„Ta’al labaun!“ Schallt die Stimme des Said Achmad ihm entgegen. „Komm her!“ Ein Stutzen drüben über den wohlverstandenen Zuruf, dann wirft er die Hand hoch und kommt näher an den Strand heran. Bis auf fünfzig Meter; dann hält er. Mißtrauische Blicke schweifen aus dunklen Augen herüber, schußbereit liegt das Gewehr in der Hand. Said Achmad ist inzwischen an Land gewatet und auf den Beduinen zugegangen. Eine Viertelstunde dauert die Unterhaltung, dann kehrt er zurück, während der Reiter sein Tier wendet und zwischen den Dünen verschwindet.

Die Nachrichten, die Said bringt, sind überaus erfreulich. Die Stämme längs der Küste sind bis kurz vor Aden türkisch gesinnt. Gern wollen sie die Deutschen nach Lahadsch, wo sich General Said-Pascha, der Kommandeur der gegen Aden angesetzten türkischen Streitkräfte, befindet, bringen. Eine Stunde vergeht, dann tauchen zwischen den Dünen zahlreiche Reiter auf. Allen voran ein alter Beduine, der durch sein Äußeres schon den höheren Rang verrät. Weiße Gewänder, hohe rote Saffianstiefel: der Scheich. Bis dicht vor „Weddigen“ kommt er heran. Einige rauhe Kehllaute, das Kamel sinkt auf die Knie. Elastisch springt der Alte aus dem Sattel und nähert sich Said, der ihm entgegenkommt. Abermals eine kurze Verhandlung, dann winkt der Scheich seine Begleiter heran. Zwölf Männer sind es. Alles schlanke, sehnige Gestalten, die braunen Gesichter mit den scharfen Zügen vom weißen Burnus malerisch umrahmt. Auch die Deutschen verlassen jetzt das Schiff und v. Möller tritt auf den Scheich zu; der streckt ihm die Hand entgegen, heißt ihn Willkommen und erklärt sich gern bereit, ihn unter seinen Schutz zu nehmen und für sicheres Weitergeleiten nach Lahadsch zu sorgen. Ein Befehl an seine Leute, und sieben Hedschins werden herbeigeführt. Zum Transport des Gepäcks sind vier Lastkamele vorgesehen.

Jetzt heißt es Abschied nehmen von dem kleinen Schiff, das sie wacker bis hierher geführt hat. Schwer nur trennen sich die Blicke von dem Fahrzeug, das ihnen durch drei Monate eine Heimat war. Vor ihnen aber liegt das große Ziel. In einer Stunde ist alles, was mitgenommen werden soll, an Land und auf die Tiere geladen, der Rest der Bestände und das Schiff selbst wird dem Scheich als Geschenk überlassen.

Schwierig fällt zuerst die Einschiffung an Bord der Kamele. Es geht nicht ganz ohne erheiternde Zwischenfälle ab. Schließlich aber setzt sich die Karawane doch westwärts in Marsch in die Wüste. Ein letzter Blick noch von der Höhe einer Düne gilt „Weddigen“, dessen weißer Rumpf und dunkle Masten sich deutlich abheben, dann verschwindet er.

Die Sonne geht unter, plötzlich, ohne Übergang. Weiß schimmern die Dünen im Lichte des Mondes, wie verschneite Landschaften. Bald auf Hügel klettern die Tiere, sausen talwärts, dann wieder führt der Weg durch das Geröll eines Wadi. Grünes Gestrüpp hebt sich ab, spärliche Grasnarben, um wieder nacktem, gelbem Sande Platz zu machen. Stundenlang. Der Scheich, der an der Spitze trabt, wirft den Arm in die Höhe. Rast. Den deutschen Seeleuten, die des Kamelreitens so gänzlich ungewohnt sind, bildet die Unterbrechung, wenn sie auch nur kurz währt, eine wahre Erlösung. Kaum haben sie die müden Glieder ausgestreckt, heißt es schon wieder in kühnem Schwunge auf die Kamele hinauf und weiter, in den heranbrechenden Morgen. Furchtbar eintönig und dennoch großartig in dieser grenzenlosen Einsamkeit wirkt die Landschaft. Dünen, Sand, selten, äußerst selten nur um eine Wasserstelle Gesträuch oder kleine arabische Niederlassungen. Armselige Hütten und Zelte, vor denen Ziegen, Kamele und Hunde sich herumtreiben. In der ärgsten Mittagshitze wird gerastet. Die Wüste dörrt aus. Viel Fett haben die zweiundachtzig Tage Seefahrt den „Weddigen“-Leuten nicht gelassen, was übrig blieb, zehrt nun die heiße arabische Sonne.

