Von Bewachungsfahrzeugen hat sich während des ganzen Vorfalles, der geraume Zeit dauerte, nichts gezeigt. Unangefochten läuft »U 135« mit voller Fahrt südwärts, wo aus der Stellung der eben über der Kimm noch hochtauchenden Segel der französischen Fischer zu sehen ist, daß die Herrschaften Lunte gerochen haben und sich vor dem unheimlichen Kameraden schleunigst aus den Kinken bergen wollen. Die spanische Hoheitsgrenze ist nicht weit. Es gelingt ihnen vielleicht, sie zu erreichen, bevor das U-Boot heran ist. Ein ganzes Rudel, mehr als ein Dutzend steht beisammen. Sie haben sich keine Zeit gelassen, die Netze einzuholen; mit einigen Beilhieben sind wahrscheinlich die Leinen gekappt, und Hals über Kopf laufen sie nun davon. Immer mehr aber kommt inzwischen der Verfolger auf. Zwar machen die drüben bei günstiger Backstagbrise gute Fahrt, das U-Boot aber ist ihnen bedeutend an Geschwindigkeit überlegen.

Nach halbstündiger Jagd schon saust aus dem vorderen Geschütz die Einladung zum sofortigen Stoppen mitten unter sie. So leicht aber geben sie das Rennen nicht auf. Erst der dritte Schuß, der einem ziemlich vorn liegenden Boot gleich die ganze Takelage entführt, wirkt. Bis auf zwei, denen es tatsächlich gelingt, zu entkommen, werfen sie jetzt alle ihre Segel herunter. »U 135« umkreist die auseinanderstehenden Franzosen und treibt sie zusammen. In wenigen Minuten schon hat die Gesellschaft begriffen, daß der Kommandant ihnen allen als fahrbaren Untersatz jenes Fahrzeug bestimmt hat, das der dritte Schuß seiner Segel beraubte. Gefährlich ist die Geschichte ja nicht. In einer Stunde längstens müssen sie an der spanischen Küste, die kaum vier Seemeilen abliegt, landen können. Fast zum Greifen nahe scheint in der klaren Luft das Land. Scharf heben sich weit binnenlands die Umrisse der Pyrenäen vom tiefblauen Himmel ab. Die aufregende Jagd ist von drüben beobachtet worden. In hellen Scharen strömen die Leute an den Strand hinunter und starren neugierig auf See hinaus. Die beiden Geflüchteten, die eben auf den Sand auflaufen, scheinen bedeutend weniger Interesse zu finden für die Ereignisse, die sich draußen abspielen. Das deutsche Tauchboot stellt die Ungeduld der Zuschauer auf keine zu lange Probe.

Je zwei Fahrzeuge werden zusammengebunden, Sprengpatronen zwischen ihnen angebracht, dann sacken sie schleunigst weg. Dem geschäftstüchtigsten Fischer ist es allerdings noch gelungen, einen Teil seines Fanges für gute blanke Münze an die Besatzung loszuwerden. Gute Freunde scheint er sich mit seinem Vorgehen ja nicht erworben zu haben. Auf dem Boot, das eben nach Land zu rudert, herrscht eine so lebhafte Unterhaltung, daß sie bis an Bord herüberdringt. Ob ihm die Kameraden dort etwa Vorwürfe wegen seines unpatriotischen Vorgehens machen? Schwerlich! Die ärgern sich wohl, daß sie nicht vor ihm auf den guten Gedanken kamen und sich das schöne Geschäft vor der Nase wegschnappen ließen. –

Weit außer Sicht des Landes fährt ein kleiner Segler in der leichten Brise nordwärts. An Deck ist eine Anzahl Leute in den verschiedensten Bekleidungen, die nur das eine gemeinsam haben, daß sie alle reichliche Spuren von Öl aufweisen, damit beschäftigt, Silberlachse zu entschuppen und für die Küche fertigzumachen. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Kein Wunder übrigens, wenn man die ruhige See und den steten Wind, der das Fahrzeug ungewöhnlich schnell vorwärtstreibt, bedenkt. Der Besatzung von »U 135« macht es diebischen Spaß, zur Abwechslung einmal auf einem Segelboot durch die blauen Fluten des Ozeans zu gondeln. Wenn auch das taktmäßige Geräusch aus dem Schiffsinnern zeigt, daß die Dieselmotoren arbeiten, so genügen doch die verhältnismäßig kleinen braunen Segel, den harten Tauchbootkrieg für Augenblicke vergessen zu machen und den Anschein des Friedens vorzugaukeln.

Warm strahlt die Mittagssonne auf das Deck herab und auf die Leute, die wohlig ausgestreckt umherliegen und mit Behagen nach den Düften schnuppern, die aus der Kombüse nach oben dringen.

»Voraus zwei Strich an Backbord ein Segler!«

Im Nu ist die Idylle des fröhlichen Fischerbootes abgestreift, die Segel wandern unter Deck, und mit voller Kraft jagt »U 135« dem herankommenden Schiff entgegen. Eine stolze Viermastbark, die alle Lappen gesetzt hat. Majestätisch, in wundervoll ruhiger flotter Fahrt rauscht sie heran, daß den Seeleuten an Bord das Herz im Leibe lacht. Dicht vor ihr schlägt eine Granate ein, jagt das Wasser bis an Deck hinauf. Die Aufforderung genügt. Die Segel werden backgebraßt, die Fahrt kommt allmählich aus dem Schiff, bis es regungslos in der leichten Dünung schaukelt ... Auf Signal geht die Flagge hoch: die Trikolore!

Ein Ruderboot stößt ab, die Schiffspapiere werden gebracht: Salpeter aus Chile, bestimmt für die Forges de l'Adour.

Mit stehenden Segeln geht eine halbe Stunde später das schöne Schiff kopfüber in die Tiefe. Eben, als die Wellen sich über ihm schließen, legt das französische Boot, das die Sprenggruppe wieder an Bord bringt, an. Der Kapitän der Bark, der auf »U 135« geblieben war, hat dem Kommandanten erzählt, daß sein Schiff hundertfünfundzwanzig Tage unterwegs war, wochenlang mußte er bei Kap Horn beigedreht liegen, fast ebensolange Zeit trieb er in der Flaute unter der Linie. Wie die Kinder hätten sie sich gefreut, heute Abend an Land kommen zu können, wo es nach dem vielen Salzfleisch wieder einmal Frischproviant geben sollte. Der Kommandant weiß seinen Kummer, daß die für die Forges de l'Adour so wertvolle Ladung versenkt wurde, bald zu verscheuchen. Er erzählt ihm, daß die Hüttenwerke wohl in Verlegenheit gekommen wären, was sie mit dem Salpeter anzufangen hätten, da sie selbst nach den Vorgängen des heutigen Morgens an die Verarbeitung vorläufig kaum würden denken können. Auch um den heute so ersehnten Frischproviant sollen sie nicht kommen. Ein Ruf nach der Zentrale, und wenige Minuten später erscheint der Koch mit einer großen Back voll gebratener Fische, die er den Leuten in ihr Boot hinunterreicht. Treuherzig begleitet er seine Gabe noch mit einer Ansprache: »Nu futtert man düchtig los. Sind Landslüd von ju – man bloß schad um de scheune dütsche Bodder!«

Zwischen den Sperrgebieten