Vierzehn Tage liegen hinter ihnen voll strahlenden Sonnenscheins, herrliche, tropische Nächte. Eine kurze Spanne Zeit noch, und die Küste Arabiens muß in Sicht kommen. Unter dem leichten Druck des südwestlichen Windes hält „Weddigen“ auf Diego-Garcia zu. Prall spannt die Brise die Segel, eine Fahrt, wie sie günstiger und besser nicht gewünscht werden kann.
Heftige Windstöße sausen plötzlich kurz hintereinander von Süden heran, werfen sich in die Segel, daß das Schiff stark überholt und die Spritzer an Deck fegen. Besorgte Blicke spähen zum Horizont und nach dem Himmel. Wie erloschen ist das strahlende Licht, bleierngrau brütet es über ihnen. Blauschwarz wächst im Süden eine riesige Wand aus der See empor, ein fahler Schein glänzt in ihrer Mitte. Mit unheimlicher Schnelligkeit kommt sie herauf, Sekunden nur vergehen ... sie breitet sich aus, wächst, erreicht den Zenit. Wie ein grauenhaftes Ungeheuer kommt es herauf, das mit gierigem Rachen all das Licht verzehrt, vertilgt.
Der Sturm ist da. Rauschend stürzt er heran, heulend wirft er sich auf den kleinen Schoner. Zum Platzen sind Stagen und Wanten gespannt. In Minuten ist die leichtbewegte See aufgewühlt, höher heben sich die Wellen. Es zischt und brodelt, Gischt erfüllt die ganze Atmosphäre. Wo immer die weißen Schaumkronen auf den Kämmen auftauchen, faßt sie der Sturm, reißt sie hoch, zerstiebt sie in Hunderttausende von Tropfen.
Beim ersten Stoße, der ohne jedes Anzeichen heranbraust, hat sich „Weddigen“ schwer ächzend übergelegt. Noch hat er sich nicht wieder aufgerichtet, und der zweite, noch stärkere ist da. Ein Krachen und Splittern ... die Stange am Maste bricht. Flatternd schlägt das Toppsegel einen Augenblick gegen die Gaffel, dann faßt es der Sturm, wirbelt es wie Papier herum. Weit entfernt schlägt es in die See, in fliegender Hast wird ein Segel nach dem andern geborgen. Bei den wenigen Händen, die zur Verfügung stehen, ist es unmöglich, sie alle gleichzeitig zu sichern. Schon droht das Großsegel dem Toppsegel zu folgen, als es im letzten Augenblick noch gelingt, es, wenn auch beschädigt, zu bergen. Ein Mann muß das Ruder bedienen und dafür sorgen, daß nicht die See, die von Minute zu Minute gröber wird, Gewalt über das Schiff gewinnt. Seine ganze Kraft und Geschicklichkeit ist darauf gerichtet, das Bergen der Segel nach Möglichkeit zu erleichtern und zu verhindern, daß „Weddigen“ unter den Wellenbergen verschwindet. Furchtbar ist die Arbeit, immer höher noch heben sich die Wellen, krachend stürzen sie in Brechern über. Das ganze Oberdeck steht fußhoch unter Wasser. Mit der Lee-Reeling pflügt das Schiff minutenlang in der See längs, als wollte es sich nicht wieder aufrichten. Kaum ist es mehr möglich, sich an Deck vor dem „Überbordgerissenwerden“ zu sichern. Mit Händen, Armen und Beinen heißt es sich festklammern, jeder sich bietende Halt wird ausgenutzt. Kein trockener Faden ist mehr am ganzen Körper. Längst schon klebt das nasse Zeug, und immer wieder bricht klatschend ein neuer Schwall über sie herab. Durch den Niedergang achtern unter Deck zu gelangen, ist ausgeschlossen. Die kurze Zeit des Öffnens würde genügen, das Schiff vollzuschlagen und es dem sicheren Untergange zu weihen.
Nur die leichten Sturmsegel stehen, um das Fahrzeug nicht gänzlich der Gewalt von Wind und See auszuliefern. Längst schon hat es jegliche Fahrt verloren, alle Bemühungen müssen sich darauf beschränken, das gebrechliche Schiff durch den Sturm zu bringen.
Das ist längst keine vorübergehende Bö mehr. Der gefürchtete Mauritius-Orkan, dem die größten Seeschiffe weit aus dem Wege gehen, ist da. Düster, schwarz ist der Himmel, stärker und stärker rast es vom Süden heran, die ganze Luft erfüllt der Gischt, nichts ist zu sehen. Ein ungeheurer gläserner Wall nach dem andern brüllt heran, näher und näher ... jetzt ... jetzt bricht er über das Schiff, begräbt es unter seiner Masse ... eine Sekunde später steht „Weddigen“ hoch oben, saust talwärts, um wieder hochgerissen zu werden.
