Eine riesige, zinnengekrönte Mauer umgibt die Stadt, aus deren Mitte sich eine Anhöhe erhebt. Ein Gewimmel alter, halbverfallener Häuser, schmaler, winkeliger Gassen und Gäßchen, aus denen nur selten ansehnlichere Gebäude, die Sitze der Regierungsbehörden, ragen. Besseren Eindruck macht des Geschäftsviertel zwischen der Mauer und dem Fluß. Die Straßen sind reinlicher und breiter, die Häuser ansehnlich. Längs des Ufers ist auf dem gelben Schlick die Kaimauer aufgeführt. Einige Hulks europäischer Firmen, die Anlegeplätze der kleinen Flußdampfer liegen dicht am Ufer vor mehreren Ankern am Bug und Heck. Laufplanken führen an Land.

Eine Stunde nach dem Kampf der Kriegsdschunke mit den Piraten rasselt der Anker des Kanonenbootes in den Grund. Kaum liegt „Tsingtau“, die in Wutschau wohlbekannt ist, ruhig, als auch schon vom Ufer kleine chinesische Zampans abstoßen. Geschäftstüchtige Schiffshändler kommen längsseit. In fließendstem Pidgeon-Englisch preist der Bumboatsman Wong-fa Eier und Hühner für einen lächerlich billigen Preis an, der aber trotzdem den richtigen Marktpreis noch immer um ein Vielfaches übersteigt. Einige der neu an Bord gekommenen Leute wollen sich das gute Geschäft, ein Dutzend Eier für fünfundzwanzig Cents erwerben zu können, nicht entgehen lassen, werden aber schleunigst von den alten, erfahrenen Tsingtau-Leuten belehrt, daß sie die Preise nicht verderben dürfen. Tatsächlich sehen sie sofort, daß Wong-fa, in schneller Erkenntnis, daß es hier keinen übermäßigen Profit gibt, sich grinsend ob der deutschen Geschäftstüchtigkeit mit zehn Pfennig für das Dutzend begnügt.

Gegen Abend meldet sich der chinesische Lotse Ah-Koo mit seinen beiden Gehilfen an Bord, eine für die Weiterfahrt sehr wichtige Persönlichkeit, da es jetzt in unbekannte Flußgebiete geht, deren dauernde Veränderung durch Hochwasser, Strömung usw. in Karten und Büchern nicht festgelegt werden kann. Nur jahrelangen, ständigen Befahrern offenbart der Fluß seine Geheimnisse und läßt sie aus Strömungen und Wirbeln die richtige Fahrstraße erkennen.

Bei Tagesanbruch geht die Fahrt stromaufwärts los. Das Bett wird enger, die Strömung reißender; höher, bis zu zweihundert Meter hebt sich das Ufer, steiles, kahles Gestein schiebt sich heran, das in jäher Wand zum Wasser abfällt. Die Durchbruchsstelle des Flusses durch den Fels, von dem noch Riffe und Klippen im Bette selbst, um die das Wasser in schäumenden Wirbeln hinwegschießt, zeugen: Die Kau-Wei-Hau-tan-Schnelle, die sich fast zwei Kilometer weit dahinzieht und wegen ihrer Gefährlichkeit berüchtigt ist. Jetzt heißt es aufpassen.

Ruder- und Maschinenkommandos jagen einander. Ununterbrochen wirbelt der Rudergänger das Rad bald nach rechts, bald nach links herum; bald stoppt die eine Maschine, während die andere mit äußerster Kraft voraus arbeitet, dann wieder geht die eine zurück, um die Rudermanöver zu unterstützen. Haarscharf geht es an Wirbeln vorbei. Jetzt liegt „Tsingtau“ quer zum Strom, im nächsten Augenblick wirbelt sie herum und jagt mit äußerster Kraft voraus. Langsam, unendlich langsam nur verstreichen die Minuten, deren jede das Ende bringen, das deutsche Schiff auf die Klippen werfen kann. Mit unheimlicher Wucht preßt sich das Wasser durch das enge Felsentor, die Luft ist erfüllt von dem Brausen und Singen der dahinschießenden Massen.

Ah-Koo trabt von einem Ende der Brücke zum anderen. Er ist Südchinese, viel temperamentvoller als seine Landsleute aus dem Norden des Reiches. Trotzdem bleibt er eingermaßen ruhig, führt das Schiff sicher durch das gefährliche Fahrwasser. Wenige Minuten noch, dann treten die drohenden Felsen weiter zurück, das Bett wird breiter und flacher. Die Schnellen sind überwunden, gleichmäßig, ohne Wirbel fließt der Strom wieder dahin.

Dicht unter Land quält sich eine Dschunke durch die Schnellen. Vom Oberteil des Mastes führen Leinen an Land, an denen ungefähr sechzig Kerle, mühevoll auf schmalen Steigen kletternd, das Schiff vorwärts treideln. Stundenlang arbeiten sie, um durch die Schnellen zu kommen, die „Tsingtau“ soeben passierte. Plötzlich dringt ein wildes Rufen und Schreien herüber: Die Hauptschleppleine ist gebrochen! In wirrem Knäuel stürzen die Treidelmannschaften über- und durcheinander. Einen Augenblick später schlägt die Dschunke quer zum Strom, die Treidelmannschaften lassen die übrigen Leinen, die sie noch krampfhaft umklammerten, los. Das Schiff ist nicht mehr zu halten. Sekunden später stößt es auf eine Klippe auf, wird wie Papier herumgedreht. Ein dröhnendes Krachen, wildes Geschrei .... Die Dschunke kentert, verschwindet. Menschen und Schiffstrümmer treiben talabwärts. Jeder Rettungsversuch ist ausgeschlossen. Weit unterhalb erst gibt der Strudel die Leichen von sich.

Hochwasser

Das Flußbett wird immer seichter. Langsam windet sich „Tsingtau“ durch die schmale Fahrrinne. Der Wasserstand ist außergewöhnlich niedrig, da die Schneeschmelze in den birmanischen Grenzgebirgen in diesem Jahre sehr spät eingesetzt hat und die heiße Sonne Südchinas das Wasser schnell verdunsten läßt. Tage, vielleicht Stunden dauert es noch, und ein weiteres Vordringen stromaufwärts bis an das gesetzte Ziel wird überhaupt unmöglich. Allerdings muß die Schneeschmelze täglich eintreten. Wenn nur das Wasser dann nicht zu plötzlich herunterkommt! Das Unheil, das auf den weiten ebenen Uferlandschaften angerichtet werden kann, ist gar nicht abzusehen.

Tenschien kommt in Sicht. Schon sind die Mauern und Häuser der Stadt deutlich zu erkennen, da stellt sich das Schicksal in Gestalt der Hwanghwa-Kiang-Barre hemmend in den Weg. Keine achtzig Zentimeter Wasser mehr, und kaum eine halbe Seemeile entfernt springt grell leuchtend weißer Sand aus dem Flusse. Es geht nicht weiter. Also Anker in den Grund und abwarten, bis das Wasser steigt. An Bord herrscht nicht gerade Trauer darüber, daß die Fahrt unterbrochen wird. Die Hitze ist allmählich trotz des doppelten Sonnensegels drückend geworden, ringsherum flirrt und flimmert die Luft, das warme Flußwasser spiegelt die Sonne so grell wieder, daß die Augen schmerzhaft geblendet werden, das Zeug, das doch wahrlich dünn genug ist, klebt bei der geringsten Bewegung am feuchten Körper an. An Land ist es zwar nicht besser, dafür aber gibt es wenigstens Abwechslung.