»Das Boot scheint leck zu sein, Herr Kapitänleutnant, es taucht bereits bis zum Dollbord ein.«
»Na, fahren Sie mal ran.«
Wenige Minuten später ist »U 135« längsseit. Das kleine Fahrzeug ist tatsächlich leck. Bis über die Knie stehen die Leute, soweit sie nicht auf die Duchten geklettert sind, im Wasser, während ihre in Bündel geschnürten Habseligkeiten aufgeschwommen sind und wegzutreiben versuchen. Bald ist auch das Rätsel des unvermuteten Schiffbruchs gelöst. Etwa zwanzig Meter ab ragt die Vorkante eines Dampfers, der anscheinend erst vor kurzem hier das Schicksal, das heute den »Petit Henri« ereilte, geteilt hat, eben über die Wasserfläche hinaus. Das Eisen hat das Boot, das durch die leichte Dünung auf das Wrack gesetzt wurde, leck gestoßen. Es ist nicht mehr weit bis zum Wegsacken. Die Wahl ist nicht groß, ein anderes Boot ist nicht in der Nähe. So beschließt also der Kommandant, die Leute an Bord zu nehmen, um sie bei Gelegenheit einem anderen fahrbaren Untersatz anzuvertrauen.
Einer nach dem anderen wird durch das Wasser herauf geholt. Fröstelnd und frierend stehen sie in ihren nassen Kleidern mit den triefenden Bündeln in der Hand zusammengedrängt und warten, was der Kommandant über sie beschließen wird. Sie machen einen ruhigen, vernünftigen Eindruck. Wetterfeste Seeleute, mit dem Gelichter, das sonst auf den englischen und französischen Dampfern fährt, gar nicht zu vergleichen. Einzeln werden sie nach dem warmen Maschinenraum geführt, um dort erst einmal das nasse Zeug vom Leibe loszuwerden und dafür trockene Kleider aus den Beständen des Bootes, die für solche Zwecke an Bord mitgeführt werden, zu erhalten. Bald haben sie sich an die fremde Umgebung gewöhnt. Es sind sehnige, wetterharte und wortkarge Gesellen, die nichts gemein zu haben scheinen mit jenen zappeligen, ewig schwadronierenden Franzosen des Binnenlandes. Kaum daß einer ein Wort verliert.
Der Kapitän taut bald auf, als der Kommandant ihm ein Glas Portwein geben läßt und ihn über Schiff und Reise befragt. Schon vor einem halben Jahr ist der »Petit Henri« mit Wein und Salz von Bordeaux nach Neufundland abgegangen, um dort einige Monate Dorsch zu angeln. Als die Ladung von fünfhundert Tonnen voll war, wurde der Rückweg angetreten. Es war eine stürmische Fahrt durch den Atlantik. Sechs Wochen waren sie oft mehr unter als über dem Wasser gewesen, bis endlich in den letzten beiden Tagen der Sturm nachließ und sie geglaubt hatten, erleichtert aufatmen zu dürfen. Mit der französischen Küste aber kam gleichzeitig auch das deutsche U-Boot in Sicht und mit ihm das Ende!
Vorläufig muß die ganze Gesellschaft an Bord bleiben, bis sich eben eine Gelegenheit findet, sie abzusetzen. Hoffentlich dauert es nicht zu lange, bis die Boote eines versenkten Dampfers mit ihrer eigenen Mannschaft auch die Leute des »Petit Henri« an Land nehmen.
Südwärts steuert »U 135« auf die Mündung der Gironde zu, wo reger Schiffsverkehr nach Bordeaux herrschen muß. Der Kommandant sieht sich aber bald in seinen Erwartungen böse getäuscht. Keine Rauchfahne, nicht einmal ein Fischerboot zeigt sich. Es scheint tatsächlich immer mehr, als hätte die deutsche Sperrgebietserklärung auch hier alle Schiffe von der See hinweggefegt. Was sonst noch draußen war, dürfte die Meldungen der hier gelandeten Mannschaften versenkter Schiffe wohl schleunigst wieder in den Hafen gejagt haben. Mit den Franzosen an Bord ist die Tätigkeit des U-Bootes aber arg behindert. Die Leute zehren von dem Proviant und stehen überall im Wege. Es muß ein Ausweg gefunden werden.
Langes Überlegen führt zu nichts. Sind die Leute hier draußen nicht los zu werden, dann bietet sich sicher in der Mündung der Gironde selbst eine Gelegenheit, sie zu landen. Das Unternehmen ist zwar verteufelt brenzlich, wann aber hat ein deutscher U-Bootskommandant danach gefragt! Die französische U-Bootsabwehr und die Bewachungsfahrzeuge haben sich jedenfalls in richtiger Einschätzung ihrer nicht sonderlich großen Fähigkeiten sofort stromaufwärts zurückgezogen, als die Kunde vom Auftauchen der deutschen U-Boote hierher gedrungen ist.
Im grauenden Morgen steht »U 135« nicht weit von der Insel Cordouan in der Mündung des Flusses. Im Nebel, der in dichten Schwaden über dem Wasser lagert, ist der Leuchtturm selbst nicht zu sehen. Mitunter nur scheint sein Licht wie ein fahles Dämmern die dichten Schleier durchdringen zu wollen, auch die Feuer auf Huck Coubre an der Nordseite und Grave auf der Südseite verschwimmen in dem einförmigen Grau. Wie aufgesogen scheint alles vom dichten Brodem.
Vorsichtig, mit langsamer Fahrt fühlt sich das Boot von Seezeichen zu Seezeichen weiter. Alles trieft vor Nässe. Ein dunkler Gegenstand taucht plötzlich wie ein Schatten an Steuerbordseite auf, keine fünfzig Meter ab. Im gleichen Augenblick, als die Leute auf dem Turm das Fahrzeug drüben, dessen Umrisse im Nebel zu verschwimmen scheinen, als einen französischen Lotsenkutter ausmachen, schallt auch schon von drüben durch den Sprachtrichter die Frage herüber: