Der Neumond ist da. Tiefdunkel liegt die Nacht über dem Walde und der Ansiedlung. Eine Weile noch strahlt heller Lichtschein aus den Fenstern der Wohnung des Residenten, dann erlischt auch er, und nur die Laterne vom Mast des „Weddigen“ leuchtet in die Nacht. Kein Laut, schweigend liegt der Wald. Nur ein leichtes Knacken ab und zu verrät, daß der Posten an Land seine Runde macht.

Die Bambusstangen werden hervorgeholt, aneinandergebunden und in den Grund des Flußbettes gestoßen. Vorsichtig wird die Spitze dann zur brennenden Laterne herübergezogen ... wenige Minuten später baumelt das Licht auf gleicher Höhe an der Bambusstange, die nun wieder gerade über das Wasser hinausragt. Mit unendlicher Vorsicht, völlig geräuschlos ... wird der Anker eingeholt ... langsam erfaßt die Strömung das Schiff ... es gleitet ... groß und größer wird der Zwischenraum, mehr und mehr bleibt die Laterne zurück ... Die Huck ... das Licht ist verschwunden ... an Land rührt sich nichts ... Die Ufer treten zurück, stärkerer Wellenschlag faßt „Weddigen“.

Die Segel werden gesetzt, eine kräftige Nordbrise füllt sie. Rauschend teilt der Bug das Wasser, schneller und schneller wird die Fahrt. Längst ist vom Land nichts mehr zu sehen. Von achterlichem Winde getrieben, läuft „Weddigen“ am Morgen des 11. Dezember durch den Südausgang der Lombokstraße in den Indischen Ozean. Frei!

Im Mauritius-Orkan

Die Bewegungen der „Weddigen“ werden lebhafter, höher hebt sich das Vorschiff über die leichten Wellenberge der von Süden heranrollenden Dünung des Indischen Ozeans. Bereits vor Tagesanbruch ist Kapitänleutnant von Möller auf Westkurs gegangen. Kaum mehr erkennbar verdämmern in der Ferne die bläulichverschwommenen Umrisse der Insel Bali. Weit und breit ist kein Schiff, keine verdächtige Rauchfahne zu sehen. Eine Verfolgung wäre auch hier nicht mehr zu fürchten. Längst ist der Schoner aus dem holländischen Hoheitsbereich heraus, kein Neutraler hat mehr das Recht, ihn hier anzuhalten. Ein glücklich-wohliges Gefühl der endlich errungenen Freiheit stellt sich ein. Weit zurück liegen die Gefahren der Internierung, freie See dehnt sich vor ihnen. Freilich kann auf dem nahezu sechstausend Seemeilen langen Wege bis zur arabischen Küste noch mancherlei geschehen; ist das kleine Fahrzeug doch in hohem Maße von Wind und Wetter abhängig, und der Zufall kann ihm, wenn die Wahrscheinlichkeit auch nicht dafür spricht, einen feindlichen Kreuzer in den Weg führen.

Mit günstigem Wind und gleichlaufender Meeresströmung gleitet „Weddigen“ weiter. Tagelang bleibt die langgestreckte Form der Insel Java in Sicht. Für die Navigierung bedeutet es, obgleich auch nautische Instrumente an Bord sind, eine große Erleichterung, stets Landmarken zur Feststellung des Schiffsortes und zur Vermeidung des Abtreibens zur Verfügung zu haben. Ein Tag verrinnt nach dem andern, der Begriff „Zeit“ ist völlig geschwunden. Ein Ausruhen von Körper und Geist ist die Fahrt, eine wohltuende Entspannung nach den zermürbenden Aufregungen der erzwungenen Muße während der Internierungszeit. Glühend heiß brennt die tropische Sonne an Deck, die frische Brise aber, die ständig weht, mildert die Hitze und läßt sie nicht als unangenehm empfunden werden. Fast regelmäßig stellt sich anfangs in den Abendstunden ein Gewitter ein. Von allen Seiten zischen die Blitze über die See, in schmetternden Schlägen kracht der Donner hinterdrein. Schnell wie das Wetter kommt, verzieht es sich wieder, und erfrischender Regen strömt herab. In allen erdenklichen Gefäßen wird das Wasser aufgefangen; ist es doch eine der wichtigsten Bedingungen, von der nicht zum geringsten das Gelingen der Fahrt abhängt. Die Kleidung ist mehr als leicht. Breite Tropenhüte beschatten die Gesichter, die trotzdem aber nach wenigen Tagen schon wie Hände und Arme einen Ton annehmen, hinter dem niemand beim besten Willen Europäer vermuten kann, wenn nicht die blauen Augen und das blonde Haar in seltsamem Widerspruch zu der negerartigen Hautfarbe ständen. Das ganze Leben spielt sich auf Deck ab. Ein Mann geht ohnedies stets Wache. Er hat nie Ursache, über zu große Einsamkeit zu klagen, da es niemand einfällt, nachtsüber unter Deck zu gehen. Die Nächte sind kühl und durch die häufigen Niederschläge feucht, aber auch das wird nicht als besonders störend empfunden. Nur ein paar Decken mehr werden heraufgeholt, um Erkältungen vorzubeugen. Die Medizinkiste ist zwar an Bord, die soll aber lieber nicht geöffnet werden. Eng beisammen liegt die Besatzung — viel Raum bietet das Deck ja nicht — und die Gedanken wandern vor dem Einschlafen weit voraus, dem Ziele zu, das jede Stunde ihnen, wenn auch langsam, näherbringt.

