Am frühen Morgen, als Kapitänleutnant von Möller sorglos beim Frühstück saß, war ihm durch einen holländischen Offizier die Aufforderung überbracht worden, sich unverzüglich im Gebäude des Generalgouvernements in Weltevreeden einzufinden. Die Nachricht kam nicht ganz unerwartet. War es ihm doch schon seit mehreren Wochen aufgefallen, daß ihm auf Schritt und Tritt einer der gelb- oder braunhäutigen Kerle folgte, daß er den Argwohn der Regierung erweckt haben mußte. Jetzt sollte also seinen Bemühungen, nach der Heimat zu gelangen, die er mit zäher Beharrlichkeit trotz aller Fehlschläge immer wieder fortgesetzt hatte, ein gewaltsames Ende bereitet werden. Anfang September war er nach glücklicher Überfahrt von Manila im Hafen von Tanjong Priok angelangt. Vom ersten Tage an versuchte er fortzukommen. Seine ursprüngliche Absicht war — wovon der holländische Offizier, der ihm die Internierung in fließendem Deutsch mitgeteilt hatte, allerdings nichts wußte — das Kreuzergeschwader zu erreichen. Über den Aufenthalt der deutschen Schiffe fehlte aber jede Nachricht, so daß die Suche nichts weiter als eine planlose Fahrt ins Ungewisse geworden wäre. „Gneisenau“ und „Scharnhorst“ waren zuletzt — darüber war aber auch schon geraume Zeit verstrichen — von Papete auf Tahiti und Samoa gemeldet worden. Die beiden Plätze lagen auch so weit ab, daß bei der schlechten Verbindung von Java aus gar nicht an ein Hinkommen zu denken war. Wer mochte außerdem den Kurs wissen, den diese seither eingeschlagen hatten! Ob sie nun versuchten, um Kap Horn herum die Heimat zu erreichen? Vielleicht aber, und dafür sprach die größte Wahrscheinlichkeit, hatten sie sich dem von allen Seiten nahenden Gegner stellen müssen und waren nach hartem Kampfe unterlegen.

Die Nachricht von dem siegreichen Tage bei Coronel steigerte seine Hoffnungen, bis dann der 8. Dezember kam und mit ihm die Kunde der Seeschlacht bei den Falklandsinseln. Mit einem Schlage war es vorbei. Wochenlang hatte er sich auch von der „Emden“ Befreiung erhofft. Der Indische Ozean war nicht weit, nur wenige Tagereisen entfernt lag Pulo-Penang. Auch damit war es nichts geworden. Nach ruhmreichem Wirken unterlag der Kleine Kreuzer, bis zum letzten Augenblick gegen den übermächtigen Gegner kämpfend, bei den Kokosinseln. Einen Augenblick hatte er an „Ayesha“ gedacht. Die aber mußte längst am Ziele angelangt sein.

Wie fieberhaft sein Hirn auch arbeitete, es gab keine andere Möglichkeit, als sich, koste es, was es wolle, auf einem Schiffe nach der Heimat durchzuschlagen. Es fuhren außer den holländischen Postdampfern nur noch Frachtdampfer von javanischen Häfen nach Europa. Alle Möglichkeiten hatte Kapitänleutnant von Möller sorgsam erwogen. Er konnte als Neutraler oder selbst als Angehöriger einer feindlichen Macht an Bord gehen, keine Arbeit wäre ihm zu gering gewesen, sein Ziel zu erreichen. Als Matrose, als Kohlentrimmer, als Stewart. Immer wieder war das Hindernis da, seine Länge von zwei Metern, das beste Kennzeichen, ein Steckbrief, der stets vor ihm herlief.

So hieß es also, die Internierung geduldig auf sich nehmen und abwarten. Vielleicht bescherte gerade der blinde Zufall ihm die Möglichkeit, wegzukommen. Schon zwei Stunden nach der Eröffnung der Internierung erscheint ein holländischer Offizier, der ihn darüber unterrichtet, wie er sich zu verhalten habe: zugewiesene Wohnung, tägliche Meldung usw. Im übrigen kann er tun und lassen, was er will. Mit den Fahrten nach Tanjong-Priok, wo die Dampfer innerhalb der Molen oder direkt an den Bahnschuppen lagen und löschten oder Ladung nahmen, war es jetzt freilich vorbei. Jedesmal, wenn ein Schiff auslief, war er dagewesen, sehnsüchtig hatten seine Blicke sich an die Fahrzeuge, die nach Europa gingen, geklammert, bis die Schornsteine und Masten unter der Kimm verschwunden waren. Dann hieß es eben, die Sehnsucht unterdrücken und zur Bahn wandern, die ihn zurück nach Batavia brachte. Bis zum nächsten Mal. An den Kontoren der Dampfergesellschaften stand er und sah, wie Mynheer van Deeken oder Mevrouw van Roeren oder Angehörige der feindlichen Mächte hinter den Glasfenstern verschwanden und anstandslos ihre Passage belegten. Die durften es. Nur den Untertanen der Mittelmächte gegenüber galten die Neutralitätsverpflichtungen Hollands, die ihm die Rückkehr abschnitten.

