„Oh, you are English, Sir, I see! You are going to Hongkong? It’s all right, Sir!“ Und diensteifrig schließt der Zollbeamte, der eitel Sonnenschein geworden ist, die Koffer. Nicht eine Miene hat der vermeintliche Engländer während der ganzen Szene verzogen. Als er aber mit seinem Gepäck draußen auf dem Bahnsteig ist, kann er einen leisen Seufzer der Erleichterung doch nicht unterdrücken. Na, das wäre ja diesmal noch gegangen! — —
Nur wenige europäische Passagiere sind am Zuge, so daß der Kommandant der „Tsingtau“ ein Abteil für sich allein angewiesen erhält. Um so toller und lärmender geht es vor der dritten Klasse zu, wo starker Andrang von Chinesen herrscht. Mit ungeheurem Gepäck rücken sie an, ganze Betten schleppen sie in den Wagen, aus dem laute Protestrufe ertönen. Ein unaufhörliches Auf und Ab, ein Schnattern und Rufen, daß die Ohren gellen. Der Gedanke, daß der Zug auch wirklich pünktlich abfahren will, hat in ihren Köpfen keinen Raum. Erst das energische Dazwischentreten des Stationsvorstehers schafft Ordnung. Endlich ist es so weit. Ein Pfiff, ein Ruck, und der Zug setzt sich in Bewegung. In eine Ecke zurückgelehnt, fast teilnahmlos sitzt Kapitänleutnant von Möller mit geschlossenen Augen da. Draußen gleitet die chinesische Landschaft vorbei, weite Felder, Flüsse, Städte, Pagoden, der Zug hält, neue Passagiere steigen ein und aus. Ein amerikanisches Ehepaar, anscheinend auf der Hochzeitsreise, nimmt ihm gegenüber Platz. Sie haben keine Augen für den Mitreisenden, und dem ist das sehr recht. Unablässig arbeiten die Gedanken in seinem Hirn: was werden die nächsten Stunden bringen, wie sieht es in Hongkong aus? Ist England noch neutral? Gerade Hongkong ist für ihn heißer Boden, doppelt gefährlich. Oft schon hat er mit „Tsingtau“ dort geankert, eine ganze Reihe von englischen Bekanntschaften gemacht. Und eine Verkleidung, wie sie die Kameraden vorhaben, ist bei ihm schon seiner Größe wegen ziemlich zwecklos. Irgendeiner der Hafenbeamten, dieser oder jener englische Offizier würde ihn ja doch sofort erkennen. Da ist es mit dem Trick, der dem kleinen Franzosen gegenüber seinen Zweck so schön erfüllte, nicht abgetan. Ob die Engländer noch ein Schiff aus dem Hafen lassen, ob es überhaupt noch ein Wegkommen gibt?
Glücklicherweise trifft der Zug am Bahnhof in Kaulun ein, als es schon dämmert. Unangefochten kommt er aus dem Stationsgebäude heraus. Draußen wimmeln ein paar Kerle herum. Zwei werden gegriffen, erhalten das Gepäck aufgepackt und recht laut und deutlich das Ziel angegeben, so daß die Umstehenden es auch hören können: „Nach dem englischen Klub!“ Daß der Auftraggeber sich die Geschichte später anders überlegt und zufällig den Weg nach dem deutschen Konsulat einschlägt, ist den Kulis nur angenehm: kostet doppelte Taxe. Gar zu groß ist die Wahrscheinlichkeit allerdings nicht, daß man ihn hier vermutet. Die Engländer wissen genau Bescheid, wo die „Tsingtau“ in diesem Augenblick liegt, denken gar nicht daran, daß die Besatzung schon weit weg ist und ihr Kommandant soeben durch die dunklen Straßen Kauluns eilt. An Speichern, Kasernen und Hotels geht es in schnellem Schritt vorbei, dann liegt der Hafen vor ihm. Hunderte von Lichtern schimmern auf dem ungeheuren Becken, dahinter blitzen und leuchten die hellen Fensterreihen der Häuser Hongkongs, die sich terrassenförmig die Berghänge hinaufziehen, durch die Nacht. Die feurige Schlange, die drüben in schneller Fahrt zum Horizont zu klettern scheint, ist die Drahtseilbahn, die Tram, wie das Volk sie hier nennt. Von der Signalstation auf dem Peak flammen farbige Lichter, Zeichen über ein- und auslaufende Schiffe. Gleich dahinter liegen riesige Kasernen in tiefem Dunkel. Was mag die Garnison jetzt wohl tun? Treffen sie schon die Vorbereitungen zum Abtransport nach Europa, oder denkt England noch nicht an Feindseligkeiten?
