Nichts ist zu sehen, einsam steuert der Dampfer seinen Kurs weiter. Gegen Mittag kommt die norwegische Küste aus Sicht. An Backbord voraus tauchen die Masten und weißen Flächen eines großen Seglers auf, der anscheinend von Kirkwall einem norwegischen Hafen zustrebt. Die Kurse der Schiffe kreuzen einander. Beim Näherkommen setzt die Bark die blaugelbe Flagge Schwedens. Wie lange mögen die Engländer wohl den armen Teufel widerrechtlich festgehalten haben! In schlanker Fahrt, leicht überliegend zieht das schöne Schiff unter der Last seiner schneeweißen Segel vorbei, um nach einer Stunde unter der Kimm unterzutauchen.
Eintönig in gleichmäßigem Takt stampft die Maschine, in gleichen Umdrehungen mahlt die Schraube durch die See. Meile um Meile wird zurückgelegt, immer weiter ruckt der Zeiger aus dem Patentlog, immer näher kommt die gefährlichste Zone.
Ein Schuß! ... Ein scharfer Knall zerreißt das gleichmäßige Rauschen der See. Mit einem Satz stürzen Kapitän und Wachoffizier nach der Nock der Brücke, von wo der Schall herüberdringt. Scharf, doppelt angestrengt spähen die Augen über die einsame See ... Da! ... ein grauer Turm ... niedrig, kaum über das leichtbewegte Wasser herausragend der Schiffskörper ... noch ist keine Zeit zu weiterer Überlegung, als es drüben, kaum fünf Seemeilen ab, aufblitzt. Heulend fegt die Granate dicht am Bug vorbei ... Flucht ist unmöglich. .. Es heißt dem bitteren Befehle folgen ...
Hilfe in der Not
Der Maschinentelegraph schrillt, die Umdrehungen der Schraube werden geringer, die Maschine stoppt. Eine Weile noch bleibt das Schiff in Fahrt, die Bugwelle wird kleiner, das Schraubenwasser verliert sich, und zischend entweicht der überschüssige Dampf durch den Schornstein. Leicht schlingert der gestoppte Dampfer in der Dünung. Scharfe Befehle hallen von der Brücke über das Schiff. Drüben liegt der Feind, vor dem ein Entkommen nicht mehr möglich ist, Schiff und Ladung aber sollen und dürfen ihm nicht in die Hände fallen. Der Gegner darf nicht einmal wissen, welch kostbares Gut das angehaltene Schiff barg, welch kühne Pläne es hatte. An verschiedenen Stellen, besonders im Maschinenraum und im Wellentunnel werden Sprengpatronen angebracht. Es bedarf nur noch des Befehls, um sie anzuschlagen.
Während dieser Vorbereitungen geht auf dem U-Boot, das sich vorsichtig nähert und dann wieder, noch in sicherer Entfernung, stoppt, ein neues Signal hoch: Schicken Sie sofort ein Boot mit den Schiffspapieren. Noch ist der Wachoffzier beim Durchblättern des Signalbuches, als der Kapitän, der das U-Boot aufmerksam betrachtet hat, einen lauten Ruf ausstößt. Erschreckt fährt der Offizier hoch. »Schmeißen Sie Ihr Buch ruhig in die Ecke, kommen Sie schleunigst und sehen Sie mal hin! Das ist doch ein deutsches U-Boot!« Ungläubig starrt der Angerufene seinen Vorgesetzten an, wie mechanisch wiederholt er die vernommenen letzten Worte: »ein deutsches U-Boot?« Dann halb stammelnd, als ob er die Tragweite des eben Gehörten nicht recht begriffe, stößt er hervor: »Ja ... aber Herr Kapitän, was wollen wir denn dann eigentlich?«
Mit einem Schlage springt die Stimmung an Bord, die eine Sekunde vorher noch äußerst gedrückt war, um. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht durch das ganze Schiff: »Ein deutsches U-Boot!« Auf der Back und auf dem Vorschiff winken die Leute mit ihren Mützen, stürzen dann mit freudigen Gesichtern auf das Bootsdeck, wo sofort eines der Boote soeben zu Wasser gefiert wird.
Das U-Boot hat inzwischen die Fahrt auf den Dampfer zu wieder aufgenommen. Kaum drei Seemeilen mehr liegt es ab, deutlich sind alle Einzelheiten zu erkennen. Auf dem Turm stehen zwei Offiziere, die unentwegt den Dampfer mit ihren Doppelgläsern im Auge behalten, am Geschütz sind drei Leute klar zum Feuern. Das Rohr ist auf das Ziel eingestellt, die Abzugsleine eingehakt. Mit weißen Buchstaben leuchtet vorn am Bug die Nummer des Bootes aus der grauen Schiffswand heraus, die deutsche Kriegsflagge flattert über dem Turm. Auf dem Dampfer ist die Aufmerksamkeit übrigens nicht minder scharf wie drüben. Noch ist die Bezeichnung nicht genau zu erkennen, dann aber nach wenigen Minuten rufen drei Stimmen fast gleichzeitig: »U 157!«
Das Boot ist zu Wasser gefiert, das Seefallrepp gleitet über die Reeling. Eben schickt sich der Erste Offizier an, mit den Schiffspapieren unter dem Arm die schmale Leiter herunterzuklettern, als Sörensen auch schon neben ihm steht. »Bleiben Sie mit den Papieren nur ruhig hier, ich will selbst hinüberfahren. Der Kommandant ist ein guter Bekannter von mir, der mir es auch trotz unseres Schornsteines glauben wird, daß wir keine Engländer sind.«
Das Boot stößt ab. In gleichmäßigem Takte tauchen die Riemen ins Wasser, kräftige Fäuste holen scharf durch, um denen drüben zu zeigen, daß der Dampfer seine Bootsbesatzung in Trimm hat. Das gute Pullen scheint den U-Boots-Leuten, die dem kleinen Fahrzeug jetzt mit langsamer Fahrt entgegenkommen, auch etwas ganz Ungewöhnliches zu sein. Drüben stecken sie die Köpfe zusammen und tauschen wohl ihre Gedanken über diese eingefahrene Bootsbesatzung aus, die so sehr gegen die Bilder, die sich sonst beim Anhalten englischer Dampfer zeigen, absticht. Rasch aber findet das Rätsel seine Lösung. Im Augenblick, als das Boot anlegt, tönt vom Turm eine Stimme herunter: »Mensch, Sörensen, sind Sie das oder ist das Ihr Geist? Sie haben doch nicht bei den Engländern angemustert?«