„Steuerbord 10, beide Maschinen halbe Fahrt voraus!“

Mitten im Strom strebt „S. M. S. Tsingtau“ den Hsikiang aufwärts. Es geht an schilfbewachsenen Flußinseln vorbei, an Mündungen kleiner Nebenflüsse, an Siedelungen, an Pagoden, die wie Wächter von den Höhen ins Land ragen, an mauerumgebenen Städten. Scharf biegt der Fluß nach Süden. An Steuerbordseite schimmern im Scheine der untergehenden Sonne die hellen Gebäude von Sünschau herüber, der Präfekturstadt von Schanscha-Schan. Wieder geht der Anker für eine Nacht in den Grund.

Am nächsten Tage heißt es den Hsikiang verlassen und im Roten Flusse, dem Hungschui-Kiang, weiter vordringen. Das Bett ist bedeutend enger, die Ufer treten näher heran, gefährliche Wirbel schaffen schwierige Passagen; an besonders engen Stellen schießt die Strömung mit so reißender Wucht entgegen, daß „Tsingtau“ nur mit äußerster Kraft weiterkommt. Die Gegend wird interessanter als zuvor. Die Bergzüge, die die letzten Tage noch aus blauer Ferne herüber zum Strome dämmerten, schieben sich heran, kommen in greifbare Nähe. Spärlich zeigt sich Wald, nur um die Tempel ziehen sich dunkelgrüne Bambushaine. Drei Tage dauert die Fahrt auf dem Roten Flusse, dann geht es nach Norden in den noch schmäleren Liu-Kiang. In scharfen Biegungen und Windungen, die größte Aufmerksamkeit beim Manövrieren erfordern, zieht sich das Bett dahin bis Lautschau-fu, dem Ziel der Fahrt. „Tsingtau“ ist das erste Kriegsschiff, das so weit binnenlands seine Flagge zeigt. Ein Engländer, die „Moorhen“, hat es vorher schon versucht, mußte das Unternehmen aber aufgeben.

Plötzlich, ganz ohne Übergang, treten die Berge zurück und machen einer fruchtbaren Ebene Platz. Mitten in weiten Reisfeldern und grünen Bambuswäldern wird das Häusergewirr von Lautschau-fu sichtbar. Auch hier windet sich eine zinnengekrönte Mauer um die Stadt, ziehen sich leichtgebaute Häuser außerhalb der Mauern zum Fluß hinab. Das erste europäische Kriegsschiff, der erste europäische Dampfer überhaupt, der hier anlegt. Das Aufsehen, das das nach chinesischen Begriffen ungeheure Schiff, das mit seinem hohen Gefechtsmast ja wirklich einem mächtigen Kampfschiffe ähnelt, hervorruft, ist unbeschreiblich. Aus der ganzen Stadt strömt die Menge durch die dem Wasser zugewendeten Tore zum Flusse hinab, wie mit einem Schlage stockt das ganze Geschäftsleben. Dumpfe Gongschläge, die überall hörbar werden, verkünden allenthalben das Ereignis. Ein Gewimmel ist das in den engen Gäßchen! Die Mauern sind von Neugierigen besetzt, kein Fleckchen, das die Möglichkeit bietet, das fremde Ungeheuer zu sehen, ist frei, und noch immer versiegt der Zustrom nicht. Viele, nein, die meisten von denen, die da neugierig auf den Fluß hinabstarren, haben einen Dampfer überhaupt noch nie gesehen. Die Menge wankt und weicht nicht; keine Bewegung an Deck, wo jetzt eben Kapitänleutnant v. Möller mit dem Dolmetscher erscheint, entgeht ihr. Ein Raunen und Flüstern erhebt sich, als sie die riesenhafte Gestalt des deutschen Offiziers, die unter den kleinen Südchinesen doppelt auffällt, gewahr werden.

Alles drängt zu der Stelle hin, wo das Boot der „Tsingtau“ anlegt. Soldaten und Polizisten haben Mühe, das Volk zurückzudrängen. Rücksichtslos schlagen sie auf die Leute ein, schaffen Raum bis zu dem Platze, wo mehrere Sänften bereitstehen. Nervige Fäuste heben sie vom Boden. Die Soldaten ordnen sich als Eskorte ringsherum, und im Geschwindschritt geht es durch das Tor in die von Menschen erfüllte Stadt. Ein Meer von Chinesen wogt rechts und links, öffnet sich, um sich sofort wieder zu schließen und hinten nachzufluten. Mit einem Ruck werden die Sänften niedergestellt. Der Yamen des Bürgermeisters, dem der Besuch gilt, ist erreicht. Mehrere hohe Tore, geräumige Höfe, rings von Amtsgebäuden umgeben, führen in das Innere, wo der chinesische Würdenträger des Gastes harrt. Ein älterer, behäbiger Herr, in prächtige Seidengewänder gekleidet, aus dessen faltigem Antlitz die Augen klug in die Welt blitzen, nähert er sich, wie es das chinesische Zeremoniell vorschreibt, unter vielen Verbeugungen und geleitet seinen Gast in die Empfangshalle, wo auf kleinen Tischchen Erfrischungen bereitgestellt sind. Sogar ein Stuhl ist zu Ehren des Europäers vorhanden. Während in papierdünnen Schalen der grüne Tee gereicht wird, entspinnt sich mit Hilfe des Dolmetschers eine rege Unterhaltung. Der Bürgermeister erkundigt sich, wie es dem Kaiser geht, spricht in begeisterten Ausdrücken über das schöne Schiff und fragt, ob die deutsche Marine noch mehr so große, mächtige Fahrzeuge hätte. Ein feines Lächeln zittert über seine faltigen Züge, als ihm der Dolmetscher berichtet, die „Tsingtau“ sei nur eines der kleinsten Boote, über die die deutsche Flotte verfüge. Er glaubt es nicht, ist aber viel zu höflich, einen Zweifel laut werden zu lassen. Besonders erfreut ist er, als Kapitänleutnant v. Möller ihn einladet, sein Schiff zu besuchen.

