»Voraus ein Schiff!« brüllt der Posten des Verdecks zum Turm hinauf, wo im gleichen Augenblick auch schon ein stilliegender schwarzer Gegenstand gesichtet wird. Ein Bewachungsfahrzeug! Hart Steuerbord wird das Ruder herumgewirbelt, alles ist klar zum Tauchen, jeden Augenblick kann die Mannschaft in das Innere springen und die Luks hinter sich schließen. Der Gegner merkt nichts, scheint sanft zu dösen.

Eine halbe Stunde später kommt eine Begegnung, die freilich bedeutend unangenehmer werden kann. Aus dem Dunkel der Nacht huscht plötzlich ein Schatten heran ... keine zweihundert Meter ab .... »Schnelltauchen!« Dumpf schlagen die Luks zu .... Sekunden später schließt sich das Wasser über dem Turm, eben als drüben ein greller Feuerschein aufflammt .... Fünf Meter Wasser stehen über dem Boot, als das brausende Schlagen von Schiffsschrauben, die sich in rasender Eile nähern, heranklingt. Sekunden nur, dann steht der Zerstörer über dem Boot .... Der Herzschlag scheint den Leuten im Innern zu stocken ... wenn nur diesmal noch alles klargeht ... um den Bruchteil einer Sekunde nur kann es sich handeln ... er ist vorbei. Ein trockenes Knacken, ein zweites schwächeres gleich darauf .... Wasserbomben. Für diesmal zu spät.

Zwei Stunden fährt »U 95« getaucht westwärts weiter, als das Boot ganz unvermittelt vorn hochgerissen wird. Gleichzeitig kommt aus dem Vorderschiff die Meldung, daß deutliches Scharren und Scheuern an der Außenhaut zu vernehmen ist. U-Bootnetz! Einen Augenblick stockt der elektrische Antrieb. »Äußerste Kraft zurück!« ... Das Scheuern hält an – anscheinend hat das Bugruder sich im Netz verfangen und wird festgehalten. ... »Äußerste Kraft voraus!« ... Einige Sekunden macht das Boot Fahrt, dann ein kurzer Ruck ... die Stahltaue des Netzes scharren weiter nach dem Turm zu ... wieder ist die Fahrt aus dem Schiff.

Die Stimmung ist zwar nicht besonders rosig, aber keineswegs gedrückt. Nicht zum erstenmal macht der Kommandant mit einem englischen Unterwasserzaun Bekanntschaft. Die Hauptsache ist, daß die Maschinen intakt und das Boot heil geblieben ist.

»Alle Tanks fluten!« Der Zeiger des Tiefenmanometers schnellt um fünfzehn Meter vor. »Dreimal äußerste Kraft voraus!« Jetzt heißt es, biegen oder brechen. Ein leichtes Zittern ... einige kurze scharfe Rucke, dann schießt »U 95« mit voller Geschwindigkeit voraus. Einzelne Tampen des zerrissenen Netzes schlagen noch an das Achterschiff, dann ist das Hindernis durchbrochen.

Der Steuermann, der eben zu seiner großen Beruhigung festgestellt hat, daß der Kreiselkompaß seine ungeheuere Geschwindigkeit noch immer ohne Störung beibehalten hat, wischt sich den Schweiß von der feuchten Stirn und meint dann aufatmend zum leitenden Ingenieur, der neben ihm in der Zentrale steht: »Nu fehlt heute nacht bloß noch 'ne U-Bootsfalle, dann haben wir aber auch den ganzen englischen Abwehrzadder erlebt!«

Die Nacht scheint aber den Ahnungen des Steuermanns nicht Recht geben zu wollen. Es ereignet sich nichts weiter. Noch funkeln die Sterne am Himmel, als »U 95« auftaucht. An Steuerbord schimmert das Feuer von Beachy Head minutenlang herüber, erlischt für eine Weile, um abermals aufzublitzen. Es kann sich nur um ein Signal für ein Schiff handeln, das die Fahrt über den Kanal wagen will, ein Leitlicht, nach dem sich der Kapitän des Fahrzeuges richten mag. Das Dringendste wäre zunächst, die durch das Netz vielleicht verursachten geringen Beschädigungen festzustellen, das hat aber schließlich Zeit bis zum Morgen, da das Boot einwandfrei arbeitet. Wichtiger für den Augenblick scheint dem Kommandanten, sich davon zu überzeugen, welchem Fahrzeug eigentlich der ungewohnte Lichtschein von Beachy Head gilt. –

