Großer Kriegsrat an Deck. Die Instandsetzung des Schiffes, dessen kostenlose Überlassung von den guten Freunden in Surabaja veranlaßt ist, besonders aber die Ausrüstung mit Proviant, Wasser, Karten, nautischen Instrumenten und sonstigem Bedarf für die weite Reise — über fünftausend Seemeilen ist die Strecke lang — werden erörtert. Die Dampferstraßen müssen vermieden werden. Durch die Malakkastraße darf die Fahrt also nicht gehen; auch muß mit den dort herrschenden Flauten und Windstillen gerechnet werden. Es heißt also, möglichst bald in den Indischen Ozean hinein und vielleicht unter Ansteuerung von Diego Garcia nach der arabischen Küste zuzuhalten. Unauffällig wird der Schoner wieder verlassen, damit nicht die Aufmerksamkeit der Hafenbehörden und des holländischen Kanonenbootes, das in der Nähe liegt, erregt werden.
Die Überlegungen, die an Bord begonnen waren, wurden die nächsten Tage an Land weiter fortgesetzt. Alles muß genau berechnet werden, in tagelangen Beratungen wird auch die kleinste Einzelheit festgelegt. Bei einigermaßen günstigen Wind- und Wetterverhältnissen kann die Strecke in zwei bis zweieinhalb Monaten zurückgelegt werden. Allerdings muß bei dem kleinen Segelfahrzeug ebenso leicht mit sechs bis acht Monaten Fahrtdauer gerechnet werden. Segelhandbücher und Karten werden studiert, keiner von den Beteiligten, zu denen inzwischen noch der Leutnant a. D. von Arnim getreten ist, ist je in diesen Gegenden auf einem Segler gefahren. Sie alle kennen nur die Dampferstraße Aden-Colombo-Singapore, die eben vermieden werden muß und nur unmittelbar vor Ansteuern der arabischen Küste vorsichtig gekreuzt werden darf. Es wird genau festgestellt, was von den einzelnen Dampfern und was von Land an Bord geschafft werden soll. Lange Vorbereitungen sind nötig, besonders der großen Heimlichkeit wegen, mit der alles zu geschehen hat, müssen die Dampfer doch jederzeit darauf gefaßt sein, daß die holländischen Behörden zu ihnen an Bord kommen. Sei es, daß sie Wind von der beabsichtigten Flucht bekommen oder der Gegner wieder einmal, wie so oft schon, das Gerücht in die Welt setzt, daß die deutschen Schiffe auslaufen wollten. Neue Segel werden angefertigt, unauffällig Stagen und Tauwerk neu versehen. Von Tag zu Tag schreitet so das Seeklarwerden des Schoners fort. Ebenso eifrig sind zahlreiche Hände für die Ausrüstung des Schiffes an der Arbeit. Kisten werden gepackt und gezeichnet, alles muß so eingerichtet werden, daß der Proviant ohne große Mühe und längeres Umstauen unschwer erreichbar ist. In den Nächten kommen, sobald das Leben im Hafen verstummt, Boote von Land und von den Schiffen mit Kisten und Säcken beladen längsseit. Ein Stück nach dem anderen wandert durch das Luk in den Raum. Hartbrot, Büchsenfleisch, Reis, Mehl, Gemüse, dann wieder Tauwerk, Reservesegel, Holz für etwaige notwendige Reparaturen, Werg zum Dichten und ähnliches.
Allmählich füllt sich so das Innere. Als letztes kommt Frischwasser in Fässern, Kombüsengeschirr, Seekarten, nautische Instrumente und die Einrichtung für den Unterkunftsraum, die von fürsorglichen Landsleuten gestiftet ist. Wissen die Eingeweihten doch ganz genau, welch ungeheures Wagnis die fünf unternehmen wollen, wie oft ihr Leben nur an einem dünnen Faden hängen wird, umdroht von Sturm und Wetter, umlauert von Feinden, auf einer Nußschale im Ozean. Was in ihren Kräften steht, tun sie gern und freudig.
