Bis hierher ist der Weg auf Maultieren zurückgelegt worden. Jetzt heißt es auf die Kamele hinauf, die schon bereitstehen. Wieder breitet sich im Mondschein weißschimmernd die Wüste mit ihren seltsamen Formen. Dort scheint in tiefem Schnee ein Dörfchen zu liegen, hier erheben sich ganze Städte .... bis ein Tier strauchelt oder durch ängstlichen Satz zur Seite unsanft in die Wirklichkeit zurückruft. Kein Weg, nirgends ein Anhalt. Dennoch leitet der Führer sie schnurgerade. In der Ferne taucht in verschwommenen Umrissen eine Gestalt auf. Riesengroß und phantastisch erscheint sie im unsicheren Lichte. Ein Beduine. Der Soldat an der Spitze faßt nach seinem Gewehr, entsichert es, macht sich, wie seine Kameraden, die den Deutschen als Geleitmannschaft mitgegeben sind, schußfertig. Wie ein Phantom ist inzwischen der Kamelreiter in der Ferne wieder verschwunden, und einsam und öde liegt die Wüste.
Der Mond verschwindet, die Dämmerung lichtet sich. Deutlicher tritt der helle Sand, über den die Tiere in langem Trabe hinwegjagen, hervor. Die Sonne. Mit einem Schlage ändert sich das ganze Bild; Leben und Bewegung kommen hinein. Ein Flimmern und Gleißen, daß die Augen sich geblendet schließen. In rötlichem Glanze strahlt der gelbe Sand. An einer Wasserstelle ragt ein einsamer Tamarindenbaum, mehrere Zelte dicht daneben. Dunkle Uniformen tauchen auf, Gewehre funkeln in der Sonne. Soldaten sind es, die der Oberst von Hodeida von Möller bis hierher entgegengesandt hat. Der Kommandant, ein türkischer Hauptmann, tritt auf den Kapitänleutnant, den er an der hohen Gestalt bereits erkannt hat, zu und begrüßt ihn. Zusammen mit den Türken wird dann der Weg fortgesetzt. Sonst wird um die Mittagsstunde gerastet, heute denkt niemand mehr an eine Unterbrechung. Vier Stunden noch, dann liegt Hodeida vor ihnen, die See, dann geht es weiter, wieder ein Stück der Heimat näher.
Seit Kapitänleutnant von Möller und seine Begleiter bei Lahadsch gelandet sind, jagen die Eindrücke einander. Fremdes Land, wenn auch den Verbündeten gehörig, fremde Völker, fremde Sitten. In atemloser Schnelligkeit gleitet das alles an ihnen vorüber, kaum erfaßt und schon wieder in weiter Ferne zurückliegend. Anforderungen werden an den Körper gestellt, wie sie kaum erdacht werden können. Und immer schneller, hastiger wird die Jagd. Ganz im Unterbewußtsein, kaum empfunden, steckt riesengroß die Sehnsucht, die Heimat zu erreichen. Und mit jeder Meile noch wächst sie, peitscht, treibt vorwärts. Nur kein unnützer Aufenthalt! Immer länger werden die Tage, immer wahrscheinlicher wird es, daß bald, bald der Entscheidungstag in der Nordsee anbricht. Und noch sind sechs Männer, auf die das Vaterland rechnen kann, ferne, in der Wüste. Jeder Tag unnützer Muße ist vielleicht unwiederbringlicher Verlust. Und so treibt von Möller, treibt jeder einzelne seiner Begleiter.
Hodeida. Eine arabische Stadt, buntes Leben, Freunde, Bitten um ein Boot, das sie weiterbringen kann, Wahl der Begleiter und endlich die Stunde, in der es wieder weitergeht. Hat der Aufenthalt lange gedauert, zwei Tage, zehn, vierzehn? Weiter, nur weiter! — — —
Vom niedrigen Sambuk aus sind die flachen Dächer Hodeidas noch eben zu sehen, dann beim Runden der nächsten Huck verschwinden auch sie. Nach kurzem Aufenthalt in Hodeida hat von Möller mit seinen Begleitern einen Sambuk, eines der Segelfahrzeuge, die dem Verkehr der Anwohner des Roten Meeres dienen, zur Verfügung gestellt erhalten. Der geringe Tiefgang ermöglicht ein Fahren unmittelbar unter der Küste, zum Teil zwischen den vorgelagerten Inseln und Riffen hindurch, wohin selbst kleine Kanonenboote nicht zu folgen vermögen. Bis Djidda soll die Fahrt gehen, dann quer durch die Wüste zur Hedschasbahn.
