Ein böser Reinfall! Das Verbot des Zampanverkehrs spricht eine nur zu deutliche Sprache. Fort muß er noch heute nacht von hier. Ist doch „Machew“ die letzte Hoffnung. Ist sie weg und England erklärt morgen den Krieg, dann ist an ein Entkommen über See überhaupt nicht mehr zu denken. Hier in Viktoria aber interniert werden, um untätig als Gefangener den Krieg zu vertrauern, während es zu Hause hart auf hart hergeht, das mag kein deutscher Soldat. Wie aber wegkommen? Vorsichtig heißt es sein. Auch der Inder, der in einiger Entfernung steht und anscheinend nicht die Absicht hat, sich so bald zu entfernen, darf nicht merken, was auf dem Spiel steht. Der Kerl macht ohnedies schon ein so merkwürdiges Gesicht, als wundere er sich, worauf der Offizier denn hier in der Nacht warte. Eine Viertelstunde vergeht. Nichts zeigt sich, kein Fortkommen gibt es von hier. Selbst wenn einer der Zampanleute sich bereit erklärt, zu fahren, nützt das nicht viel. Ist das Verbot erlassen, dann kreuzen sicherlich ununterbrochen die Dampfboote der Polizei im Hafen, um auf Übertreter zu fahnden. In buntem Wirbel jagen die Gedanken und Überlegungen durch den Kopf des Wartenden, als plötzlich Laternen durch die Nacht blitzen; in schneller Fahrt kommt ein Dampfboot heran und legt ganz nahe bei der Fähre an. Ein Fahrzeug der Kaulunwerft, das Angestellte oder Offiziere eines der dort in Reparatur befindlichen Schiffe nach Hongkong bringt. Jetzt oder nie! Hier bietet sich eine Überfahrtsgelegenheit, vielleicht die letzte. Noch klingt das Lachen der sich entfernenden Europäer durch die Nacht herüber, als von Möller auch schon neben dem Boot steht, das soeben nach Kaulun zurückzukehren sich anschickt.

Ein kurzes Unterhandeln mit dem Bootsführer, der den Fremden, den er nicht kennt und von dem er nicht weiß, was er so spät noch in Kaulun will, zuerst zurückweisen will, dann die Frage: „You are an Officer, Sir? Allright, jump in!“ „Sie sind Offizier? Gut, springen Sie herein! Schnell, schnell, wir haben keine Zeit, es ist spät!“ Im nächsten Augenblick springt die Maschine an, Funken stieben aus dem Schornstein, und in elegantem Bogen dreht das Boot auf die in der Ferne liegende Werft zu. In schneller Fahrt geht es vorwärts, die Lichter von Hongkong verschwinden allmählich in der Dunkelheit ...

Polternd gleitet ein Glied der Ankerkette nach dem anderen binnenbords der „Machew“, an deren einer Signalleine der „blaue Peter“ im Winde flattert. Kapitän und wachthabender Offizier stehen mit Kapitänleutnant von Möller, der vor einer Stunde an Bord kam, auf der Brücke, der I. O. (Erster Offizier) auf der Back, um das Einhieven der Ankerkette zu beaufsichtigen. Jetzt hebt er die rechte Hand. Der Anker ist aus dem Grund.

„Langsame Fahrt voraus!“

Am Heck quirlt das Schraubenwasser, langsam dreht „Machew“ auf die Ausfahrt und verläßt mit voller Fahrt den englischen Hafen. Die bewaldeten Hänge Hongkongs, das Tal mit dem Rennplatz und dem Kirchhofe, Fabriken, Lagerhäuser, Speicher und Kasernen gleiten vorbei. Auf der anderen Seite leuchten in der Morgensonne die braunen, unbewaldeten Berge des chinesischen Festlandes herüber. Noch ist die Gefahr nicht überwunden. Dem Hafenverkehr sind wahrscheinlich schon Beschränkungen auferlegt, nicht mehr alle nach außen führenden Wege sind frei.

