Der Morgen graut, dichte Nebel liegen über dem Flusse, leise, geräuschlos lösen sich mehrere Boote von dem Schiff und streben dem nahen Lande zu ....
Am 19. August, bei Bekanntwerden des japanischen Ultimatums ist die ganze Besatzung schon mehr als zweitausend Kilometer von ihrem Schiff entfernt, um das Stück Heimat, das Stückchen Deutschland im fernen Osten, das ihrem Schiffe seinen Namen gegeben hat, mit ihren Leibern und mit ihrem Blute gegen weiße und gelbe Habgier und Raublust zu verteidigen.
Nach Manila
Seit einer Viertelstunde schon schlendert ein baumlanger, schlanker junger Mensch vor dem Bahnhof in Canton auf und ab. Die straffe Haltung und das gebräunte Gesicht verraten schon von weitem den Offizier. Ungeduldig spähen die scharfen Augen die breite Straße hinunter, die von der Station nach der Stadt führt. Endlich erscheint dort, gerade als die Ungeduld des Wartenden auf dem Höhepunkt angelangt ist, ein Rikschamann mit seinem mit Gepäck beladenen Karren.
„Kwai, kwaiiii! Schnell, los, los! Mach’ doch endlich, daß du herankommst, du langweiliger Kerl!“ Kaum hört der Chinese den Ruf und wird des Europäers ansichtig, als er auch seine letzte Kraft anspannt. In rasendem Laufe windet er sich durch das Gedränge, überquert den Platz und setzt endlich mit einem erleichterten Seufzer die Gabel vor dem Eingangstor der Station nieder. In hellen Strömen rinnt ihm der Schweiß über das gelbe Gesicht und den nackten Oberkörper. Während er noch grinsend das über Erwarten hohe „Teegeld“ einstreicht, springt ein anderer Chinese herzu, faßt das Gepäck und schleppt es auf einen Wink zur Zollabfertigungsstelle. Kapitänleutnant von Möller hat am frühen Morgen sein nach dem Abzug der Mannschaft so still gewordenes Schiff verlassen, um sich zunächst mit der Bahn nach Hongkong zu begeben. Ruhig, gelassen schreitet er jetzt hinter dem Kuli den Zollschranken zu. Eine unangenehme Geschichte, diese Zolluntersuchung, bei der jeder Koffer durchwühlt wird. Die Beamten hier brauchen nicht gerade alles zu wissen, was sich in seinem Gepäck birgt. Na, so arg scheint es ja auch nicht werden zu wollen. Der erste Koffer wird geöffnet. Einige Fragen des chinesischen Beamten nach Opium und ähnlichen verbotenen Dingen werden zufriedenstellend beantwortet, eben klappt der Deckel wieder herunter, als aus dem Hintergrunde eine scharfe Stimme ertönt. Erregt tritt ein europäischer Beamter heran und befiehlt dem Chinesen barsch, die Sachen nochmals gründlich zu durchsuchen. Ein kleines, schmächtiges Kerlchen mit kohlschwarzem Knebelbarte, dessen greuliche Aussprache schon beim ersten Wort den Franzosen verrät. Längere Zeit hat er von seiner dunklen Ecke, in der er sich vorher verborgen hielt, die alles überragende Gestalt von Möllers beobachtet, in dem sein Argwohn einen Deutschen vermutet, der im Begriff steht, nach Europa in den Krieg zu gehen. Wie ein wildgewordener Truthahn schießt er an die Schranke heran, schimpft über seinen nachlässigen Untergebenen: Was getan werden kann, dem Deutschen Schwierigkeiten in den Weg zu legen, soll geschehen. Auch das kleinste, harmloseste Stückchen soll hervorgekramt, untersucht werden. Wenn der Passagier darüber den Zug versäumt und in Hongkong das vielleicht letzte Schiff — wer weiß, ob England nicht morgen schon Farbe bekennt — ohne ihn abgeht, ist wenigstens einer unschädlich. Offen freilich wagt er sich an den Riesen nicht heran, aber der gehässige Seitenblick, der den Deutschen streift, spricht Bände. Die Sache kann böse werden. Daß der Halunke ganze Arbeit macht, ist sicher. Noch aber ist nicht alles verloren.
„Was abben Sie in Ihre Bagage?“ In ganz leidlichem Deutsch stellt er die Frage. Keine Antwort. Der Monsieur wiederholt bedeutend gereizter:
„Ick bitte mir su sagen, was Sie abben in die Bagage ier?“
Ein erstaunter, verwunderter Blick trifft den Kleinen.
In tadellosem Englisch kommt es aus dem Munde von Möllers:
„What do you mean, Sir?“ Der Franzose stutzt einen Augenblick, dann zieht sich sein dunkles Gesicht in verbindliche Falten.