Die Seefahrt ist nicht ganz einfach. Dicht unter der Wasseroberfläche verborgen liegen zahlreiche Riffe und Klippen. Noch gefährlicher aber sind die feindlichen, im Roten Meer kreuzenden Kriegsschiffe, die die Küste ständig unter scharfer Bewachung halten.
Ohne Zwischenfälle verläuft der Tag. Glühendheiß brennt die Sonne herunter, ununterbrochen gleitet an Steuerbord die trostlose Wüstenlandschaft vorbei. Einzelne kleine Inselchen und Korallenriffe werden umfahren. Nichts zeigt sich auf dem Wasser. Ganz fern nur verweht der Rauch eines auf die Insel Perim zusteuernden Dampfers. Die Nacht kommt, erfrischende Brise setzt mit der Dunkelheit ein. Sie verleiht dem Sambuk gute Fahrt, verlangt aber auch schärfsten Ausguck nach der Brandung, um ein Auflaufen zu vermeiden. Mitternacht. Eben wird die Wache übergeben: „Nichts in Sicht“, als plötzlich aus dem Dunkel ein greller Lichtkegel über das Wasser schießt. Ein feindliches Bewachungsschiff. Im Nu ist das Segel herunter, und regungslos, hinter einem Riff verborgen, liegt der Sambuk. Näher flutet das Licht, zittert bald hierhin, bald dorthin, gleitet heran. Entdeckt! Sekunden höchster Spannung vergehen, dann sucht der Lichtkegel wieder weiter, um schließlich ganz zu erlöschen. Gleichförmig vergehen die Tage. Hie und da streifen an Land Beduinen bis an die Küste heran. Sie verschwinden aber, als sie nur ein einheimisches Fahrzeug, das nicht weiter verdächtig ist, erblicken.
Nur noch fünfzig Meilen trennen die kleine Schar von Konfuda, als mehrere feindliche Wachschiffe in bedrohliche Nähe kommen. Mit hoher Fahrt braust eines der niedrigen Kanonenboote bis auf etwa drei Seemeilen heran, stoppt. Von der Brücke spähen mit Kiekern und Doppelgläsern bewaffnete Augen nach dem Sambuk, der ruhig weitergleitet, aber auf alle Fälle gerüstet, dicht unter Land fährt. Drüben rührt sich nichts; wahrscheinlich ist ihnen das Fahrzeug nicht verdächtig und daß Araber, für die man sie augenscheinlich hält, auf ein Signal eingehen, kann nicht erwartet werden. Vielleicht auch trösten sie sich damit, daß weiter nördlich andere Kanonenboote stehen. Dort gibt es keine Riffe, die, wie hier, eine unmittelbare Durchsuchung hindern.
Die gleichen Erwägungen aber sind es, die auf dem Sambuk angestellt werden, als weit voraus Rauchwolken auftauchen. Die Sache wird brenzlich. Jetzt heißt es an Land gehen. Südlich Konfuda landet Kapitänleutnant von Möller am Nachmittag in der Nähe eines kleinen Küstenplatzes. Dank seiner arabischen Begleitung sind bald Kamele zur Stelle, auf denen der Weitermarsch angetreten wird. Drei Tage später, am 28. April, reiten sie ungefährdet in die Stadt ein, und ebenso heil kommen sie nach einem weiteren Kamelritt, der sie über vierhundert Kilometer führt, am 16. Mai nach Djidda, dem Sitze eines türkischen Oberkommandos.
Hier aber scheint die Reise ein Ende finden zu sollen. Schon in Friedenszeiten sind die in der Umgebung hausenden Wüstenstämme ihres religiösen Fanatismus wegen berüchtigt. Dazu kommt noch, daß sie ganz im Solde der Engländer stehen, die sie mit modernen Handwaffen ausgerüstet haben. Über fünfhundert Kilometer führt der Weg zur Bahn durch ihr Gebiet. Ohne überaus starke Deckungsmannschaften, die gerade jetzt nicht abkömmlich sind, ist das Unternehmen mehr als gefährlich. In überzeugender Weise versucht der Oberkommandierende von Möller von seinem Vorhaben abzubringen, hält ihm immer wieder das Tollkühne seiner Absichten vor. Umsonst ......