Hohl braust die Strömung, scharfe Rucke gehen durch das Schiff. Die Ankerketten werden gesteckt. Wieder dröhnt am Ufer lautes Geschrei auf: Zwei Dschunken haben sich losgerissen und treiben in der reißenden Strömung flußabwärts in die Nacht.

Bald nach oben, bald weiter unterhalb geistert die Lichtflut des Scheinwerfers, wo sie gerade gebraucht wird. Eben hat sie einen neuen Ausschnitt gefaßt, beleuchtet ihn taghell, als plötzlich, wie in einem Kinematographen, Leben in das Bild, das sich klar abhebt, kommt. Die beiden Häuser, die drüben abgetragen werden, verschwinden, andere, neue treten an ihre Stelle, Stadtmauern, ein Tor, Bäume ziehen vorbei. — „Tsingtau“ treibt! — Grell schlägt der Maschinentelegraph an, schrillt durch das Schiff.

„Beide Maschinen halbe Fahrt voraus!“ .... Das Kommando kommt zurück ... „Große Fahrt!“ Immer reißender wird die Flut, ein Verbleiben auf dem Platze ist unmöglich, soll der Strom nicht Gewalt über das Schiff gewinnen. Eine Sekunde der Überlegung, eine kurze Besprechung mit Ah-Koo.

„Anker lichten!“ Der gefährlichste Moment. Die Anker sind aus dem Grund, alles hängt jetzt von der Leitung des Schiffes und der Kraft der Maschinen ab.

„Steuerbordmaschine äußerste Kraft voraus! Backbordmaschine äußerste Kraft rückwärts! Hart Backbord!“ ....

Im reißenden Strome treibend dreht „Tsingtau“ trotz der schmalen Stelle glücklich mit dem Bug talabwärts. Mit rasender Geschwindigkeit saust das Schiff dahin, gespenstisch, in unheimlicher Fahrt gleiten die Ufer vorbei. Bald scheint es auf einen weiten See hinaus zu gehen, dann wieder springen steile Berge heran, deren Häupter sich ins endlose Dunkel verlieren. Noch schneller, atemberauschender wird die Fahrt an den engen Stellen. Tiefschwarz ist die Nacht, unaufhörlich strömt der Regen ....

Der Fluß wird breiter, die Ufer treten zurück, ruhiger gleitet die Flut. In stillerem Wasser wird geankert. Die größte Gefahr ist abgewendet; hier wird die Dämmerung abgewartet. Grau und trübe kommt der Tag herauf und mit ihm die Erkenntnis, daß „S. M. S. Tsingtau“ außerhalb des Flusses mitten in einem chinesischen Dorfe vor Anker liegt. Dicht vor dem Bug tauchen die grünen Wipfel eines Baumes noch eben aus dem Wasser, ringsherum ragen die Dächer von Häusern. Fast zwanzig Meter ist der Fluß in der Nacht gestiegen, hat das ganze Tal mit seinen Fluten erfüllt und in einen See verwandelt. Dunkelbraun wälzt sich das Wasser dahin, langsamer dort, wo es ins Land getreten ist, schneller, in reißender Fahrt im eigentlichen Bette. Bootstrümmer treiben vorbei, ganze Hausdächer, kümmerliche Einrichtungsgegenstände, ertrunkenes Vieh. In bunter Abwechslung, stundenlang. Blaues Zeug leuchtet matt herüber. Eine Leiche — eine zweite, dritte, ein halbes Dutzend. Im Schlaf von der Flut überrascht.

Es wird heller, der Ankerplatz ist deutlicher zu übersehen. Ganze Familien sitzen da auf den Dächern um „Tsingtau“ herum, Männer, Frauen, Kinder, einzelnes, besonders wertvoll scheinendes Getier. Unaufhörlich leckt die Flut an den Lehmmauern, spült sie hinweg. Krachend stürzt bald hier, bald dort ein Haus zusammen, verschwindet in der Flut, und die Dächer treiben mit ihrer lebenden Last hinweg. Die Nachbarn, die sich noch sicher auf ihrem Platze fühlen, lachen, rufen, scheinen alles andere als Mitgefühl zu empfinden. Glücklich sind jetzt die Besitzer von Booten. Sie können sich, wenn auch erst viele Meilen unterhalb, in Sicherheit bringen.

Ein Rettungswerk ist unmöglich. Der Strom schwillt weiter, längeres Verweilen kann gefährlich werden. Vor allem heißt es in den Fluß zurückkommen, um nicht, falls das Wasser sich ebenso plötzlich, wie es kam, verläuft, mitten in einem Reisfeld sitzen zu bleiben. Diesmal ist es allerdings gar nicht so einfach, Anker auf zu gehen. Mächtige Baumstämme haben sich zwischen die Ketten gesetzt und sie vertörnt. In unendlich mühseliger Arbeit muß das Holz, bevor die Ketten eingehievt werden können, mit Äxten und Sägen entfernt werden. Bis an die Hüften müssen die Leute in das Wasser, der Schweiß rinnt trotz strömenden Regens und kalten Windes, der von den Bergen niederbläst. Dann nach stundenlangem Bemühen sind die Anker an Bord, die Fahrt kann talabwärts fortgesetzt werden. Überall das gleiche, trostlose Bild: die braune Flut, die zu kochen scheint in ihrem rasenden Dahinschießen, Trümmer, totes Vieh, Leichen.

Das Bett wird enger, stärker, brausender der Strom, der von Strudeln und Wirbeln erfüllt ist. Schneller und schneller, in unheimlicher Fahrt saust „Tsingtau“ dahin. Da! — Das Schiff gehorcht dem Steuer nicht mehr, schießt, durch den Sog gezogen, in ein durch die Unterwasserklippen gebildetes Loch ... hart legt es sich über, als wollte es in der nächsten Sekunde kentern .... Wie instinktiv wirbelt der Rudergänger das Steuerrad herum. „Tsingtau“ richtet sich auf und rast in toller Fahrt weiter.