Lahadsch. Weit vor Kapitänleutnant von Möller und seiner Schar ist die Kunde vom Nahen der Deutschen vor ihnen hergeeilt. Türkische Offiziere kommen ihnen entgegen und geleiten sie zum Pascha, der sie auf das herzlichste willkommen heißt und sie zu ihrer Fahrt beglückwünscht. Die türkischen Kameraden können von den Erlebnissen der sechs Deutschen nicht genug hören. Wieder und immer wieder müssen sie erzählen. Was sie ihnen an den Augen ablesen können, tun sie, noch lange bevor der Wunsch ausgesprochen ist. Wie ein Lauffeuer geht die Kunde durch die ganze Gegend, auf den Straßen werden die Alemans angehalten, begrüßt, bewundert.

Am nächsten Tage führt Said-Pascha sie mit hinaus an die Front. In harten Kämpfen haben die Türken ihre Linien näher und näher an Aden herangeschoben, den Engländern in blutigem Ringen den Küstenstreifen Hadramaut entrissen. Einen Augenblick tritt die Versuchung heran, hierzubleiben und an der Seite des Bundesgenossen zu kämpfen. Eine Granate aus englischem Geschütz heult heran, bohrt sich in den Sand, der sich in hoher Wolke erhebt und explodiert mit berstendem Krach. Der erste feindliche Gruß. Hier wird gekämpft wie im fernen Europa, im Osten und Westen, gegen den gleichen Feind. Und weiter hinaus noch, durch die grüne Nordsee pflügen die stählernen Kiele das Meer. Dort ist ihr Platz, ihr endgültiges Ziel. Nur nicht zu spät kommen zur großen Entscheidungsschlacht.

Ungern nur läßt Said-Pascha sie ziehen, nur zu gut versteht er aber, welche Gefühle es sind, die die deutschen Seeleute vorwärtstreiben, der Heimat zu. Alles, was in seinen Kräften steht, ihnen den Weg zu erleichtern, geschieht, und sein Offizierkorps wetteifert mit ihm. Nach wenigen Tagen ist alles bereit, Maultiere, Proviant, Führer und Begleitmannschaften. Am 18. März setzt sich nach feierlicher Verabschiedung der Zug in Bewegung. Das Ziel ist Sana, die Hauptstadt des Jemen. Über das fast zweitausend Meter hohe Engrisgebirge windet sich der Pfad. Kahl und öde ist das Gestein, verwittert und ausgedörrt. Ein Flimmern und Flirren geht unter dem glühenden Sonnenbrande von ihm aus, daß sich die Augen geblendet schließen. Selten nur zeigen sich in geschützten Tälern spärlicher Pflanzenwuchs und armselige Hütten. Wenige Städte nur werden berührt. Dala, Kataba, Djerim, Dhamar. Auch hier hat sich die Nachricht von der Ankunft der Deutschen verbreitet. Schneller als der Telegraph haben die arabischen Reiter die Kunde durchs Land getragen. Überall ist die Aufnahme gleich begeistert, liebevoll. Seit dem Einmarsch der „Ayesha“-Mannschaft in Sana sind Deutsche keine Fremden mehr in diesen Gegenden. Noch heute sprechen die Leute von den Tapferen, die weit über See herkamen und durch die Wüste drangen, nur um am Kampfe gegen die Inglisi teilnehmen zu dürfen. Siebzehn Tage dauert der Marsch. Sind hundert Kilometer gemacht, das Doppelte, das Zehnfache? Keiner kümmert sich mehr darum. Der eine Gedanke nur beseelt sie, wenn sie todmüde von den Kamelen sinken: Vorwärts, vorwärts, weit noch ist das Ziel. Unerhört ist die Anstrengung für die Leute. Immer wieder aber werden die Zähne zusammengebissen. Nur kein Aufenthalt. Steil schießt der Pfad hinab, mühsam windet er sich zum Passe empor und wieder ein Tal dahinter, eine neue Höhe, die es zu nehmen gilt, kein Ende fast. Dann, als die Kräfte zu versiegen drohen, liegt auf der Hochebene Sana vor ihnen. Weit dehnt sich das fruchtbare Land. Dorf neben Dorf ragt aus Bäumen und Gärten hervor, in der Mitte zieht sich die festungsartig von Mauern umgebene Stadt.

