiland nannten, war, hat der Weltkrieg so recht bewiesen. Die Insel in englischen Händen hätte die vollständige Unterbindung jeder Operation der deutschen Flotte zur Folge gehabt, ein Durchbruch wie der jetzt geplante wäre ein nahezu aussichtsloses Unternehmen gewesen. Mußte es dann doch den Engländern ein leichtes sein, die Bewachungslinien zur Abriegelung der Häfen in der deutschen Bucht zu beiden Seiten der Insel nach dem Festland hinüberzuziehen. Dazu hätte es noch nicht einmal vieler Schiffe bedurft. Jetzt müssen sie ihre Sperrlinien hunderte von Seemeilen weit draußen, von Schottland nach Norwegen und Island legen, zahlreiche Schiffe jeder Art, vom riesigen Hilfskreuzer bis hinab zum bewaffneten Fischdampfer müssen Tag und Nacht die Kreuzer und Zerstörer, deren Zahl bei weitem für diese Aufgabe nicht ausreicht, unterstützen.
Die Dämmerung bricht herein. Die grünen Wasser der Nordsee färben sich dunkler, bis sie allmählich tiefschwarze Farbe annehmen. Fahl leuchtend rauschen die weißen Schaumkronen der Wellen heran, mit dumpfen Schlägen prallt die See gegen die Bordwand, in Stagen und Wanten singt der auffrischende Westwind. Ruhig setzt der deutsche Dampfer seine Fahrt fort. Weit vorgeschoben noch stehen die deutschen Vorpostenboote, nicht ungesehen käme der Feind. Und wieder vergeht in gleichförmiger Stille eine Stunde. In dem dustern Grau des Winterabends blinkt ein Licht. Eine Sekunde kaum leuchtet es, verschwindet. Unmittelbar folgt ein zweites, in kurzen Zwischenräumen weitere. Lang ... kurz ... kurz ... lang: Ein Fahrzeug der äußersten deutschen Bewachungslinie, das die »Marie« gesichtet und sie sofort als Frachtdampfer erkannt hat. Kaum fünfhundert Meter ab liegt das kleine Schiff, das in der Dünung nach beiden Seiten stark überholt. Klein, unscheinbar, mit zwei Masten und einem Schornstein. Ein ehemaliger Fischdampfer, der sich unter seiner schützenden grauen Farbe kaum in schattenhaften Umrissen vom nebligen Hintergrund abhebt. Längst ist er vom Zeitpunkt, zu dem der Blockadebrecher passieren will, verständigt und fordert nun durch Morsen das verabredete Gegensignal. Minuten später liegt das Vorpostenboot achteraus und versinkt wieder im Dunkel der Nacht. Das letzte deutsche Schiff, das der Besatzung für lange Zeit, vielleicht für immer, vor Augen kommt.