Die Nacht. Mit unverminderter Heftigkeit tobt der Orkan weiter. Nichts ist zu sehen, nur der fahlweiße Gischt schimmert gespenstisch auf. Wie ein Ball wird das kleine Fahrzeug hin- und hergerissen, in allen Spanten ächzt es. Ringsum das Heulen und Toben der Elemente. Stunden? ... Jahre? ... So langsam und zähe verstreicht die Nacht, als wollte sie kein Ende nehmen, kein Mensch kann an Schlaf oder an Schutz denken; angeklammert oder festgelascht verharrt alles oben. Jeder Augenblick kann der letzte sein. Immer schwerer wird das nasse Zeug, schneidend kalt fegt der Wind. Seit sechzehn Stunden ist kein Bissen, kein Schluck Wasser über die zersprungenen Lippen gekommen. Nach qualvoll langem Warten endlich weicht die Dunkelheit, um einer fahlen Dämmerung Platz zu machen. Auf allen Gesichtern sind die Spuren der durchwachten Nacht und der unerhörten Anstrengungen zu sehen. Blasse Gesichter, aus denen übernächtige gerötete Augen sehen. Und weiter rast der Sturm. Ein Trost nur, daß es jetzt so weit hell ist, daß übersehen wird, welche Schäden angerichtet sind, und versucht werden kann, etwas Genießbares heraufzubekommen und die erstarrten Glieder durch wärmenden Trunk etwas zu beleben. Es sieht böse aus. Die Wanten und Stagen sind teilweise zerrissen oder haben sich losgearbeitet, die Reeling weist zerschlagene Stellen auf, am Bug halten die Decksnähte nicht mehr ganz dicht, es muß Wasser in den Raum gedrungen sein. Auch das Tauwerk zeigt arge Beschädigungen auf. Mit unendlicher Mühe gelingt es, in den Raum zu kommen. Die Ladung ist bis auf einige Kisten, die über Stag gegangen sind und deren Inhalt sich verstreut und zerbrochen im Raume herumtreibt, unversehrt. Bedenklich ist, daß anscheinend auch die Nähte außenbords nicht mehr dicht halten: an zahlreichen Stellen sickert langsam Wasser durch. Es ist ausgeschlossen, irgend etwas zur Beseitigung des gefährlichen Schadens zu unternehmen, solange das Schiff schwer arbeitet. Auch an Kochen ist gar nicht zu denken. Ein Stück Hartbrot wird heruntergewürgt, eine Dose Büchsenfleisch macht die Runde.
Unentwegt wettert es weiter, fast scheint der Orkan an Wut noch zuzunehmen. Ein kurzes Krachen mischt sich in das brausende Tosen der See: die Gaffel, an der das Sturmsegel sitzt, ist gebrochen. Sollte „Weddigen“, was von Stunde zu Stunde unwahrscheinlicher wird, den Sturm überstehen, dann muß seemännische Geschicklichkeit versuchen, aus dem mitgenommenen Material Ersatz zu schaffen, sogut es eben geht. Für den Augenblick ist nichts zu machen. Düster und grau, wie der Tag gekommen ist, geht er zu Ende, und die Nacht bricht herein mit all ihren Schrecken. Ohne Murren ergibt sich die Besatzung in ihr Schicksal, wenn auch leise beim einen oder anderen sich der Gedanke an das Ende einschleicht. Immer mehr Wasser dringt durch die Außenbordshaut, die morschen Planken können nicht lange mehr halten. Nur der weiße Gischt leuchtet wie gestern gespenstisch auf, der Himmel ist dicht bezogen, und wieder verrinnt eine Stunde nach der anderen im harten Kampfe ums Leben.
In die starre Wolkendecke kommt Bewegung. Ein schwarzer Wolkenfetzen löst sich ab, ein zweiter, ein dritter folgt ... eine hellere Stelle ... ein Stern. Strahlend funkelt er auf die kochende See, auf das kleine Fahrzeug, auf die sieben Männer ... Ein einzelner kleiner Stern nur, der da oben in mattem Glanze leuchtet, und doch bringt er neue Hoffnung, neuen Mut. Seit über vierzig Stunden wütet der Orkan, tobt und braust die See. Wie ein Fingerzeig einer höheren Macht leuchtet es von oben herab, tröstend, Besserung verheißend. Noch starren alle wie gebannt zu dem leuchtenden Pünktchen hinauf, das sich so seltsam in seiner Einsamkeit auf dem schwarzumzogenen Himmel abhebt, als sich plötzlich der Stern löst. In feurigem Bogen schießt er herab, verschwindet wie von der See verschlungen.
Harte Männer sind es, die das Leben gelehrt hat, das, was sie fühlen, in ihrem Innersten zu verschließen. Nie aber haben sie sich ihrem Gotte näher gefühlt als in diesem kurzen Augenblick. Halb im Unterbewußtsein dämmert in ihnen der uralte Kinderglaube auf von dem Wunsche, der in Erfüllung geht, wenn er beim Fallen der Sternschnuppe gehegt ist. Von dem Moment an, da sie sich zur Flucht entschlossen, beseelt sie alle nur das eine Verlangen: Heim in den Krieg. Ein alter Kinderglaube nur, und doch übt er seltsame Wirkung aus. Wie neu gestählt geht es an die Arbeit, entschlossen, den Kampf mit Sturm und See siegreich zu bestehen.