In unwirklicher Pracht wölbt sich der dunkle Himmel. Ein Stern dicht am andern, ein Flimmern und Funkeln, daß deutlich an Deck alles zu erkennen ist. Nicht sonderlich hoch taucht im Süden dann um Mitternacht über dem Horizont das Kreuz des Südens auf. Klar und hell hebt sich das Bild vom nachtschwarzen Hintergrunde ab. Nur Wochen noch müssen vergehen, und der viel vertrautere Orion zeigt sich. Kein Laut ringsum. Leise, einschläfernd gurgelt das Bugwasser zu beiden Seiten dahin und singt den „Weddigen“-Leuten allmählich ihr Schlummerlied. Ein flüchtiges Wort noch flattert herüber, eine Frage, halb im Schlafe schon die Antwort, dann träumen sie, Kommandant und Leute, dem neuen Tage entgegen. Ruhig, leicht übergeneigt zieht das Schiff seine Bahn, in phosphoreszierendem Glanze leuchtet weit noch das Kielwasser. — Der Mond kommt hoch. Geisterhaftes, bläulich-weißes Licht zittert über die See, zeichnet leuchtende Flecke auf dem leicht gekräuselten Wasser.

Längst liegt Java zurück, auch die hohen Berge Sumatras, die eine Zeitlang in Sicht waren, sind verschwunden. Zur Ausnutzung des Äquatorialstromes hält von Möller weit von Land ab auf die Tschagosinseln zu. Ein Tag nach dem andern kommt herauf und versinkt wieder, bald zwei Wochen sind verstrichen. Weihnachten! — Ein Fest, wie es wenigen Sterblichen nur beschieden ist, das den sechs ihr Leben hindurch unauslöschlich im Gedächtnis haften bleiben wird. Am späten Nachmittag wird die Weihnachtskiste geöffnet, die Deutsche Surabajas ihnen mitgegeben haben. Der Inhalt offenbart, welch liebende Sorgfalt beim Packen am Werke war. Zigarren und Zigaretten gibt es, Äpfel, Nüsse; sogar der säuberlich in einer Blechdose verwahrte Kuchen ist da. Der Kommandant hält die Weihnachtspredigt. Es sind die Worte, die sie alle so oft schon gehört haben. Diesmal wirken sie anders, erschütternd. Sie sind allein. In der grenzenlosen Einsamkeit des weiten Ozeans, auf einem kleinen morschen Schiffchen. In tiefem Schweigen vergehen die nächsten Stunden. Ein jeder weilt in Gedanken bei dem, was ihm das liebste ist, achtet die Ergriffenheit des Kameraden, die er selbst auch fühlt, und scheut sich, die Stimmung durch ein Wort zu zerreißen ....

Wieder vergeht eine Woche, ein neues Jahr mit all seinen Hoffnungen und Wünschen steigt herauf. Es soll die Erfüllung bringen. Eine kurze Spanne Zeit noch, dann geht es nach Hause, zu den Kameraden, auf die Flotte.

Nicht weit ab liegen die Kokosinseln. Von der Brandung des Indischen Ozeans umspült, ruht dort auf Korallenriffen das Wrack der unsterblichen „Emden“. Von hier segelte „Ayesha“ mit dem Landungszuge des deutschen Kreuzers in die Freiheit, und was die Kameraden zu einer Zeit, als zwanzig feindliche Schiffe auf sie Jagd machten, vollbrachten, das soll auch „Weddigen“ mit seiner kleinen Schar gelingen.