Unter dem gleichen Zeremoniell wie die Ankunft geht die Verabschiedung vor sich. Es folgen noch kurze Besuche bei den anderen Würdenträgern der Stadt, dann schlagen die Sänften den Weg nach dem Flusse ein. Durch enge, winkelige Gassen, in denen oft ein Geruch herrscht, der für europäische Nasen nicht gerade angenehm ist. Eine Stunde später erscheinen mit feierlichem Pomp, umgeben von großem Gefolge, der Bürgermeister und der Polizeipräsident an Bord. Die ganze Mannschaft ist in tadellosen weißen Anzügen an Deck aufgestellt. Am Fallrepp bewillkommt der Kommandant seine Gäste und führt ihnen sein Schiff vor. Er zeigt ihnen die Geschütze, die Scheinwerfer, die Maschinengewehre. Das Interesse ist groß. Vieles scheint den Chinesen ja unverständlich, nie aber kommt eine Frage über ihre Lippen, immer bewahren sie ihre würdevolle Haltung. Dann geht es in die Offiziermesse, wo die Gäste bewirtet werden. Eine halbe Stunde dauert der Besuch. Kaum ist er von Bord, als neuer eintrifft! Mister Pitt und andere Angehörige der amerikanischen Mission, die hier wirkt. Der Ruf, daß der Kommandant der „Tsingtau“ auf seinen zahlreichen Fahrten in das Innere besonders gute Beziehungen zu den Missionen unterhält und großes Verständnis für ihre Bestrebungen hat, ist bis hierher gedrungen. Die Begrüßung ist außerordentlich herzlich, in kurzer Zeit ist eine sehr angeregte Unterhaltung im Gang. Der Besuch erzählt über die interessante Gegend. Über die Räuber, die in den Bergen hausen, und regelmäßige Streifzüge in die Ebene, bis unter die Mauern der Stadt unternommen, berichten die Amerikaner, über die Machtlosigkeit der Polizeigewalt und über die seltsamen Ureinwohner der benachbarten Sön-miau-dse-Republiken, die, von bräunlicher Gesichtsfarbe, arische Züge aufweisen, ihre eigenen Gesetze und Religion haben und die chinesische Oberhoheit nicht anerkennen. Lange bleiben die Gäste noch über das Essen hinaus und werden erst entlassen, nachdem für den nächsten Tag Ausflüge verabredet worden sind.

Der Himmel hat sich umzogen, es regnet. Unaufhörlich, in jähem Gusse strömt das Wasser herunter und plätschert auf Deck und auf das Sonnensegel. Tiefdunkel ist die Nacht, kein Stern am Himmel. Wie aus weiter Ferne schimmern verschwommen die Lichter der kaum hundert Meter ab liegenden Häuser vom Ufer herüber. Unheimlich gurgelt die Strömung am Schiffe längs. Die Ankerketten — längst sind zur Vorsorge beide Anker ausgebracht — rucken einigemale. „Tsingtau“ giert bald nach Steuer-, bald nach Backbord. Lebhaftes Rufen, laute Schreie dringen von den an Land vertauten Dschunken und Zampans durch die Nacht. Lichter blitzen auf, huschen hierhin und dorthin. Das Wasser kommt! Immer mehr nimmt die Bewegung an Land zu, stärker, dringlicher werden die Rufe.

„Dampf auf!“ Alle Leute werden gepurrt. Unheimlich schnell naht die Gefahr. Mit furchtbarer Wucht kommt das Wasser von den Bergen herab, brausend schießt es vorbei, höher und höher steigt es.

„Scheinwerfer anstellen!“ Blendend strahlt im nächsten Augenblick eine Lichtflut auf, bricht durch das Dunkel. Das Ufer ist überflutet, schon leckt das Wasser an die ersten Häuser heran. Überall hasten die Gestalten herum. In wilder Eile werden die Häuser geräumt. Einrichtungsgegenstände und Geräte werden nach der höhergelegenen Stadt hinaufgeschafft. Kinder und Hunde waten im Wasser hinten nach.

Als die Lichtstrahlen hereinbrechen, stockt in jähem Schrecken an Land jede Bewegung. Furchtbar, grauenhaft dünkt die Chinesen das Erscheinen einer Sonne im nächtlichen Dunkel. Sind sie doch nur an Talg und ärmliche Petroleumlampen gewöhnt. Bald aber verstehen sie, daß der gute Lichtgeist ihnen beim Rettungswerke behilflich sein will und arbeiten in verdoppelter Eile. Das Inventar ist geborgen, jetzt geht es an das Einreißen der leichtgebauten Häuser selbst. Hier ein Pfahl, dort Latten, Bretter und Bohlen werden abgerissen. Klatschend stürzen die ihrer Stützen beraubten Lehmmauern zusammen, Strohdächer folgen ihnen nach. Das Unglück ist nicht allzugroß. Jedes Jahr kehrt das Hochwasser wieder, die Leute rechnen schon damit. Die Häuser werden abgerissen und, wenn sich die Flut verlaufen hat, eben neu aufgebaut. Lehm gibt es überall, nur das Holzwerk muß geborgen werden. So arbeiten sie also hastig, atemlos, wie gehetzt, als wäre jede Sekunde unwiederbringlich.