Von beiden Seiten tritt das Land näher heran, die Straße verengt sich zur Ausfahrt. Weit hinten liegt der Hafen mit seinen zahlreichen Schiffen, eine dunkle Wolke der qualmenden Schornsteine brütet über dem Wasser. Dicht unter Land schiebt sich der helle Körper eines kleinen englischen Zerstörers längs, aus dessen drei niedrigen Schornsteinen dichter Rauch quillt. Mit großer Fahrt läuft er den gleichen Kurs hinter „Machew“ her. Der Feind! Sicherlich gilt das dem deutschen Schiff, von dessen Heck die schwarz-weiß-rote Flagge weht. In wenigen Minuten ist er querab. Das Herz stockt den drei Männern auf der Brücke. Jetzt ... jetzt muß drüben das Signal hochgehen: „Stoppen Sie sofort!“ ... Bange Minuten ... eine Ewigkeit. Ohne sich um den Dampfer zu bekümmern, jagt der Engländer weiter. Einige kleine Polizeiboote liegen in der Einfahrt, auch sie scheinen nur Augen für die Kriegsfahrzeuge zu haben, und unbehelligt gleitet das deutsche Schiff an ihnen vorbei.

Eine halbe Stunde später ist „Machew“ auf freier See und hält mit Ostkurs auf Manila zu. An einen Kreuzerkrieg ist hier draußen jetzt schon kaum zu denken. Der Feind vermutet sicher nicht, daß aus dem englischen Hongkong eine gute Prise im letzten Augenblicke noch auslaufen könnte.

Zum ersten Male seit zwei Jahren atmet Kapitänleutnant von Möller wieder die Luft des freien Meeres. Tiefdunkelblau dehnen sich die Fluten des Stillen Ozeans, glatt wie ein Spiegel liegt die Oberfläche. Azurn spannt sich der wolkenlose Tropenhimmel über die See. Ein Strom von Licht und blendendheißem Glanze ergießt sich über das Schiff, erfüllt die Luft. Herrlich ist es hier! Und doch! Weit, tausende von Seemeilen weit entfernt, brausen und schäumen die grünen Wasser der Nordsee, reiten die Wellen mit kurzen Brechern heran. Und stählerne Kiele furchen in großer Fahrt vielleicht gerade in diesem Augenblick hindurch, zur Begegnung mit dem Feinde. Wer dort sein könnte! In der Mitte der Kameraden, ein Großkampfschiff oder ein Torpedoboot unter den Füßen! Eintönig rattern die Maschinen, einschläfernd ... ein Blitz flammt auf, Pulverqualm, dumpfe Schläge rollen über die See ... wie schön das ist ... ein Zusammenreißen, daß der starre in der Ferne suchende Blick wieder Leben bekommt. Der Krieg wird ja nicht in vier Wochen beendet sein. Ein wenig Glück nur, und auch er trifft zur Zeit ein, um teilzunehmen an dem Tage, da die junge deutsche Flotte zum Kampfe gegen den mächtigen Gegner antritt.

Drei Tage schon fährt „Machew“ nach Osten. Schattenhaft dämmern in der Ferne dunkle Umrisse an der Kimm auf, verstärken sich, werden deutlicher: Die Philippinen. Der Kapitän hält direkt auf Land zu, um gegen Angriffe feindlicher Kreuzer möglichst geschützt zu sein. Bewaldete Hänge und ragende Berge wachsen allmählich empor. Hellgrünlich schimmern Korallenriffe, nur wenig überflutet. Leicht brandet die See über die seichten Stellen. Die Einfahrt in die Bucht von Manila öffnet sich. Die Befestigungen von Corregidor drohen herüber, im Scheine der untergehenden Sonne blitzen die Panzerkuppeln und Beobachtungsstände. Weiter südlich leuchtet aus dunklem Grün Cavite, wo die spanische Flotte von den Amerikanern unter Admiral Dewey erbarmungslos zusammengeschossen wurde. Mit Ostkurs steuert „Machew“ in die weite Bucht, in deren Hintergrund sich das weiße Häusermeer von Manila mit seinen zahlreichen Türmen breitet. Weiter links ragen die Schornsteine von Binando, dem Stadtteil der Geschäfte und Fabriken.

Von der Brücke geht die Lotsenflagge hoch. Minuten darauf schießt aus dem Gewirr der im Hafen liegenden Schiffe in großer Fahrt der Lotsendampfer heran. „Machew“ stoppt, das Seefallrepp gleitet über die Reeling, und der Hafenlotse steigt an Deck, um das Schiff auf den zugewiesenen Ankerplatz zu bringen.