Das in Südchina stationierte Flußkanonenboot „Tsingtau“ ist am 16. Mai 1914 von Kongmoon in der Mündung des Hsikiang (Westfluß) abgegangen, um von Wutschau aus Erkundungsfahrten in unbekannte Flußgebiete der Provinz Kwangsi vorzunehmen und die deutsche Kriegsflagge dort zu zeigen. Eine für Offiziere und Mannschaften des kleinen Fahrzeugs äußerst interessante, aber keineswegs leichte Aufgabe. Der älteste Mann an Bord ist kaum Mitte der Dreißig, allen wohnt der Drang, der in jedem Deutschen sitzt, inne, Fremdes zu schauen, Neues, Ungewohntes zu erleben. Jeder freut sich der kommenden Tage, die sicherlich Zwischenfälle der mannigfachsten Art bringen werden. Nur wenige größere Städte weist die Karte auf, was dazwischenliegt, ist unbekanntes Land. Die kühnsten Hoffnungen werden an die Fahrt geknüpft: Jagdabenteuer, Fischerei, Zusammentreffen mit Piraten, Erwerb echt chinesischer Raritäten; je nach Liebhaberei.
Langsam gleitet „S. M. S. Tsingtau“ gegen die Strömung an. Vom Löß, dem chinesischen Lehm gefärbt, wälzen sich die gelben Fluten in schnellem Laufe dem Meere zu. Voraus kommt eine Dschunke in Sicht. Das riesige, gezackte, braune Segel leuchtet im hellen Sonnenschein schon von weitem herüber. Zwei ungeheure Glotzaugen sind in grellen Farben zu beiden Seiten des Bugs aufgemalt. Fast unheimlich ist der Eindruck, als schöbe sich irgendein phantastisches Seeungeheuer herauf. Bis unter das Segel türmt sich die Ladung, die aus Ballen getrockneter Häute besteht. Stumpfsinnig hockt die Mannschaft an Deck herum. Eine unheimliche Gesellschaft, mit der man im Anfang so gar nichts anzufangen weiß, weil sie sich gleichen, wie ein Ei dem andern. Alle scheinen die gleichen starren Gesichter zu haben, auf denen nicht die geringste Regung eines eigenen Innenlebens zu erkennen ist. Alle tragen sie das blaue, billige Nankingzeug. Erst wenn man sie länger kennt, lernt man sie unterscheiden.
Gleichgültig schweifen nüchterne Augen von drüben über das Kriegsschiff hinweg ins Leere. Auf hohem achteren Aufbau steht der Mann am Steuer. Schnell rauscht die Dschunke mit dem Strom vorbei, wie ein Bild aus längst entschwundenen Jahrtausenden anmutend. Kein Laut, keine Bewegung an Bord, als seien es nicht lebende Menschen.
Zu beiden Seiten gleitet das Ufer entlang. Bis zu fünfzehn Metern hebt es sich stellenweise, kommt näher bald, um wieder weiter zurückzutreten. Aus bläulichem Dunste leuchten in der Ferne Bergzüge herüber, von deren Spitzen der kahle Fels im Sonnenglanze schimmert, wie ewiger Schnee. Die Gegend ist ziemlich belebt, reger Verkehr herrscht. Wie eine endlose Flut dehnen sich gelbe Reisfelder bis an den Horizont, wo die Berge ragen. Zwischen schlankem, grünbelaubtem Bambus glänzen helle Mauern einzelner Gehöfte, über denen sich Schilfdächer wölben. Als Ansteuerungsmarken und gleichzeitig als Wahrzeichen der Gegend dienen die eigentümlich geformten Pagoden, die sich auf kleinen Anhöhen erheben. In strahlendem Sonnenschein liegt die Gegend. Auf den Feldern arbeiten Leute, auf den Wegen ziehen ungefüge einräderige Karren langsam dahin.
In einer stillen, schilfumstandenen Bucht sielen sich Wasserbüffel. Bis an den Hals stecken sie in ihrem geliebten Schlamme, nur der wild anmutende zottige Schädel mit den großen gutmütigen Augen sieht aus dem Wasser hervor. Ruhig, gleichmäßig dösen sie, kaum daß der Kopf sich dahin wendet, wo eben das deutsche Schiff vorbeizieht. Oben am Ufer steht ein altes Tier, das erstaunt nach dem schnaubenden Ungetüm herüberäugt. Ein kleiner, kaum vierjähriger Chinesenjunge, der mit Wasser wohl kaum noch während seiner kurzen Erdenlaufbahn Bekanntschaft gemacht hat, so dreckig ist er, sitzt auf seinem Rücken. Auch ihn läßt das Schiff völlig kalt. Eine sture Gesellschaft! Fremd in ihren Ansichten und der Auffassung vom Leben. Viele Jahrzehnte gehören wohl dazu, sie aus ihrer unheimlichen Ruhe aufzustören!
