In wenigen Minuten liegt der Engländer im Ziel des schußbereiten Bootes, das einige hundert Meter querab getaucht wartet.

»Steuerbord Bugrohr fertig!« Einen Augenblick später leuchtet die Mattscheibe auf: »Fertig!«

»Los!« Wenige Sekunden nur, dann erschüttert der starke Stoß der Explosion »U 95«. Unmittelbar vor dem achtersten Mast hat der Torpedo aufgetroffen. Eine Minute darauf scheint das Lazarettschiff ein feuerspeiender Vulkan zu sein. Auseinandergerissen sinkt das riesige Fahrzeug unter der hochgehenden Munition mit aufbäumendem Vor- und Achterschiff in die Tiefe und mit ihm die für die Front bestimmten Granaten, Patronen und Geschütze; die Tommys, die sich im Schutze des Genfer Zeichens so sicher wähnten, daß sie sich aus dem Dunkel ins helle Licht hervorgewagt haben.

Tiefschwarze Nacht lagert über dem Kanal. Gleichmäßig rauschen die Wellen. An Steuerbord leuchtet das Feuer von Beachy Head, der Wegweiser, der das englische »Lazarettschiff« sicher nach Frankreich geleiten sollte. –

Während von allen Seiten, durch die riesige Explosion angelockt, Zerstörer und Bewachungsfahrzeuge heranpreschen, ist »U 95« längst schon in sicheren Tiefen westwärts abgelaufen. Wenn auch nicht viel Lebendes an der Stelle des Unterganges zu bergen ist, werden die Helfer jedenfalls doch zu sehr beschäftigt sein, um an eine, im Dunkeln doch aussichtslose Verfolgung denken zu können. So taucht der Kommandant also eine Stunde vor der Morgendämmerung auf, um vor allem erst die Akkumulatoren wieder aufzuladen. Noch liegen vierundzwanzig Stunden Kanalfahrt vor dem Boot, die alle erdenklichen Zwischenfälle bringen können.

Mit gewöhnlicher Marschgeschwindigkeit zieht »U 95« in den anbrechenden Tag hinein. Kaum ist die Sonne aufgegangen, als es festzustellen gilt, ob durch das Netz irgendwelche Beschädigungen der Außenhaut verursacht wurden. Ein wirres Durcheinander von Drahtenden hat sich wie festgeschmiedet um das Vorschiff gelegt. Einer der vordersten Ölbunker ist eingebeult und leckt. Ein Glück nur, daß der unangenehme Zwischenfall sich nachts ereignete. Das sickernde Öl hätte im Tageslicht an der Oberfläche den Verräter gespielt, bis zur neuen Nacht hätte das Gehetzt- und Gejagtwerden dauern können. Nur zu leicht wäre es gewesen, der Spur an der Oberfläche zu folgen.

Mit allen verfügbaren Leuten wird das Netz beseitigt und das Leck gedichtet, und zwei Stunden später sind alle Schäden beseitigt, nur einige schampfiehlte Stellen am Vorschiff sind als ehrenvolle Narben zurückgeblieben.

Das Wetter ist klar und sichtig. »U 95« hält sich mitten im Kanal. Weder die englische noch die französische Küste sind in der immer breiter werdenden Straße zu sehen. Von Schiffsverkehr ist nicht viel zu bemerken. In weitem Abstande nur kommen die braunen Segel einiger Fischer, die dicht unter der englischen Küste kreuzen, in Sicht, am Spätnachmittag noch Rauchfahne und Masten eines anscheinend mit großer Fahrt laufenden Dampfers, der der französischen Küste zusteuert. Ebenso ruhig wie der Tag verstreicht die Nacht, und am Morgen steht das Boot am Westeingang des Kanals.

Ein Gefühl der Erleichterung bemächtigt sich der Leute. Wenn ihnen auch die zurückgelegte Strecke kein besonderes Heldenstück zu sein scheint, – haben sie doch auf ihren zahlreichen Fahrten oft schon ähnliche Hindernisse und Störungen kennengelernt – so liegt doch von jetzt ab die offene See vor ihnen, die weder Minen noch Netze kennt. Vielleicht zwar hat Herr Edison während seiner sechsunddreißigstündigen Arbeitszeit im Tage, die er auf dem Gipfel seines sagenhaften Berges verbringt, einen neuen amerikanischen Bluff erfunden, um die deutschen U-Bootsleute graulich zu machen. »Man tau«, würde der Obermatrose Tönjes sagen. Der Nachmittag schon bietet Gelegenheit, die Probe auf das Exempel zu machen.

Vom Westen kommend, taucht gegen drei Uhr über der Kimm ein Dampfer auf, dessen Umrisse nach kurzem deutlich auszumachen sind. Ein großer Transatlanter mit einem Schornstein und vier Masten. Tief beladen. Drei große weiße Buchstaben leuchten von der schwarzen Bordwand: U. S. A. Ein Amerikaner. Ein seltener Bissen – im Sperrgebiet. Fünf Seemeilen steht er ab, als ihm der erste deutsche Gruß zwischen den Masten dicht über Deck entgegenschlägt.