Die Fähre legt an. Schnell ist von Möller mit seinen beiden chinesischen Begleitern an Bord. Wenige Minuten später hat das Boot den Hafen überquert und am Kai von Hongkong gelandet. Vorbei an Queens Building und am Hongkonghotel führt der Weg jetzt in die Queens Road, die Hauptverkehrsstraße Viktorias. Brausendes Leben strömt ihm entgegen, eine wahre Flut von Licht. Geschäftsladen an Geschäftsladen, hellerleuchtete Schaufenster, ein Gewimmel von Fußgängern aller Farbenschattierungen: Gelb, braun, bis hinunter zum tiefsten Schwarz. Weiße und farbige englische Soldaten und Matrosen schlendern lässig dazwischen, elektrische Bahnen sausen vorbei, Sänftenträger, die ihre Insassen nach den Klubs und Hotels bringen: Dinnerzeit. An einer Ecke haben die Blumenhändler ihre Verkaufsstände. Die herrlichsten Orchideen und Chrysanthemen, Rosen von märchenhafter Pracht halten sie feil. Hier biegt von Möller in die stille Seitenstraße ein, die bergaufwärts führt. Wenige Schritte noch bis dahin, wo sich die Straße gabelt, dann hält er an. Das Ziel ist erreicht, hier liegt das deutsche Konsulat. Kaum ein Lichtschein dringt aus den Fenstern. Freudig wird der Ankömmling aufgenommen, die Kulis werden entlohnt. Die erste Frage nach der Begrüßung lautet: „Wie steht’s mit England?“ Ein Achselzucken antwortet ihm. „Heute noch nicht!“ Dann ein erleichtertes „Gott sei Dank! Da komme ich noch weg.“ Freilich, Zeit ist nicht zu verlieren.
Wie im Fluge gleiten die Stunden. Viel gibt’s zu erzählen, zu fragen, zu besprechen. Es ist schon spät, als von Möller nach herzlicher Verabschiedung das Haus verläßt und mit langen Schritten dem Murray Pier zueilt. Draußen auf der Reede liegt der deutsche Dampfer „Machew“, der am nächsten Morgen nach Manila auslaufen will. Die letzte Gelegenheit vielleicht, noch wegzukommen. Jede Stunde ist kostbar. Stockfinster ist es am Ufer, die Laternen, die um das Viktoriadenkmal stehen, werfen nur kümmerlichen Schein bis hierher. Kaum zweihundert Meter von Land entfernt schimmern die Lichter der „Tamar“, des alten englischen Dreideckers herüber, des Wahrzeichens des Hafens von Hongkong. Eine Pinasse legt soeben bei ihr an, der Fallreppspfiff ertönt. Offiziere steigen an Bord und verschwinden unter Deck. Nach der Kaulunwerft zu liegt ein großer Passagierdampfer, dessen hellerleuchtete Promenadendecks einladend zu winken scheinen. Von der Nordeinfahrt her kommt in ruhiger Fahrt ein Frachtdampfer vorbei. Nur die Laternen an den Masten brennen, und der rote Schein des Backbordseitenlichts ist wahrzunehmen.
Vom Quai führen Steintreppen nach dem Wasser hinunter. Dort liegen gewöhnlich die Zampans, die den Verkehr im Hafen vermitteln. Ein paar Schritte nur, und die Stelle ist erreicht. Kein Boot! Weit und breit dehnt sich nur das schwarze Hafenwasser. Halt! Dort in der Ecke liegen dicht zusammengedrängt mehrere Dschunken und Boote.
Zampan! Zampaaaan! .... schallt es gedämpft in die Nacht hinaus. Nichts rührt sich.
Zampaaaaan! ... Alles bleibt ruhig, nur die Wellen von einem vorbeifahrenden Frachtdampfer glucksen und plätschern gegen die Granitquadern des Kais.
Ein schwerer Schritt hallt in der Ferne, kommt heran. Eine hohe Gestalt löst sich aus der Dunkelheit: Ein indischer Polizist. Ein baumlanger Sikh, dessen spindeldürre Beine von Wickelgamaschen umschlossen sind, ganz in Khaki gehüllt, stelzt herbei. Sobald er den Europäer sieht, nimmt er militärische Haltung an.
„No Zampan to-night, Sir!“ Nanu, es gibt heute Nacht keine Zampans? Der Inder, der das Staunen auf dem Gesicht von Möllers, den er wohl für einen englischen Offizier hält, bemerkt wiederholt sein „no Zampan to-night!“ und erklärt dann in gebrochenem Englisch, daß von heute ab kein Zampan nachts fahren dürfe.