»Brauchen Sie einen Lotsen?«
Eine Sekunde ratlosester Verblüffung über dieses allzu liebenswürdige Anerbieten, dann ruft schnell gefaßt der Kommandant zum höflichen Franzosen hinüber:
»Nein, danke!«
Wenige Minuten darauf ist das französische Boot im Nebel wieder spurlos verschwunden und »U 135« setzt seine Fahrt stromaufwärts fort.
Der Nebel wird zusehends dünner, heller Schimmer im Osten deutet auf den anbrechenden Tag. Zu beiden Seiten tritt das Land hervor. Eine niedrige Küste, hinter der mehrere Dünenzüge sich abheben, auf der Nordseite; im Süden weißer Sandstrand, Häuser, grünes Buschwerk, weiter binnenlands einzelne, über die Düne hinwegragende Kirchtürme. So weit das Auge das Revier überblicken kann, ist kein Dampfer in Sicht, kein Boot, dem man die Franzosen, die wohlweislich unter Deck geschickt sind, übergeben könnte. Immer heller und klarer wird es, so sichtig, daß es höchste Zeit scheint, zu drehen und auszulaufen. Ein wahres Wunder, daß das U-Boot noch nicht als deutsches erkannt wurde. Freilich, mit einer derartigen Kühnheit rechnen die Franzosen hier wohl schwerlich. In Sicht des Talais-Feuerschiffes wendet »U 135« und geht stromabwärts nach See zu.
Deutlich hebt sich jetzt, von der Morgensonne grell beleuchtet, der hohe kegelförmige weiße Leuchtturm von Cordouan auf seinem Riffe vom blauen Himmel ab. Unter ihm, dicht am aufgemauerten Damm, ist der Lotsenschoner vor Anker gegangen. »U 135« geht längsseit. Ehe die »wachsamen« Lotsen noch aus ihrer behaglichen Morgenruhe erwacht sind, springen schon die Sprengmannschaften an Deck, schicken die heraufkommende Besatzung in die Boote und übergeben ihnen die Mannschaft des Neufundlandfahrers. Wenige Minuten später kracht, bevor die Beiboote des Fahrzeuges noch an der Mole anlegen, der dumpfe Schlag der Sprengpatrone, und das Lotsenschiff sackt auf den Grund der Gironde, während das deutsche Tauchboot allmählich aus Sicht verschwindet. Die zur Verfolgung angesetzten Kriegsfahrzeuge, die bald nachher mit hoher Fahrt aus der Mündung vorstoßen, finden nur glatte freie See. Während sie planlos hin- und herjagen und vergebens nach dem frechen Eindringling ausspähen, überlegt zwanzig Meter unter ihnen der Kommandant von »U 135« in aller Ruhe, was nun als nächstes zu tun wäre. Das Tätigkeitsgebiet muß unbedingt wegverlegt werden. In Bordeaux wissen sie längst, daß sich deutsche U-Boote hier herumtreiben und lassen in der nächsten Zeit sicherlich kein Schiff mehr ausfahren. Auch die nach der Gironde bestimmten Fahrzeuge sind sofort funkentelegraphisch gewarnt worden. Ist es aber möglich gewesen, unbemerkt in die Gironde hineinzukommen, dann gelingt es vielleicht ebenso, den Franzosen im äußersten Süden, unweit der spanischen Grenze eine freundliche Überraschung zu bereiten. Die Schiffahrt ist dort zwar unbedeutend, an der Mündung des Adour aber liegen, unmittelbar an der See, die Forges de l'Adour, die Hüttenwerke, die Tag und Nacht an der Herstellung von Granaten und von Sprengstoff für die Front arbeiten. Ein paar gut gezielte Geschosse müssen dort heillose Verwirrung anrichten. Um aber die Geschütze zum Tragen bringen zu können, muß das Boot aufgetaucht herankommen. Das ist aber, wenn die Franzosen nur einigermaßen wachsam sind, unmöglich. Unmöglich? –
In Sicht der Küste von Béarn zieht ein kleiner Segler durch die blaugrünen Fluten der Biscaya. Ein niedriges Fahrzeug, dessen Körper nur wenig über die Oberfläche hinaus ragt. An zwei dünnen Pfahlmasten stehen prall gefüllt in der achterlichen Brise die kleinen braunen Segel; eines der französischen Fischerboote, die in dieser Gegend in großer Zahl ihrem Gewerbe nachgehen. Direkt auf die Mündung des Adour hält es zu. Wahrscheinlich hat es genügend gefangen, so daß sich das Einlaufen nach Bayonne schon lohnt. Ruhig setzt das Fahrzeug seinen Weg heimwärts fort. An beiden Seiten, weit draußen in See ziehen zahlreiche Segel anderer Fischer dahin. Sie beneiden wohl den glücklicheren Kameraden, der mit gefüllter Bünn zu Markte fährt. Und die Fische stehen jetzt in Kriegszeit hoch im Preise.
An Steuerbord ragen die schneebedeckten Gipfel und Kämme der Pyrenäen auf; voraus, kaum fünf Seemeilen ab, hebt sich immer deutlicher ein Gewirr hoher Schornsteine; zwischen dem Gebirge und dem Hüttenwerk zeichnet sich als deutliche Ansteuerungsmarke auf seinem hohen Küstenabhange der Leuchtturm von Biarritz. Grell leuchtet in der Sonne der überall vorgelagerte weiße Sandstrand.
Der Patron des Fischerbootes scheint plötzlich seine Absicht, den Fang auf dem Bayonner Fischmarkt los werden zu wollen, geändert zu haben. Er stoppt, dreht, daß er quer zum Lande liegt ...... Im nächsten Augenblicke fallen die Segel; zwei Feuerstrahlen spritzen auf, weißer Pulverqualm zieht ab, lang nachhallender Geschützdonner rollt über die See. .... »U 135«, das sich in der Maske eines harmlosen Fischerbootes herangepirscht hat und dessen Granaten nun unaufhörlich, Schlag auf Schlag in das Hüttenwerk hineinfegen. Das Dach einer mächtigen Halle stürzt ein, Flammen züngeln aus einem anderen Gebäude, und immer neue Granaten heulen heran. Dicht unter einem Schornstein jagt eine grelle Flamme hoch. Eine riesige Rauchwolke steigt empor; langsam zuerst, als besänne er sich, dann in jähem Sturze neigt sich der Schornstein und schmettert mit seiner dunklen Masse in den hellen Qualm hinein. Der dröhnende Schlag der Explosion dringt an das U-Boot heran, unaufhörlich klingen kleinere, schwächere Detonationen der hochgehenden Munition nach.
Einzelne Gestalten hetzen in fliegender Hast über den weißen Sand und verschwinden im Grün der Tannen, die sich am Fuße der Dünen dunkel abheben. Gleich darauf blitzt es aus dem Walde dort auf. Eine französische Batterie, die das U-Boot unter Feuer nimmt. Ihre Geschosse schlagen noch ziemlich weit im Wasser ein, es hat aber keinen Sinn, sich unnötig hier einer Gefahr auszusetzen. Der Zweck des Unternehmens, die Beschießung des Hüttenwerkes, ist erfüllt, der Weg nach Hause ist weit, und andere Unternehmungen harren noch.