Der Fluß verbreitert sich, die hier niedrigen Ufer treten zurück. Die Strömung wird geringer, die Gefahr des Festkommens steigt durch die Verflachung. Dauernd peilen die Leute von Deck aus die Wassertiefen. Mit geringer Geschwindigkeit, äußerst vorsichtig setzt „Tsingtau“ ihren Weg fort.
Weit voraus sind die Segel zweier Dschunken zu sehen, die quer zum Strom fahren. Auf der oberhalb liegenden flammt ein Blitz, starker Pulverqualm wälzt sich am niedrigen Bug auf, ein schwacher Knall kommt herüber. Eine Kriegsdschunke, die soeben einen Piraten gefaßt hat. Daß der Flußräuber selbst an der Arbeit ist, scheint ausgeschlossen, da ihm das herankommende Kriegsschiff, dessen charakteristische Formen ihm wohlbekannt sind, bei der Ausübung seines Handwerks etwas unheimlich sein dürfte.
„Geschütze und Maschinengewehre klar!“ Ein eiliges Hasten an Deck, Munition wird gemannt, die Geschütze werden geladen, Patronengurte in die Maschinengewehre eingezogen.
Drüben geht die Jagd weiter. Vergebens versucht der Pirat das Ufer zu erreichen, die schnellere Kriegsdschunke kneift ihm den Weg ab. Einen Augenblick darauf scheint er seine Absicht geändert zu haben, will stromabwärts entkommen. Einen Augenblick nur. Weiß er doch zu genau, daß das ihm entgegenkommende Kriegsschiff ein viel gefährlicherer Gegner ist als der bisherige Verfolger. Wieder blitzt es auf der Kriegsdschunke auf, von der jetzt zwei bunte chinesische Flaggen wehen. Ein Treffer. Die Vollkugel fährt aus dem uralten Vorderlader und reißt einen erheblichen Fetzen aus dem Segel des Räubers, dessen Geschwindigkeit sich mehr und mehr verlangsamt. Rasch nähern sich die beiden Dschunken. Aufgeregt hetzt die Mannschaft an Deck des zuerst herankommenden Piraten herum. Der Mann am Steuer wirft sich mit voller Wucht gegen die Pinne, laute Kommandorufe, Schreien, Fluchen tönt herüber. Weit mehr Leute scheinen an Bord, als zur Bedienung des Fahrzeuges erforderlich sind. Alle in dem blauen Nankinganzug mit nacktem Oberkörper. Geradezu verboten sehen sie aus. Einige versuchen, auf dem achteren kleinen Mast ein Segel zu hissen, andere wieder laufen mit Flinten eines anscheinend uralten Systems nach dem hohen Aufbau und beginnen nach dem Verfolger hinüberzuschießen, der das Feuer sofort erwidert. Ein wildes Geknalle hebt an, bald hier, bald da ein Schuß, dann wieder eine ganze Salve. Schon jetzt ist zu sehen, daß die Kriegsdschunke überlegen, ein Eingreifen der „Tsingtau“ also unnötig ist.
Wieder saust eine Kugel heran, trifft auf Deck, mitten in den Knäuel der zusammengedrängten Piraten, und schlägt ein halbes Dutzend Leute zu Boden. Vierkant drehen sie auf Land zu, um wenigstens das nackte Leben noch zu retten. Zu spät! Das zerfetzte Segel gibt dem Schiff keine Geschwindigkeit mehr, näher und näher rauscht der Verfolger, ununterbrochen feuernd, heran. In Todesangst — wissen sie doch, was ihrer harrt — springt ein Teil der Leute über Bord. Die Strömung faßt sie, wirbelt sie herum und entführt sie abwärts. Jetzt ist die Kriegsdschunke heran, geht am Piraten längsseit und macht fest. Mit Säbeln und Pistolen springen Soldaten herüber, bereit, jeden Widerstand zu ersticken. Im Handumdrehen ist das Werk getan. Wer noch lebt, wird gefesselt, daß er auch nicht ein Glied rühren kann, und wie ein gefüllter Sack an Bord der Kriegsdschunke geworfen. Die meisten freilich sind vorher schon unter den Kugeln gefallen oder ertrunken. Dann wird das erbeutete Fahrzeug in Schlepp genommen und nach Wutschau zugehalten, wohin auch S. M. S. „Tsingtau“ ihren Weg fortsetzt.