Eine dichte Staubwolke wälzt sich auf der breiten Straße. Waffen blitzen, Klänge von Musik flattern, zerrissen vom Winde, heran. In feierlichem Aufzuge holen die türkischen Offiziere die deutschen Kameraden ein. Eine halbe Stunde noch, dann sind sie angelangt. Die Musik spielt „Deutschland, Deutschland über alles“, die Soldaten präsentieren. Rührend ist die Liebe, die von Möller und seinen Leuten entgegengebracht wird. Dicht gedrängt stehen die Einheimischen, rufen, winken, jubeln.

Die beste Unterkunft, die die Stadt überhaupt aufzuweisen hat, muß herhalten. Zum erstenmal wieder schlafen die Deutschen in wirklichen, bequemen Betten, empfängt sie eine festliche Tafel, und sie lassen sich nicht lange nötigen. Zusehends verschwinden die Berge von Pilaw, mehr und mehr büßt der halbe Hammel, der auf dem Tische steht, seine Form ein. Dann kommt des Beste und Nötigste, sie schlafen. Tief, traumlos, bis in den hellen Tag hinein. Zwar sind die Glieder noch immer etwas steif von den Anstrengungen der letzten Tage, der Geist aber ist erfrischt, rege, plant bereits für die Zukunft. Eine herbe Enttäuschung bereitet von Möller der Bescheid, den er hier erhält, als er um Tiere für den Weiterritt zur nächsten Bahnstation bittet. Kamele, Pferde und Maultiere stehen ihm zur Verfügung, soviel er deren nur haben will. Die Schwierigkeiten des Landmarsches sind aber so groß, daß er, will er überhaupt heimkommen, sich entschließen muß, nach Hodeida zu gehen. Dort wird sich für alles Rat schaffen lassen. Überall stößt er auf das Andenken der „Ayesha“-Leute, die hier vierzehn Tage weilten; alles weiß von ihnen zu erzählen und zu berichten. Freudig, stolz, als sei es eine große Ehre, die ihnen widerfuhr, als Deutsche unter ihnen weilten. Auch denen ist es ähnlich gegangen: sie kamen von der Küste, um über Sana nach Hause zu gelangen, auch sie mußten zurück ans Meer. Zu ihrem Glück! Auf dem Landwege hätten sie nie das Ziel erreicht. Gebirge, Wüste, räuberische Beduinen waren Hindernisse, die sich kaum von einer so kleinen Schar überwinden ließen, und ebenso ist es jetzt. Halb getröstet befiehlt Kapitänleutnant von Möller also für den nächsten Tag den Aufbruch nach Hodeida. War der Marsch durch das öde Gebirgsland eine schwere Arbeit, so ähnelt er jetzt mehr einer Erholung. Eine schöne, neu angelegte breite Straße führt über bewaldete Berge hinweg, über fruchtbare Hochebenen. In den Tälern liegen Steinhäuser kleiner arabischer Siedelungen, von den Gipfeln grüßen einsame Burgen. In einem Han, einer kleinen Etappenstation am Wege, wird die erste und zweite Nachtruhe gehalten, dann geht es weiter nach Menacha. Auch hier holt die Garnison sie wieder ein, finden sie beste und liebevollste Aufnahme. Zwei Tagesmärsche, dann senkt sich das Bergland, und in der Ferne tauchen die langgestreckten Dünen des Wüstenstreifens auf, der sich zwischen Meer und Gebirge hinzieht.