Ganz unerwartet scheint den Herrschaften drüben diese Begegnung nicht zu kommen. Im gleichen Augenblick fast dreht er hart Backbord auf die Irische Küste zu, während seine Hilferufe S. O. S., S. O. S., S. O. S. nicht abreißen wollen. So leicht aber entkommt man nicht, auch wenn man Amerikaner ist. Die deutschen Grüße werden eindringlicher. Zwei Granaten schlagen in das Achterschiff ein. Er stoppt noch immer nicht. Eben hallt der Donner eines neuen Schusses über das Wasser, als drüben mehrere große Kisten über das Heck gestürzt werden.
Ein leichter Dunst scheint aus der See aufzusteigen, dünn, wie ein feiner grauer Schleier hebt er sich über dem Wasser, wird stärker, dichter, wallt in ganzen Schwaden hoch, breitet sich aus, legt sich als schützender Brodem vor das amerikanische Schiff. Es ist verschwunden. Künstlicher Nebel. Schießen hat keinen Zweck mehr, trotzdem aber soll er nicht entwischen.
Mit äußerster Kraft prescht »U 95« seitwärts ab, um die Nebelwand zu umgehen. Eine halbe Stunde verstreicht, da tauchen vorerst die Mastspitzen, dann der Schornstein und schließlich der ganze Schiffsrumpf des Amerikaners wieder auf. Die erste Granate trifft auch gleich diesmal die richtige Stelle. Aus der Mitte des Schiffes dringt weißer Dampf; es stoppt! Vorsichtig nähert sich das Tauchboot dem Dampfer und umkreist ihn in sicherer Entfernung. Er ist unbewaffnet. Die Kerle drüben wissen genau, daß es sich hier um keine Komödie handelt, glauben indessen auch weiter noch die Schwerhörigen spielen zu können. Sie tun, obwohl seit zehn Minuten schon das Signal: »Verlassen Sie sofort das Schiff!« ausweht, als machten sie sich an ihren Booten zu schaffen, wollen aber anscheinend nur Zeit gewinnen, um feindlichen Streitkräften rechtzeitiges Heraneilen zu ermöglichen. Erst eine weitere Granate beschleunigt mit sanftem Nachdruck das Aussteigen.
Vier vollbesetzte Boote stoßen ab und kommen heran. Von weitem schon ertönt aus ihnen mörderliches Schimpfen. Das kann die Stimmung an Bord allerdings nur erheitern. Während die Amerikaner sich nähern, reißen Granaten ein Loch nach dem andern in die Wasserlinie ihres Dampfers, durch das die See in hellen Strömen eindringt. Und eben, als das erste Boot mit dem Kapitän anlegt, kentert sein Schiff und sackt weg. Mit ungeheuerer Beredsamkeit protestiert der Amerikaner gegen die »ungewarnte Torpedierung«. Eine barsche Aufforderung unterbricht seinen Redeschwall. »Bringen Sie Ihre Schiffspapiere!« Während der Mann an Deck weiterschimpft und zetert, werden die Papiere durchblättert. Alle erdenklichen schönen Sachen: vom Stacheldraht angefangen bis hinauf zu schweren und schwersten Granaten.
Wieder unterbricht der Kommandant den Zornigen: »Sie wollen gegen die Versenkung Ihres Schiffes protestieren, das bis oben hin mit Kriegsmaterial beladen ist? Na, Sie scheinen ja eine eigenartige Auffassung von unserer Seekriegführung zu haben!«
Etwas kleinlauter geworden, meint der Kapitän des versenkten Fahrzeuges, er wolle ja nur gegen das »ungewarnte Torpedieren« Verwahrung einlegen.
Der Kommandant lacht. »Unser Schuß genügt Ihnen wohl nicht? Und Ihre Nebelbomben? Ihr Auskneifen? ... Sie können an Land rudern!«
Jetzt wird der Amerikaner, der kurz vorher noch so hohe Töne redete, sichtlich verlegen. Er jammert und barmt, weist auf das Gesindel in seinen Booten, mit dem die Fahrt unter Land wohl eine Woche dauern könne. –
Mit den Booten in Schlepp steuert »U 95« nordwärts, um die Leute näher an die Küste heranzubringen. Eine Stunde später aber kommt ein Dampfer in Sicht, von dessen Bordwand die bunten norwegischen Farben leuchten. Wieder so ein Neutraler, dem das Geschäft über alles geht: Kohle von Cardiff nach Genua. Eine Weile darauf landet die schöne Kohle mehrere hundert Meter tief auf dem Grunde des Atlantik, ziemlich weit von ihrem Bestimmungsort, und die norwegischen Boote, die die Amerikaner bald überholen, segeln nach Land zu.
Der nächste Tag trifft das deutsche U-Boot mitten in der Biscaya. Hoffentlich beschert ihm der Zufall noch einige fette Bissen. Lange aufhalten darf es sich hier allerdings nicht, da noch mehr als die Hälfte des Weges zurückzulegen ist. Gegen Abend kommt ein stolzer Viermaster in Sicht. Eben ist er beim Halsen, um über Stag zu gehen, als ihm eine Granate durch die Takelage pfeift. Ein weiteres Segelmanöver tut nicht mehr not. Die Besatzung des Schweden, deren Schiff nach Plymouth bestimmt war, ist bald darauf an Deck des U-Bootes, das sie vorläufig beherbergen will, da der Weg nach Land weit ist. Es sind ruhige, verständige Leute, dankbar für die Aufnahme, die ihnen an Bord zuteil wird. Schnell haben sie in den unteren Räumen ein Plätzchen gefunden, wo sie möglichst wenig stören. Der nächste Tag schon bringt ihnen überdies Befreiung aus dem Bootsinnern.