Und tatsächlich ist es, als hätte der Fall des Sternes den Höhepunkt des Orkans bedeutet. Von Stunde zu Stunde nimmt die Stärke des Windes ab. Als der Tag anbricht, hebt sich strahlend die Sonne aus dem aufgewühlten Ozean. Noch läuft die See hoch, der Gischt aber fegt nicht mehr, von den Kämmen gerissen, durch die Luft. Allmählich lassen auch die Brecher nach, einzeln nur lecken sie noch an Deck. Die Wellen, die vorher wie gläserne Ungeheuer heranrasten, verflachen mehr und mehr, der weiße Schaum verschwindet, und nur die Dünung noch verrät, welch Sturm hier tobte.
In wohltuender Wärme strahlt die Sonne auf das Schiff, nimmt im Verein mit dem Winde die Feuchtigkeit aus dem Zeug, aus den Segeln und den Decksplanken, die bald in blendender Weiße leuchten. Schimmernde Salzkristalle haften überall, wie Edelsteine glitzern und funkeln sie. Ein Aufatmen geht durch die kleine Schar. Stunden erst sind vergangen, in denen jede Sekunde das Ende zu bringen drohte. Keiner denkt mehr daran, voraus fliegen die Gedanken dem Ziele zu.
Jetzt heißt es vor allem, die Schäden festzustellen. „Weddigen“ ist arg mitgenommen. Außer der zerbrochenen Gaffel ist das stehende Gut teilweise gebrochen, fast ein Wunder ist es zu nennen, daß die Masten sich nicht losgearbeitet haben und über Bord gegangen sind. Weit bedenklicher aber noch zeigt sich nach längerer Untersuchung der Zustand des Raumes. Vom Oberdeck und durch die Seiten ist eine Menge Wasser durchgesickert. Mehr als fußhoch umspült es die unteren Kisten. Es heißt schleunigst pumpen und die durchlässigen Stellen dichten. Zum Glück ist vom Proviant so gut wie nichts verdorben, da beim Verstauen schon mit einem leichten Leckwerden des morschen Fahrzeuges gerechnet werden mußte.
Todmüde sind sie, noch aber ist nicht Zeit zur Ruhe. So schnell wie möglich muß das Fahrzeug wieder seetüchtig gemacht werden. Während zwei Mann stundenlang die Pumpe bedienen, und das Wasser unten sichtbar abnimmt, gibt es an Oberdeck harte seemännische Arbeit. Es ist ein Glück gewesen, daß Segel und Tauwerk so gut wie neu waren. Die Schäden lassen sich von sachkundiger Hand in verhältnismäßig kurzer Zeit beseitigen. Schwieriger ist schon das Dichten der lecken Nähte, aber auch das gelingt gegen Abend, als die Dünung immer mehr nachläßt und das Schiff ruhig liegt. Das schwerste Stück ist das Wiederinstandsetzen der Gaffel. Auch hier wird mittels der mitgenommenen Reservehölzer Rat geschafft. Im Laufe des nächsten Tages ist „Weddigen“ wieder einigermaßen „hingetrimmt“. Seit fast neunzig Stunden zum erstenmal wieder zieht der Schoner in flotter Brise seinen Weg, nur dem fachmännischen Auge verrät die unmittelbare Nähe, was das kleine Schiff erlebt hat.
Die Mittagshöhe wird genommen, das Besteck errechnet, auf der Karte abgesetzt: eine freudige Überraschung. Nur verhältnismäßig wenige Seemeilen ist „Weddigen“ nordwärts aus seinem Kurs gedrängt worden, kaum der Rede wert ist der Zeitverlust. Jetzt erst macht sich die tiefe Erschöpfung bemerkbar. Traumloser, tiefer Schlaf umfängt die Wachfreien. Mühsam, unter Aufbietung der letzten Kräfte kämpft der Mann am Ruder gegen die Müdigkeit, bis auch er, endlich abgelöst, die wohlverdiente Ruhe findet.
Gleichmäßig und stetig treiben die Äquatorialwinde das Fahrzeug westwärts auf die Tschagosinseln zu. Heiß brennt die Sonne auf Deck und Segel, in tausend Reflexen spiegelt sie sich auf der glatten See. Fliegende Fische steigen in Scharen vor dem Bug auf, gleiten hundert Meter und mehr durch die Luft. Kaum zu fassen ist es, daß hier vor kurzem noch der furchtbarste Orkan mit Windstärke zwölf einherraste. Wie berechnet, kommen die Tschagosinseln in Sicht. Tausende von Meilen liegen hinter dem Schiff, weit mehr als der halbe Weg ist zurückgelegt. Freilich, das schwierigste Stück, das Kreuzen der Dampferstraße Aden-Colombo und die Landung in Arabien können noch manches Unerwartete bringen. Mit Nordwestkurs geht es von den Tschagosinseln, die nur in weiter Ferne als dunkle Punkte auftauchen und verschwinden, weiter auf Sokotra zu.
Der Wind schläft ein. Immer schlaffer werden die Segel, schlagen leicht gegen die Masten, bis sie wie tot herunterhängen. Das Schiff verliert jede Fahrt. Prall brennt die Sonne auf das bewegungslos daliegende Fahrzeug. Die Nacht kommt, ein zweiter, ein dritter und vierter Tag. Kein Wind, kein Luftzug: der Stillengürtel der Tschagosinseln! Die Gesichter werden ernster, graue Sorge schleicht sich allmählich ein. Zwar ist reichlich Proviant und Wasser mitgenommen, an die Ergänzung des letzteren aber kann hier in der regenlosen Zeit nicht gedacht werden. Noch liegen mehr als tausend Seemeilen vor ihnen und von Tag zu Tag nimmt das Wasser mehr ab ....
Eine Woche vergeht.
Jeden Morgen spähen besorgte Blicke rundum auf die Oberfläche hin, ob nicht leichtes Kräuseln das Nahen einer Brise künde. Vom wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne, spiegelglatt liegt die See, wie ein leises Atmen nur geht es durch die tiefblau schimmernde Flut. In ungezählten Mengen segeln kleine gelbe Seetierchen dahin, Quallen in den schönsten Farben gleiten vorbei. Schwarz wölbt sich ein Rücken in einiger Entfernung aus der See, zwei kleine Wassersäulen heben sich: ein Walfisch.
Träge, schlaff hängen die Segel. Die Sonne geht unter, dunkel färbt sich das Wasser. Leichtes Kräuseln schießt von Süden her über die Oberfläche herab. Ein Luftzug. Die Segel bewegen sich, gleiten vom Mast ab, wölben sich mehr und mehr, bis sie stehen. Die rettende Brise. Minuten später ist „Weddigen“ in guter Fahrt.