Das Boot stoppt. Aufmerksam spähen die Augen nach allen Seiten, und bald ist das Rätsel gelöst. Fünfzehn Minuten etwa sind vergangen, als die Lichter eines Schiffes an Backbord des Leuchtfeuers auftauchen. Nicht nur die Seiten- und Dampferlaternen des Herankommenden brennen, auch die Promenadendecks sind hell erleuchtet, aus mehr als hundert Seitenfenstern strahlt eine Flut von Licht nach außen. Was mag das bedeuten? Ein hellerleuchtetes Schiff mitten im gefährdetsten Sperrgebiet? Ein Neutraler wird doch nicht so wahnsinnig sein, hier unbekümmert, als gäbe es keine deutschen Tauchboote, spazieren zu fahren. Ein englisches Lazarettschiff, das nach Frankreich will, um dort jedenfalls Verwundete abzuholen! In einigen hundert Metern Entfernung muß es an dem gestoppt liegenden »U 95« vorbeifahren. Schon sind alle Einzelheiten deutlich zu erkennen. Drei riesige Kreuze aus Glühlampen leuchten vorn, mittschiffs und achtern an der Bordwand, ein funkelnder Streifen zieht sich vom Bug nach dem Heck. Alles vollständig vorschriftsmäßig. Näher rauscht das Lazarettschiff heran. Auffallend ist, daß der Dampfer, wie man es bei den leeren Schiffen von solchen Abmessungen doch voraussetzen müßte, nicht hoch aus dem Wasser ragt, und leer muß er sein, da er jetzt doch höchstens Verbandsmaterial, Krankentragen und Ähnliches an Bord haben kann. Die Sache scheint faul! Keine zweitausend Meter ist der Engländer jetzt ab. Im Glanze der zahlreichen Deckslichter enthüllt sich im nächsten Augenblick eine ungeheure englische Niedertracht.

Aus dem Dunkel des Vorschiffs huscht plötzlich eine ganze Menge von feldmarschmäßig gerüsteten englischen Soldaten die unter der Brücke liegende Treppe hoch, auf die Promenadendecks. Eine Täuschung ist unmöglich! Ganz deutlich hebt sich alles genau übereinstimmend in den Gläsern ab. Was da drüben an khakifarbenen Männern zu sehen ist, sind keine Sanitätssoldaten. Gewehrläufe blitzen in den Deckslichtern! Eine Gruppe wird so scharf beleuchtet, daß die ganze Ausrüstung bis in die kleinste Einzelheit festzustellen ist. Ein Irrtum ist gänzlich ausgeschlossen! Da kommt auch schon die Bestätigung. Während die Engländer sich völlig sorglos unterhalten, öffnet sich eine nach den Niedergängen führende Tür. Wütendes Schimpfen klingt durch die Nacht, hastig jagt ein Offizier die unvorsichtigen Leute nach dem Achterschiff in das Dunkel; in größter Eile stürzen sie davon. Warum diese Heimlichkeit bei Sanitätern? Ähnlich scheint es mit der Ladung im Schiffsinnern beschaffen zu sein: Kriegsmaterial für die Front. Die ungeheuren Gewichte schwerer Geschütze und größere Mengen von Munition drücken das Lazarettschiff bis zur Grenze der Schwimmfähigkeit herunter.

Morgen werden die Engländer in hysterisch-ohnmächtiger Wut zwar in die Welt hinausbrüllen, ein harmloses Lazarettschiff sei von einem deutschen U-Boot versenkt worden, hier aber gibt es kein Bedenken. Der eine Torpedo, der im Rohre harrt, rettet Tausenden von Kameraden Leben und Gesundheit.