»Steuerbord 20, langsame Fahrt voraus!«
Leicht folgt das Schiff dem Ruder, dreht nordwärts und entfernt sich aus der gefährlichen Nachbarschaft. Fünf Minuten verstreichen ... da ... wieder klingen Töne heran, diesmal direkt voraus. Auch dort steht der Feind, der auf den Anruf jetzt antwortet. Wieder ein Kommando, und mit Backbordruder läuft der Dampfer mitten zwischen den beiden signalisierenden Schiffen hindurch. Eine Weile noch sind die unangenehmen Töne zu vernehmen, dann werden sie allmählich schwächer, bis sie ganz in der Ferne ersterben. Die Gefahr ist vorbei. Freilich, ein bloßer Zufall nur, daß es so glimpflich abging. Kam der Ton nur fünf Minuten später, dann lief der deutsche Dampfer schnurgerade dem Feind in die Arme.
Gegen Mittag des nächsten Tages lichtet sich der Nebel. Längst liegt die Gefahrzone hinter den deutschen Seeleuten, in denen die langlaufende Dünung des Atlantik ein Gefühl der Erleichterung hervorruft. In großer Entfernung an Backbord muß Schottland liegen. Noch werden auf der Brücke die Gedanken darüber ausgetauscht, was die letzten Tage brachten und daß das Gröbste wohl überstanden sei, als Rauchwolken von Süden her gemeldet werden. Sie rühren anscheinend von einem niedrigen Fahrzeug mit mehreren Schornsteinen her! Ein Zerstörer, der in schneller Fahrt auf den Dampfer zuhält. Ein Engländer! Noch ist er einige Seemeilen ab, als an einer seiner Signalleinen die Aufforderung hochgeht: Setzen Sie Ihr Unterscheidungssignal. Sörensen hat den Anruf längst erwartet. Die Flaggen sind angesteckt, und im nächsten Augenblick flattern die Unterscheidungsbuchstaben des englischen Trampdampfers vor dem Winde aus. Der Zerstörer ist querab und stoppt. Bange Sekunden verstreichen. Genügt ihm diese Beantwortung der Frage oder hält er das Schiff zur Untersuchung an? Der nächste Augenblick muß die Entscheidung bringen.
Während alles atemlos fast auf den Zerstörer hinüberblickt, schrillt dort plötzlich der Maschinentelegraph. Einige kurze Kommandos ertönen, dann dreht das Schiff mit voller Fahrt ab und hält mit äußerster Kraft auf einen großen Dampfer zu, der eben von Westen herankommt. Ein Norweger. Im Ablaufen noch setzt der Engländer das Signal: Bleiben Sie gestoppt liegen.
Was nun? Anscheinend hat der Zerstörer, wie sein letzter Befehl zeigt, doch Verdacht geschöpft. Daß er den Neutralen nicht durchschlüpfen lassen will und ihn zuerst untersucht, bedeutet nur kurzen Aufschub.
Die Stimmung ist recht ungemütlich. Nur ein Zufall kann die Gefahr abwenden. Kommen die Engländer an Bord, dann ist alles verloren. Und eine halbe Stunde später scheint sich das Geschick erfüllen zu wollen. Ein Prisenkommando begibt sich auf den Norweger, der Zerstörer dreht und kommt mit voller Fahrt heran. Nicht eine Sekunde lassen ihn die Gläser aus dem Gesichtsfelde. Jetzt ist er schon so nahe, daß alle Einzelheiten an Deck deutlich zu erkennen sind. Mehrere Offiziere und Mannschaften auf der Brücke, am Heck Leute, die plaudernd beisammen stehen. Kaum tausend Meter ist er ab ... eine weiße Sprengwolke, in die bräunlich-gelber Qualm sich mischt, erhebt sich mitschiffs, rötlicher Feuerschein strahlt auf, einzelne Schiffsteile wirbeln in der Luft ... ein dumpfer Krach ... entgeistert, wie gebannt starren die Augen hinüber, das Hirn kann den Vorgang, der sich hier in so unmittelbarer Nähe mit unheimlicher Schnelligkeit abgespielt hat, noch nicht fassen. Drüben, fast in greifbarer Nähe, lag Sekunden vorher der Feind, drohte wieder einmal Vernichtung. Die ganze Mühe, alle Pläne und Hoffnungen vergeblich, das ganze wertvolle Material, das dazu dienen sollte, unsere letzte Kolonie gegen die Engländer zu verteidigen, verloren auf dem Grund des Atlantik. Und jetzt! .. Dunkel und träge dringt das Öl zur Oberfläche herauf, deckt dort, wo eben der Zerstörer noch schlingerte, die Dünung, wächst und breitet sich weiter ... Kein Lebewesen ... nichts ... mit Mann und Maus in die Tiefe gegangen. Eine Mine? ... Halb unbewußt hat der Wachoffizier das Wort fallen lassen ... hier, so weit draußen? ...
Eine ausgestreckte Hand deutet achteraus, ein Ruf ... ein U-Boot! ... weit ab schon jagt es dahin ... kaum noch ist der Turm, von dem im Scheine der tiefstehenden Sonne die deutsche Kriegsflagge weht, zu erkennen ... jetzt stoppt es in der Nähe des Norwegers ... Flaggensignale steigen auf ...
Die Maschinen stampfen, wirbelnd mahlt die Schraube die blauen Wasser des Atlantik, das Schiff ist in voller Fahrt. Weit zurück liegen die durchbrochenen Sperrlinien. Frei ist die Bahn ...
Durch die Blockade
Die Biskaya mit ihren Stürmen liegt hinter dem deutschen Dampfer. Zwei Tage lang schien es, als wollte die grobe See alle Aufbauten hinwegfegen. Zu Bergen hatte der über den Atlantik brausende Südweststurm das Wasser aufgepeitscht und gegen das schwerbeladene Schiff anrollen lassen. Nur mit kleiner Fahrt konnte es dagegen ankämpfen. Gischt und Wasserdampf erfüllten die Luft, bis zum oberen Rand war der Schornstein grau vom Salz. Dazu die Kälte des Winters, die den Aufenthalt an Oberdeck besonders unangenehm machte. Trotz des Ölzeuges gab es keinen trockenen Faden am Leibe.