So wird das Schiff seeklar. Die Besatzung besteht aus Kapitänleutnant von Möller als Kommandant, dem Leutnant a. D. von Arnim aus Coblenz, dem Vizesteuermann d. R. Deike aus Bremervörde, Bootsmannsmaat d. R. Schwarting aus Elsfleth und den Matrosen des Landsturms Gründler aus Berlin und Mau aus Steinberg-Holz. Alles Leute besserer Lebensgewohnheiten, in Stellungen, die keinerlei Arbeiten von ihnen forderten, wie sie ihnen in den nächsten Monaten bevorstehen. Das große Ziel, das Vaterland zu erreichen und am Kriege noch teilnehmen zu dürfen, findet sie zu jeder, auch der geringsten Arbeit bereit. So ist eine Rollenverteilung nicht nötig. Jeder will Hand anlegen, wie es die Stunde bringt. Eine glänzende Lösung findet zum Schluß noch die Kombüsenfrage. Der türkische Untertan Said Achmad, den die gleiche Begeisterung nach Hause treibt wie die Deutschen, erklärt sich mit Freuden bereit, das Reich der Kombüse zu übernehmen. So ist die Besatzung also vollzählig und reicht zur Bedienung des Schiffes, das dann feierlich auf den Namen „Weddigen“ getauft wird, aus. Der Name soll ein Vorbild sein, ein Leitstern für das kühne Unternehmen, das deutsche Männer hier planen.
Dunkle Nacht liegt über der Reede. Ein schweres Gewitter zieht vom Westen herauf. Unaufhörlich zucken die Blitze nach allen Richtungen, krachend rollt der Donner. Prasselnd strömt der Tropenregen herunter und verhindert auch auf kurze Entfernung die Sicht.
Leise, unhörbar wird der Anker eingeholt. Tauwerk gleitet durch gutgeschmierte Blöcke, weiße Leinwand schwebt von Deck hoch, wird vom Winde gefaßt, strafft sich.
Unmerklich taucht unter dem Druck der Bug ein, langsam zunächst, dann schneller gleitet „Weddigen“ mit Ostkurs auf die Ausfahrt zu, vorbei an den Dampfern und den holländischen Wachtschiffen, am Leuchtfeuer von Maduro in die See hinaus.
Wieder interniert
Helle Strahlen schießen im Osten aus der See zum Zenith empor. Stärker werden sie, leuchtender, bis plötzlich, wie mit einem Schlage der obere Rand der Sonne aus dem Wasser auftaucht. Wie flüssiges Gold zieht sich eine Bahn über die Oberfläche zur „Weddigen“, die in die flammende Lohe hineinzuhalten scheint. Der neue Tag ist da.
Gegen Mitternacht hatte der Regen nachgelassen, die Wolken hatten sich mehr und mehr verzogen, bis schließlich die ganze Pracht des tropischen Sternenhimmels sich über der dunklen See wölbte. Kein Auge hatte sich seit Verlassen der Reede von Surabaja geschlossen. Jeden Augenblick konnte ein holländisches Schiff auftauchen und sie in der letzten Minute noch zurückholen. Mit Anbruch des Tages wächst die Gefahr, falls ihr Entweichen bereits bemerkt wurde. Hatte die Nacht mit ihrem Dunkel dem kleinen Fahrzeug noch einigermaßen Schutz gewährt, so muß die Helligkeit den Verfolger nur zu leicht auf die Spur bringen, da die neuen weißen Segel weithin leuchten. Nichts aber ist zu sehen. In der Ferne nur taucht in der Madurostraße ein Dampfer mit Kurs auf Surabaja auf. Es ist kaum anzunehmen, daß die Flucht bereits bemerkt ist; wird doch niemand es für möglich halten, daß von Möller es wagt, auf einem so kleinen Fahrzeug eine große Seereise zu unternehmen. Und lang muß die Fahrt sein, soll die Flucht überhaupt einen Zweck haben. Ringsherum liegt holländisches Gebiet, weiterhin kommt englischer Besitz. Im ärgsten Falle könnte den Holländern nur der Gedanke kommen, daß die Deutschen versuchen werden, durch die Makkassarstraße die Philippinen zu erreichen. Dort mögen sie nur nach Herzenslust suchen. Gefährlicher wäre die Fahrt geworden, wenn das Schiff nicht ordnungsmäßig in ihren Besitz übergegangen wäre. Da hätte der Eigentümer wohl sofort die holländischen Behörden in Bewegung gesetzt; das aber ist, dank der Fürsorge der Deutschen in Surabaja, nicht zu befürchten.