Viel war in Batavia nicht los, das ihn hätte ablenken können. Tagsüber bummelte er durch die Straßen Weltevreedens, vorbei an den mitten aus Wäldern von Palmen und Tamarinden lugenden Bungaloos und Landhäusern der holländischen Handelsherren, besuchte die Läden der chinesischen, javanischen, indischen und japanischen Kuriositätenhändler oder schlenderte die Tamarindenallee entlang, die hinunter nach Batavia führte. Abends gab es die übliche Abfütterung auf der Hotelterrasse mit viel Licht und Musik. In den Zwischenpausen wurde dann von den Weißen und den zahlreichen Mischlingen an den Tischen ringsum die Lage in Europa und der Krieg besprochen und wiedergekaut. Als Grundlage dienten natürlich immer wieder, trotz aller handgreiflichen deutschen Erfolge, die Reutermeldungen. Oft und oft hieß es, die Zähne zusammenbeißen und die Faust in der Tasche ballen, wenn Leute, die alles eher als eigenes Urteilsvermögen hatten, die deutschen Soldaten beschimpften und in den Schmutz zogen. Selbst Männer, die die Deutschen als Kaufleute doch kennen müssen, beteiligen sich an dem Chor. Der Grund freilich ist klar: Der Konkurrent, dessen Rührigkeit und weitschauender Blick dem holländischen Phlegma über ist, wird unbequem. Wer garantiert auch dafür, daß die Deutschen nicht eines schönen Tages Holland überschlucken? Die englische Presse behauptet es, und die muß es doch wissen!

Eine besondere Vergünstigung ist es, wenn von Möller nach Buitenzorg fahren darf. Durch herrliche Tropenlandschaften führt die Bahn, durch ganze Wälder von Palmen, Mangustinen, Bananen. Dann wieder dehnen sich weite Ananas- und Reisfelder; Kokos- und Bambushaine wechseln ab mit Sumpfland, aus dem seltsame, feurig tropische Blumen glühen. Volle, satte Farben überall. Zwischen dem dunklen Grün das flammende Rot, das Orange, das blendende Weiß. Bunte Schmetterlinge gaukeln, farbenblitzende Vögel schwirren erschreckt über den Bahndamm. Polternd und dröhnend jagt dann der Zug über eine Brücke. Tief unten wälzt sich ein breiter Fluß. Ungefüge Baumstämme liegen auf einer Sandbank. Träge Körper schieben sich vorwärts, heben die Köpfe ob des heranbrausenden Ungetüms, das über ihnen hinwegschnaubt: Krokodile. Einzelne schilfgedeckte Hütten, wie Pfahlbauten aus der Urväterzeit tauchen auf, ganze Kampongs, Dörfer der Eingeborenen, Villen und Landhäuser, Gärten und dahinter der ragende Salak, von dessen Kuppe leichte Rauchwolken in die blaue Luft stoßen.

Trotz der Pracht der Natur ist das Leben eintönig. Besonders die Nachrichten aus Europa sind es, die es immer unerträglicher machen. Jeder Tag bringt neue Lügen von den Kriegsschauplätzen. Die Russen stehen bereits in der Nähe von Berlin, die Franzosen weit über dem Rhein, was von der deutschen Flotte noch schwimmt, ist kaum der Rede wert. Dann wieder kommen Streiflichter: Die Taten eines Weddigen, der zweimalige Vorstoß an die englische Küste, das Auftauchen der U-Boote in der Irischen See. Die Kameraden sind rührig an der Arbeit. Und er ferne, interniert! ...

Ohne irgendwelche Ankündigung trifft von Möller eines Morgens die Nachricht, daß er nach Surabaja im östlichen Teile der Insel abzureisen habe, das ihm als neuer Internierungsort angewiesen sei. Ebenso wie Batavia und Weltevreeden ist ihm auch Surabaja aus dem Jahre 1906 bekannt, in dem er auf dem Kleinen Kreuzer „Leipzig“ die Ausreise über die Sundainseln machte. Die Veränderung stimmt ihn nicht gerade traurig. Wenigstens gibt es Abwechslung, andere Menschen, neue Gegenden. Vielleicht auch Bekannte aus der damaligen Zeit.

Einige Tage später geht es los. Stundenlang klettert der Zug, höher und höher. Die ganze Wunderwelt der herrlichen Insel gleitet vorbei. An den kleinen Stationen hält die Bevölkerung in ihrer malerischen Tracht, dem schreiend bunten Sarong, ein Tuch oder den großen Schilfhut auf dem Kopf. Ungeheure Kaffee- und Zuckerplantagen durchschneidet die Bahn, gleitet über reißende Gebirgsflüsse, taucht in geschützte Täler, in denen Ananas und Bananen blühen. Dann wieder drohen schroffe Gebirge herunter. Regenschwer hängen graue Wolken um die Spitzen oder dampfende Rauchsäulen entströmen den Kratern. — Die Nacht bricht ein. Plötzlich, ohne Übergang. Aus den Hütten leuchten die Herdfeuer, Signallaternen blitzen auf der Strecke, Myriaden von Glühwürmchen von einer Pracht und Leuchtkraft, wie sie nur die Tropen aufzuweisen vermögen, schweben längs des Bahndammes wie Sterne am dunklen Himmel. Ein langer Pfiff, die Fahrt verlangsamt sich; Maas, wo übernachtet werden soll, ist erreicht; der Zug hält.

Frühmorgens geht die Fahrt weiter. Empfindlich kühl ist es hier oben, bis endlich die Sonne zum Vorschein kommt und der heiße Tag anbricht. Die gleichen wundervollen Naturbilder heute wie gestern. Urwald tritt stellenweise an die Bahn heran. Ein Gewimmel mächtiger Baumriesen, zwischen denen sich Gestrüpp breitet, Schlinggewächs in den abenteuerlichsten Formen spannt. Kreischend flattern Papageien vor der einherbrausenden Lokomotive ins Dickicht. Die Strecke senkt sich. Das Gebirge tritt zurück, riesige Plantagen in der Ebene begleiten stundenlang die Fahrt. Dann, als eben die Sonne untergeht, rollt der Zug in den Bahnhof von Surabaja ein.