Mehrere Deutsche, die um von Möllers Ankunft wußten, begrüßen ihn. Es regnet Einladungen. Nach wenigen Tagen schon sind wertvolle Bekanntschaften geschlossen. Er wird in den Simpangklub und in die „Witte Sozietät“ eingeführt, besucht die Erholungsheime, die deutsche, in Surabaja ansässige Kaufleute den Mannschaften der hier vor Anker liegenden deutschen Dampfer in den Bergen errichtet haben. Wie im Fluge vergeht die Zeit. Zwar besteht auch hier Aufsicht, sie wird aber nicht so schwer empfunden wie in Batavia, weil sich die Landsleute so rührend um ihn sorgen. Das wichtigste aber ist: Auf der Reede liegen mehrere deutsche Dampfer. Auch die gute „Machew“ ist darunter, der er sein glückliches Entkommen aus Hongkong verdankt. Unbestimmt vorerst taucht der Gedanke an Flucht, der nie geschlummert hat, in ihm auf. Von Tag zu Tag nimmt er stärkere Formen an, verdichtet sich. Ist es einmal mit Hongkong so gut geglückt, kann es wohl hier ein zweites Mal gelingen!
Weddigen
Im kleinen Erfrischungsraum des Chinesen Eu-mo-lim sitzen an einem der runden Tische bei einem Glase „Fatbeer“ die beiden deutschen Schiffsoffiziere Deike und Schwarting einander gegenüber. Die Unterhaltung wird so leise geführt, daß kein Wort nach der Ecke dringt, in der einige Holländer ziemlich geräuschvoll Zucker- und Kaffeepreise erörtern. Trotzdem scheint der Gegenstand ihrer Unterredung so interessant, daß sie darüber ihr Bier vergessen, das in den Gläsern schal wird. Eine baumlange Gestalt erscheint in der Tür. Kapitänleutnant von Möller. Mit wenigen Schritten ist er am Tisch der beiden angelangt und nimmt neben ihnen Platz. Eine halbe Stunde etwa verstreicht in gleichgültigen Gesprächen, als die Holländer sich geräuschvoll erheben und den drei Deutschen das Lokal überlassen. Der bezopfte chinesische Boy kommt heran, räumt die Tische ab und verschwindet wieder. Sie sind allein.
„Haben Sie sich überlegt, worüber wir gestern sprachen?“ beginnt von Möller. „Haben Sie einen Plan, der Aussicht auf Verwirklichung hat?“
„Jawohl, Herr Kapitänleutnant,“ erwidert der Vizesteuermann d. R. Deike. „Pläne haben wir genug geschmiedet. Alles kommt aber darauf hinaus, daß wir als Besatzung von fremden Schiffen oder als blinde Passagiere von hier nicht wegkommen können, uns kann nur ein eigener Untersatz nützen.“
„Eigener Untersatz? Wie wäre es,“ meint der Kapitänleutnant, „wenn wir es mit der „Machew“ versuchten? Besatzung würden wir hier doch mit leichter Mühe zusammenbekommen. Der einzige Weg, wohin wir kommen könnten, ist Arabien. „Choi-sing“ hat ihn uns ja gezeigt, und da haben wir wenigstens einigermaßen Gewißheit, die Heimat zu erreichen. Wenn wir den ganzen Dampfer voll Kohlen und Vorräte packen, muß es doch eine Kleinigkeit sein, bis zur arabischen Küste oder ins Rote Meer in einer Tour durchzufahren. Andere Wege kommen für uns überhaupt nicht in Betracht, da sie viel zu weit sind. Kein Neutraler gibt uns Kohlen, und mit Gewalt nehmen, ist ausgeschlossen.“
„Tja, Herr Kapitänleutnant,“ meldete sich nun der Oldenburger Schwarting, Bootsmannsmaat d. R., zum Worte. „Leute kriegen wir ja woll genuch! Viel mehr, als wir nötig haben, und wir könnten mit ihnen auch den Deuwel aus der Hölle holen, aber wir kommen mit dem Dampfer nie aus dem Hafen raus!“
Einen Augenblick der Überlegung, dann stimmt ihm von Möller zu. „Vorräte wären schon genug da, wenn wir alles zusammenpackten. Dazu müßten aber die Schiffe beieinander längsseit gehen, die ganzen Vorbereitungen wären viel zu umständlich, und glauben Sie mir, die Engländer hätten Wind davon, sowie nur eines der Fahrzeuge Dampf aufmacht. Bei ihrer wohlwollenden Neutralität würden die Mynheers es wahrscheinlich überhaupt nicht zulassen, außerdem wimmelt es hier von englischen und japanischen Spionen. Binnen vierundzwanzig Stunden hätten wir einen Kreuzer auf dem Halse. Ist denn kein einigermaßen anständiges Segelschiff im Hafen? Das wäre bedeutend einfacher, da brauchten wir nur Proviant und Wasser.“
„Und vor allem auch nicht so viel Leute“, fällt Deike ein.
„Es liegen wohl schon ein paar Segler da, Herr Kapitänleutnant,“ erklärt Schwarting nach einigem Nachdenken, „das sind aber alles so olle verrottete Kähne, daß sie bei einem Kuhsturm glatt in die Binsen gehen.“