Die Hand des an Deck gestiegenen Kommandanten holt den Kapitän in kräftigem Schwung auf das Schiff herauf. Er kann so schnell gar nicht antworten, wie die Fragen hageln. In vertraulichem Gespräch ist aber rasch alles erörtert, was zu wissen nötig ist. Wenn der U-Boots-Kommandant auch das Ziel nicht kennt, dem der so merkwürdig vermummte Dampfer zustrebt, so bedarf es für ihn doch keiner langen Erklärung. Muß er sich doch selbst sagen, daß es sich hier wieder um eines jener kühnen Husarenstückchen handelt, wie sie in der deutschen Marine ja nicht selten sind. Und den Mann, der nach festem Händedruck wieder seinem Schiff zufährt, kennt er genau. Er weiß, daß dort die richtige Persönlichkeit auf dem richtigen Fleck steht. Minuten später ist das Boot geheißt, weißes Schraubenwasser quillt auf, der Dampfer setzt sich in Bewegung. Ein letzter Flaggengruß noch hüben und drüben, größer wird die Entfernung, und nach einer halben Stunde haben sich die beiden Schiffe aus Sicht verloren.

Es ist, als hätte das U-Boot auch das gute Wetter mit sich genommen. Die bisher so klare Kimm verschwimmt in grauem Dunste, dichte Wolken beziehen den Himmel, ein trüber Wintertag senkt sich über die See. Kaum ist die Sonne verschwunden, als sich die Kälte der nördlichen Breite auch schon doppelt unangenehm fühlbar macht. Feucht dringt sie bis auf die Haut, nur kräftige Bewegung vermag das unangenehme Gefühl zu vertreiben. Immer näher schiebt sich von allen Seiten der Dunst heran. Nur wenige hundert Meter bleibt es sichtig. Im Frieden würde jetzt die Schiffsglocke ununterbrochen läuten, warnend würde die Dampfpfeife ihre tiefen Töne in den Nebel hineinbrüllen, aus dem andere Fahrzeuge wohl antworten würden.

Jetzt heißt es, unbeobachtet und ungestört diese Breiten passieren. Kein Schiff darf auf die Spur gelenkt werden und auch nur ahnen, daß hier ein Dampfer die Sperrlinien durchbrechen will. Sörensen kann es nur recht sein, wenn das Wetter noch dicker wird. Diese Tarnkappe ist ein noch besserer und wertvollerer Schutz als die Nacht mit ihrer Dunkelheit. Die nächsten achtundvierzig Stunden bedeuten den Höhepunkt der Gefahr. Seit der Erklärung der Nordsee als Kriegsgebiet seitens England im November 1914 versuchen seine Kreuzer, Zerstörer und sonstigen Bewachungsschiffe, einen Gürtel vor den nördlichen Eingang zur Nordsee zu legen, um deutschen Schiffen das Auslaufen zu verwehren und die Neutralen unter scharfer Kontrolle zu halten. Bei klarem Wetter ist ein Durchkommen hier so gut wie ausgeschlossen, nur Nebel und schweres Wetter können dieses jedem Völkerrecht hohnsprechende Vorgehen zunichte machen. Um so vergnügter ist die Besatzung des Dampfers. Die Aussichten für das glückliche Durchschlüpfen sind um so günstiger, als vollkommene Windstille herrscht, die darauf schließen läßt, daß das diesige Wetter anhalten wird.

Längst ist die Dunkelheit hereingebrochen. Vom Himmel ist nichts zu sehen, dicke Wolken decken alles. Der Ausguck ist doppelt besetzt. Vorn auf der Back, zu beiden Seiten und am Heck versuchen die Augen, den dichten Schleier, der die Nacht stockduster macht, zu durchdringen. Aufmerksam lauschen die Ohren, ob nicht irgend ein Geräusch zu vernehmen ist. Nur das Stampfen der Maschinen und das Rauschen der See an den Bordwänden ist hörbar, oder ab und zu die Laute der hoch über der Nebeldecke nach Süden ziehenden Seevögel. Kaum ein Auge schließt sich in dieser Nacht. Jeden Augenblick kann ein feindliches Schiff auftauchen. Dann heißt es, schleunigst in das rettende Dunkel entweichen oder, wenn es zu spät ist, die äußersten Folgen ziehen. Stunde um Stunde wird der Ausguck abgelöst. Nur das Maschinenpersonal hat sich in den Kleidern zu kurzer Ruhe auf die Koje gelegt. Ihr Körper muß unbedingt Ruhe haben, sollen die Leute den schweren Dienst weiter versehen können. Die angespannten Nerven arbeiten unaufhörlich weiter, auch gaukeln die wildesten Bilder herauf ... ein dumpfer Sirenenton ... ein Blitz ... ein schmetternder Schlag ... in gleichmäßigem Takte stampft die Maschine, bis endlich der tiefe Schlaf der Erschöpfung die Müden aufnimmt. Wenige Stunden später geht es wieder in den Heizraum und die Maschinen hinunter zu harter, alle Kräfte beanspruchender Arbeit.

