Die Feuer unter den Kesseln werden gelöscht. Was nur einigermaßen entbehrlich ist, erhält Erlaubnis an Land zu gehen. Nicht allerdings, ohne daß der Erste Offizier den „Gewehrträgern“ besorgt einschärft, recht vorsichtig zu sein und nicht etwa zahmes, chinesisches Viehzeug, das käuflich bedeutend billiger zu erwerben ist, anzuschießen. Das soll nämlich, obwohl keiner es gewesen sein will, wiederholt vorgekommen sein.

In Trupps ziehen die Leute los. Die einen wenden sich nach der Stadt, um Raritäten und was es sonst Begehrenswertes gibt, zu erwerben, die anderen streifen durch die Flußniederung, um dort zu jagen.

Die an Bord bleiben, trösten sich schließlich damit, daß morgen an sie die Reihe kommt und die Kameraden dann zu Hause bleiben dürfen. Aus weiter Ferne klingen vereinzelte Gewehrschüsse herüber: die Jäger sind an der Arbeit. Spät nachmittags, als die Sonne zur Rüste zu gehen beginnt, findet sich alles wieder ein und — ein wahrer Tierpark mit ihnen. Die Jäger sind zuerst zur Stelle. Sie haben einen Rehbock erlegt und durch ein Kesseltreiben zwei Rehkälber erbeutet, die sie jetzt mitbringen. Sorgfältig werden die hübschen Tierchen an Deck gehoben. Während der Bootsmann noch über den ungebetenen Zuwachs an Bord schimpft und in schwerer Sorge überlegt, wo er die Gäste unterbringen kann, erstirbt ihm vor dem, was die nächsten Minuten bringen, das Wort im Munde. Mehrere Zampans legen an Backbord an, und die zweite Jagdkarawane entsteigt ihnen mit ihrer Beute. Voran kommt ein Gürteltier, das der glückliche Besitzer liebevoll auf dem Arm trägt, dahinter in einem Bastkorbe eine meterlange Schlange, die recht harmlos ist, wenn sie auch gefährlich aussieht, und zwei Uhus, die leise krächzend mit ihren großen gelblichen Augen ins Helle starren. Zum Schlusse folgt noch ein bedeutend weniger harmloser Gast, eine wilde junge Tigerkatze. Der Eigentümer, der auf seine Beute sichtlich stolz ist, hat sie angeleint, hält sie aber durch eine lange Bambusstange in sicherer Entfernung von seinem Körper; fauchend und um sich schlagend wehrt sich das Tier gegen seine Einschiffung. Bis hierher hat der Bootsmann, dessen Augen in ungläubigem Schreck immer größer werden, seinen Zorn noch unterdrückt. Drei Hunde mit zwei Jungen gehören ohnedies schon zur Besatzung. Eine Schlange, zwei Rehe, zwei Uhus .... Grimmiger wird seine Miene, und als jetzt der letzte Gast, die Tigerkatze, erscheint, bricht er in echtem Danziger Idiom los:

„Nu fehlt bloß noch, daß Ainer von Aich mit ’nem Elefonten kommt, dann schmaiß ich Aich aber hailig mitsomt Airem Viehzaig über Bord, wir sind doch hier in keiner Arche Noah nich!“

Nach einigem Hin und Her findet aber alles Unterkunft, und der Erzürnte beruhigt sich. Lange freilich dauert die ganze Herrlichkeit nicht. Die Tigerkatze hat am nächsten Tage schon, wahrscheinlich aus Gram über den Verlust ihrer Freiheit, wie ihr Besitzer behauptet, Selbstmord begangen, indem sie sich an ihrem Seil erhängt, ein Reh springt über Bord und ersäuft, und das andere geht später elendiglich an Überfütterung zugrunde.

Wie im Fluge ziehen die Wochen dahin. Zahlreiche Chinesen kommen aus der Stadt, kauern am Ufer hin und sehen stundenlang dem Leben und Betriebe an Bord des Kriegsschiffes zu. Mit echt chinesischer Findigkeit ist auch sofort ein „fliegender Teehändler“ und ein Garküchenmann zur Stelle. Eines Tages macht sich besondere Bewegung an Land bemerkbar. Es wimmelt oben von blaugekleideten Leuten, und immer mehr noch strömen zusammen. Dann naht aus einem der Stadttore ein seltsamer Zug. Voran ein Mann mit einer hölzernen Tafel, auf der chinesische Schriftzeichen prangen. Dahinter kommen zahlreiche Soldaten mit Gewehren und Spießen. In ihrer Mitte führen sie eine schlotternde Gestalt in blauem Nankingzeuge, einen anscheinend älteren Mann, dessen Hände auf den Rücken gebunden sind. Im Geschwindschritt kommen sie, gefolgt von einem Schwarm Neugieriger, das Ufer hinab. Auf einem kleinen Platze wird Halt gemacht. Die Menge teilt sich, die Tafel wird mit einem Pfahl in die Erde gestoßen und der Gefesselte darangelehnt. Eine Exekution: Der Delinquent ist ein früherer Mandarin, den erst jetzt, einige Jahre nach der Revolution, an der auch er sich beteiligte, sein Schicksal ereilt. Mit Berücksichtigung seines früheren Standes wird er gnadenhalber nicht geköpft, sondern erschossen.

Ein Kommando. Ein wildes Geknatter, das eine Salve darstellen soll, folgt. Der Mann am Pfahl rührt sich nicht. Starr, mehr tot als lebendig, blicken die glanzlosen Augen in die Mündungen der rauchenden Gewehre. Ein zweiter Befehl, eine zweite „Salve.“ Dann erst knickt der Gerichtete schwerfällig zusammen und stürzt nach vorne über. Er ist tot. Die Verwandten erhalten den Leichnam zur Bestattung und dürfen ihn am nächsten Tage wegbringen.

Steuerbord voraus liegt die Sandbarre. Seit Tagen schon schimmert ihr weißer Sand im grellen Sonnenlichte. Fast stündlich scheint sie zu wachsen und sich zu vergrößern, wie eine Warnung für das harrende Schiff: Bis hierher und nicht weiter! Schneeweiße Reiher und wilde Enten hausen dort, tummeln sich umher. Kurz vor sechs Uhr morgens kommt der neue Tag herauf. Dichte Nebel liegen über dem Flusse, decken alles mit einem Schleier. Zwei Stunden vergehen, bis das Ufer sichtbar wird. Auf der Brücke unter dem Sonnensegel hält der Signalgast Wache. Ununterbrochen spähen seine Blicke über den Strom und suchen die weiße Wand zu durchdringen. Jetzt lichtet sich der Nebel, wird dünner, und strahlend bricht die Sonne durch. Ein Stutzen! Die Sandbank voraus ist verschwunden, kein Wirbel zeigt, wo sie noch wenige Stunden vorher aus dem Grunde hervorwuchs. Auch der unter den Ufern liegende Schlick ist überflutet, gleichmäßig rauscht das Wasser über ihn hinweg. Der Strom steigt, der Weg ist frei!

Dampf auf in allen Kesseln, so schnell als möglich. Schwerer Rauch wälzt sich aus dem hohen Schornstein, bald drehen sich die Schrauben. Langsam zuerst, als wenn sie aus langer Ruhe erwacht wären. Alles ist klar zur Weiterfahrt.

„Anker lichten!“ Wenige Minuten später hängt der Anker vor der Klüse.