Furchtbar war die Gefahr, nicht einen Augenblick aber haben Kommandant und Mannschaft die ruhige Überlegung verloren. Nicht so Ah-Koo, dem die Geschichte doch recht sehr an die Nieren gegangen ist. Er läuft von einem zum andern, reißt sein Hemd auf der Brust auf, deutet auf die Stelle, wo sein chinesisches Herz klopft und meint, glücklich grinsend: „Master, make looksee, make plenty bumbum; by — by kaputtala!“ Womit er ungefähr sagen will, er hätte solches Herzklopfen gehabt, daß er darüber fast „kaputt“ gegangen wäre.
Aus dem Liukiang geht es zurück in den Hung-schuikiang und von da in schnellster Fahrt in den Hsi-kiang, in dessen breitem und tiefem Bette sich das Hochwasser nur im Wasserstande fühlbar macht.
Harte Tage liegen hinter den Tsingtauleuten. Das plötzlich in der Nacht eintretende Hochwasser, die Vernichtung der Vorstadt von Lautschau-fu, das Treiben der Dschunken und von „Tsingtau“ selbst, das Wenden des Schiffes in der reißenden Strömung, die Talfahrt, die in wahnwitziger Geschwindigkeit vor sich ging, die schrecklichen Eindrücke auf dem von Strudeln und Wirbeln erfüllten Flusse, die von Tod und Vernichtung sprachen, das gefahrvolle Passieren der Schnellen endlich, das jeden Augenblick den Untergang bedeuten konnte. In tollem Durcheinander gaukeln die Eindrücke noch in der erregten Phantasie, traumhaft, wie unwirklich dünkt die Ruhe und Stille. Unerhörte Anforderungen haben die letzten Tage an Kraft und Nerven gerichtet, ein ständiges „Angespanntsein“ war es, währenddessen das Wort „Schlaf“ gänzlich ausgeschaltet war. Jetzt ist das alles überwunden, scheint in unendliche Ferne gerückt.
Nach vorsichtigem Loten gleitet „Tsingtau“ in einen stillen Seitenarm des Hsikiang. Der Anker fällt, die Maschine steht. Die wohlverdiente Sommerfrische kommt, die der Kommandant in Anbetracht der ausgestandenen Strapazen hier zu verbringen gedenkt. Das plötzlich eingetretene Hochwasser hat überdies die Fahrt stromaufwärts, die bedeutend länger geplant war, erheblich abgekürzt, so daß Zeit im Überfluß vorhanden ist. Klar und rein ist das Wasser des kleinen Flusses, fast jedes Steinchen auf dem Grunde ist zu sehen. In mäßiger Höhe streben auf beiden Seiten die steinigen Ufer hoch; vegetationsarm sind sie, da der heftige Regen hier immer wieder den letzten Rest kümmerlichen Bodens abwäscht, den nackten Fels zutage treten läßt. Spärlicher Graswuchs zeigt sich stellenweise, einzelne Büsche Farnkräuter, die nicht einmal die genügsamste chinesische Ziege füttern könnten. Weit hinter den Anhöhen dehnt sich die Ebene bis dahin, wo in blauer Ferne neue Hügel und Berge den Horizont abzuschließen scheinen.
Keine Ansiedelung, kein Mensch, kein Lebewesen weit und breit! Hoch oben im klaren Blau nur zieht ein Bussard seine Kreise, Krähen segeln krächzend vorbei. Doppelt wohlig ist die tiefe Stille nach der Anspannung. Den ganzen Tag wird gebadet, die Leute klettern an Land herum, versuchen Fische zu fangen, kurz, führen das sorgenlose Leben von Sommerfrischlern, wie es nur selten den Schiffen der deutschen Marine beschieden ist. Nicht einmal Moskitos gibt es hier, obwohl die Sonne doch wieder mit tropischer Glut herunterbrennt und Wasser im Überfluß vorhanden ist. Ein Paradies für die Leute. Nur der Kommandant ist ernster und wortkarger als sonst. Wie ein schwerer Alp liegt die Nachricht, die Ende Juni wie ein Blitz aus heiterem Himmel eintraf, auf ihm, daß der österreichische Thronfolger und seine Gattin in Serajewo ermordet worden seien. Zunächst nur ein Telegramm, das der Draht und der Funke übermittelt hatten, eine jener vielen Nachrichten, die aus dem in unendlich scheinender Ferne liegenden Europa kaum für Minuten das gleichmäßige Leben Chinas zu unterbrechen geeignet waren. Am gleichen Tage spricht man noch davon, spinnt abends im bequemen Liegestuhl auf der Veranda der Klubs seine Gedanken darüber, und am nächsten Tage ist der Vorfall, so furchtbar tragisch er an sich auch sein mag, vergessen. Höchstens denkt man wieder daran, wenn nach Wochen die Zeitungen aus der Heimat, die nähere Einzelheiten bringen, eintreffen. Kapitänleutnant von Möller aber ist die grauenhafte Tragweite dieses Ereignisses klar. Wie abgeschnitten ist „Tsingtau“ von der Welt, seit jenes Unglückstelegramm eintraf. Das Hochwasser hat alle Postverbindungen unterbrochen, die Telegraphenleitungen zerstört. Der Kommandant sieht, wie sorglos seine Offiziere und Leute das Leben genießen. So behält er also seine Befürchtungen noch für sich. Nur sein Gesicht wird ernster, sorgenschwer. Ein Tag vergeht nach dem anderen. Prall und heiß glüht die Sonne vom wolkenlosen Himmel herunter, bescheint das deutsche Schiff in dem stillen Flusse, das fröhliche Leben und Treiben.
Unvermittelt kommt eine Regenbö, der Ausläufer eines fernen Gewitters, herauf, heulend fegt der Sturm heran, zwängt sich durch das Tal und stürzt sich auf die „Tsingtau“. Ein Krachen, Splittern — die Funkenstenge kommt, geknickt wie ein Streichholz, von oben auf Deck herunter. Plötzlich, wie er gekommen, ist der Sturm auch weg, und wolkenlos wölbt sich wieder der Horizont. Auf der Brücke steht neben Leutnant zur See von Wenckstern der Kommandant und sieht den Leuten zu, die geschäftig aufräumen.
„Na ja, da haben wir den Salat! Nun können wir hier abbauen und uns in Wutschau eine neue Stenge kaufen,“ meint Kapitänleutnant von Möller.
„Eigentlich schade“, erwiderte der Angesprochene. „Es war so schön hier, Herr Kapitänleutnant! Wollen wir nicht noch etwas hier bleiben? Ist ja auch für die Leute eine verdiente Erholung nach den schweren Tagen im Hochwasser.“ Der Kommandant nickt zustimmend.
„Ich hätte ihnen den Aufenthalt auch gern noch vergönnt, aber ich weiß nicht, ich habe so eine merkwürdige Unruhe in mir, als ob draußen in der Heimat irgend etwas los wäre.“
„Nanu, Herr Kapitänleutnant, die einzige wichtige Nachricht war doch wohl nur der Mord von Sarajewo?“