Ganz unmerkbar lichtet sich die Dunkelheit, und die grauen Nebelschleier, die im Duster der Nacht verschwunden zu sein schienen, werden wieder sichtbar. In dicken Massen, als wenn sie aus dem Wasser hochstiegen, liegen sie auf der von der Dünung leicht bewegten Oberfläche. Stellenweise scheint sich der dichte Schleier mitunter lichten zu wollen, es ist aber nur Täuschung.

Kapitän Sörensen läßt sich durch das sonst so gefährliche Wetter nicht behindern. Mit voller Fahrt zieht sein Schiff auf Westkurs weiter. Heißt es doch die gute Gelegenheit rücksichtslos und bis zum Aeußersten auszunutzen.

Seit Stunden schon fährt das Schiff zwischen Schottland und Norwegen, dem Gebiete, in dem die englische Admiralität mit Hilfe des Aufgebots ihrer Schiffe jegliches unbeobachtete Durchfahren zu verhindern versucht. Auch in diesem Augenblick sind sicherlich zahlreiche Fahrzeuge in See und pendeln unablässig die ihnen zugewiesenen Strecken auf und ab. Bei diesem Nebel aber muß es schon der blinde Zufall sein, der sie auf die Spur der Deutschen brächte. Während die Oberfläche vom Schiff aus wenigstens auf hundert Meter noch sichtbar ist, ist schon der obere Teil des Schornsteins von einem dünnen Schleier umwallt. Er wird dichter, je höher es geht und um die Masten brauen die Schwaden schon so sehr, daß die Stengen wie in Wolken verdämmern.

Nichts ist zu hören. Wieder nur stampfen wie während der Nacht die Maschinen in gleichmäßigem Takte, schlagen die Kesselspeisepumpen, dringt ab und zu das Geräusch schließender Feuertüren unter den Kesseln herauf. Jeden anderen Laut scheint der Nebel aufzusaugen. Kapitän Sörensen ist die ganze Nacht nicht von der Brücke gekommen. Nur gegen Morgen hat es für ihn auf einem Stuhl hinter dem Schutzkleide der Brücke kurzen Schlummer gegeben. Die Gefahr läßt ihn keine Ruhe finden. Unablässig geht er von einer Nock der Brücke zur anderen, spornt die Ausguckmannschaften zur scharfen Aufmerksamkeit an, dann wieder wirft er einen Blick auf die im Kartenhaus ausgebreitete Karte und rechnet und wägt, wie lange es noch dauern kann, bis die Gefahr sich verringert. Wenn das Wetter nur noch den Tag über so bleibt, ist er morgen früh im Ozean, wo die Wahrscheinlichkeit, angehalten zu werden, fast gänzlich geschwunden ist.

Bis kurz vor Mittag ereignet sich nichts. Gerade als die Ablösung an Deck kommt und der Wachhabende seinem Nachfolger den Dienst übergibt, kommt es plötzlich ganz unvermittelt aus dem Nebel heran. Zwei kurze, abgehackte Töne ... Eine Sirene! Noch ist der zweite Ton nicht verklungen, als auch schon der Befehl nach der Maschine hinunter kommt: »Stopp!« Einige Handgriffe, der Dampf ist abgestellt. Sofort hört das Stampfen der Maschinen auf, und in tiefem Schweigen schlingert der Dampfer in der Dünung. Kein Laut, der seine Anwesenheit verraten könnte, dringt nach außen.

Gespannt, mit äußerster Aufmerksamkeit lauscht alles in den Nebel hinaus, späht, ob sich nicht im nächsten Augenblick ein dunkler Körper aus dem grauen Brodem heranschiebt ... Da ... wieder kommt es heran, deutlicher diesmal. Mehrere, in der Länge abgestufte, durchdringende Sirenentöne ... Ein Signal anscheinend, das von einem an Backbord nur wenige hundert Meter entfernten Schiff herrührt.