„Sie haben ja noch Glück gehabt!“ wendet er sich, auf der Brücke angelangt, an den Kapitän. „Es wird sicher keine vierundzwanzig Stunden mehr dauern, und ein englischer Kreuzer liegt vor der Einfahrt. Wir wundern uns, daß man Sie überhaupt noch aus Hongkong herausgelassen hat.“
„Englischer Kreuzer? Also doch! Das war ja großer Dusel, daß „Machew“ noch im letzten Augenblick davongekommen ist.“
Unaufgefordert packt der Amerikaner all die Bären aus, die Reuter der Welt seit mehreren Tagen aufbindet. Die furchtbaren Verluste der Deutschen, den Selbstmord des Generals Emmich, die Vernichtung von sechzehn deutschen Linienschiffen und ähnlichen Blödsinn.
Der wachthabende Offizier, der hinter dem Mann steht, ein waschechter Hamburger, brummt leise, aber ingrimmig vor sich hin:
„Holt Mul, Quatschkopp, so wat glöwt uck bloß en Amerikaner!“ Ernster aber faßt Kapitänleutnant von Möller die Lage auf. Der erste Vorgeschmack von dem, womit Reuter sicherlich während der ganzen Dauer des Krieges die Welt vergiften und gegen die Mittelmächte aufhetzen wird. Leider stehen ihm ja alle Kabel zur Verfügung.
Der Ankerplatz ist erreicht. Rasselnd gleitet der Steuerbordanker in den Grund. Die Maschinen gehen rückwärts, dann stoppen sie. „Machew“ ist nicht der einzige deutsche Dampfer, der hier liegt. In nächster Nähe flattert von verschiedenen Schiffen, bei denen ein Anlaufen von Manila sicherlich nicht im Fahrplan gestanden hatte, die deutsche Flagge im Abendwind. Auch ihnen ist es noch gelungen, sich rechtzeitig vor feindlichen Kreuzern in Sicherheit zu bringen. Kapitänleutnant von Möller benutzt die erste Gelegenheit, um an Land zum Konsul zu gehen. Was er erfährt, ist für ihn nicht allzu tröstlich. England, Frankreich, Rußland und Serbien stehen gegen Deutschland und Österreich. Feinde ringsum, wie durchkommen? Nach Hause aber muß er. Der Konsul kann ihm nicht viel Tröstliches sagen. Das Kreuzergeschwader des Admirals Grafen von Spee liegt bei Ponape. Der Weg dahin ist zwar nicht sehr weit, hat aber dafür den Fehler, daß von Manila keine einzige Verbindung dahin geht und man eher nach Europa kommen kann als nach den Karolinen.
In Tsingtau liegt die „Emden“, wahrscheinlich aber nicht lange mehr. Bald wird auch sie versuchen, zum Kreuzergeschwader zu stoßen, um nicht bei der Belagerung von Tsingtau eingeschlossen zu werden. Damit ist es also nichts. Es bleiben die Wege nach Europa: der von Manila über Japan und Honolulu nach St. Francisco oder der über Holländisch-Indien.
Einige Tage vergehen. Nur zu bald bestätigt sich in Kapitänleutnant von Möller die Überzeugung, daß er in Manila nicht lange verweilen darf. Bald ist er durch seine Länge eine stadtbekannte Erscheinung, und die englischen Spione brauchen nicht allzu lange, um herauszufinden, wer er eigentlich ist. Auf Schritt und Tritt folgen und überwachen sie ihn. Wenige Wochen nur, und ein Entweichen ist dann ganz ausgeschlossen. Seine Lage wird durch den Hinzutritt Japans in die Reihe der Gegner noch erschwert. Die gelbe Rasse, die hier zahlreich vertreten ist, betrachtet Manila längst als ihnen zustehende Kolonie und vermehrt noch die Zahl der Aufpasser.
Untätig vergehen die Tage. Endlich bietet sich doch Gelegenheit zum Fortkommen. Ein deutscher Dampfer will die gefährliche Fahrt über See nach Holländisch-Indien wagen. Doppelt gefährlich, da sich bereits mehrfach englische und japanische Kreuzer vor dem Hafen gezeigt haben. In aller Heimlichkeit macht er seeklar.
Noch liegt die Nacht über der weiten Bucht, als das Schiff der Ausfahrt zustrebt und in See geht. Keiner der eingeborenen Dienerschaft seines Gastgebers hat das Fehlen von Möllers bemerkt. Mit ruhigem Gewissen versichern sie den Spähern, die sich am frühen Morgen bereits in harmlosen Masken einfinden, daß der „lange Deutsche“ noch schliefe. Als ihnen der Schlaf aber heute merkwürdig lange zu dauern scheint, ist es zu spät. Kapitänleutnant von Möller schwimmt bereits auf der Höhe von Palawan seinem neuen Ziele zu.