Siebzig Seemeilen etwa steht »U 95« von Kap Finisterre ab, als ein englischer Erzdampfer ihm in den Weg läuft. Von weitem schon fällt eine ganze Pallisadenreihe von Ladebäumen auf. Mehr als vierundzwanzig stehen sie rund herum an der Reeling. Diese Schiffsart, die für Laden und Löschen der gewichtigen Erzmengen besonders gebaut ist, ist äußerst selten und wertvoll. Glücklicherweise erscheint kurz hinter dem Engländer ein spanischer Fischer, der die Schweden und die Besatzung des Engländers an Bord übernimmt.
Am Abend des dritten Tages kommt an Backbord Kap Trafalgar in Sicht. Die Straße von Gibraltar liegt voraus. Zitternd huschen die Scheinwerfer der Festung über die See nach Ceuta und nach Tanger hinüber, drehen, spüren, suchen, wollen die Straße sperren, als wüßten sie, daß soeben ein deutsches Tauchboot durchzufahren beabsichtigt, und erlöschen wieder. Die afrikanische Küste liegt im Dunkel. Armierte Fischdampfer und zahlreiche kleine Torpedoboote bilden hier die Bewachung. Unbehelligt zieht das Boot an ihnen vorbei in das Mittelländische Meer hinein.
Eine gefährliche Stelle birgt vor dem Ziele nur noch die Straße von Otranto. In tiefer Dunkelheit wird das Kap S. Maria di Leuca gerundet, kurz nach Mitternacht tauchen voraus die Schatten der in der Straße wachehaltenden Patrouillenschiffe auf. Einzelne werden umgangen, dann wird mehrere Stunden getaucht, bis die Gefahrzone passiert ist. Am Mittag wachsen aus den tiefblauen Fluten der Adria die kahlen Karstfelsen der dalmatischen Küste auf, und eine halbe Stunde später weht von Bord eines heranbrausenden Zerstörers die österreich-ungarische Kriegsflagge, gleitet »U 95« durch die Minensperre in den sicheren Hafen.
Der kritische Augenblick
»Nanu, was schleppt der Kerl denn hinter sich her? Können Sie sehen, mit was für 'nem Trog der dort lossegelt?« Wendet sich der Kommandant von »U 119« fragend an den neben ihm stehenden Wachoffizier, der gleich ihm seit längerer Zeit schon einen Schlepper beobachtet. Schwerfällig stampft er in der Dünung der großen Syrthe durch die See und macht kaum Fahrt. In den nächsten Minuten entpuppt sein Anhängsel sich als großer Leichter. Er muß schwer beladen sein, da er ziemlich tief eintaucht und, vom Winde abgetrieben, seinen Vorspann mehr zu ziehen scheint als dieser ihn.
Am frühen Morgen ist das deutsche Tauchboot an der tripolitanischen Küste angekommen, um dort den Schiffsverkehr zwischen Italien und den spärlichen Resten der Kolonie, die dem ehemaligen Bundesgenossen noch geblieben sind, zu stören. Zu Lande sind die Senussen und Araber erfolgreich bis an die Küste herangekommen und haben längst die glorreichen Eroberer auf schmale Küstenstreifen bei Tripolis und Homs gejagt; nun soll ihnen auch die Verbindung zur See abgeschnitten werden. Den ganzen Tag über hatte sich nicht das geringste Rauchwölkchen gezeigt, das auf irgend welchen Schiffsverkehr hätte schließen lassen. Gegen Mittag war wohl einmal das spitze lateinische Segel eines eingeborenen Küstenfahrers aufgetaucht, der Kerl stand aber so dicht unter Land, daß durch die Verfolgung bald die Anwesenheit eines deutschen U-Bootes verraten worden wäre. Erst jetzt vor der Dämmerung taucht der Schlepper mit seinem Anhängsel auf. Der »edle Römer« scheint sich völlig sicher zu fühlen. Seine Seitenlichter brennen, als herrschte hier tiefster Frieden, als gäbe es kein Sperrgebiet und keine U-Boote, die in ihrem Jagdbereich schon dafür sorgen, daß sich niemand ungestraft sehen lasse.
Im Süden geht der Mond auf. In seinem bläulichweißen Lichte, das über der ruhigen See dahinzittert, heben sich die Umrisse der beiden Fahrzeuge, die ruhig und unbekümmert ihren Weg fortsetzen, scharf ab. Einen Augenblick nur dauert die Ueberlegung auf dem Turm des U-Bootes. Sollte der Bursche, der geradezu zum Abschießen herausfordert, etwas Hinterhältiges im Schilde führen? Er sieht zwar nicht so aus, der Teufel aber kann wissen, welch' neue Art von U-Bootsfalle das Ding dort vorstellen mag. Jedenfalls soll er vorerst von allen Seiten in voller Muße angesehen werden. Gestoppt, jederzeit klar zum Tauchen, liegt »U 119« und läßt die beiden Schiffe in ziemlich naher Entfernung an sich vorüberziehen. Sie sind tatsächlich gänzlich schimmerlos. Ein kleiner Schlepper, der den Leichter anscheinend von Tripolis nach Homs ziehen soll. Mit dem wird nicht viel Federlesens gemacht.
»Stoppen Sie sofort!« schallt der Sprachtrichter durch die dunkle Nacht zum Italiener hinüber. Noch kann er nicht sehen, woher die Stimme kommt, aber er weiß Bescheid! Ein sinnloses Gebrüll antwortet dem Befehl, ein Hasten und Jagen hebt an Deck an. Während die italienische Mannschaft noch planlos umherjagt und »U 119« längsseit des Leichters geht, hat sich der Kapitän des Dampfers endlich zu einem seiner Nationalität würdigen Entschlusse durchgerungen. Klatschend fällt die Schleppleine ins Wasser, mit Hartruder dreht das Fahrzeug auf Land zu und sucht Hals über Kopf das Weite. Wohin er will, ist ihm wohl selbst schleierhaft. Der Kurs führt direkt in die Brandung. Anscheinend aber will er lieber dort zu Grunde gehen, als in die Hände des U-Boots fallen. Den Leichter überläßt er seinem Schicksal.
Kaum Sekunden dauert es, bis die Deutschen bei ihm längsseit sind. Die Sache beginnt ein humoristisches Aussehen anzunehmen. Kaum haben die Kerle begriffen, daß auf ihrem Untersatz ein Entrinnen vor der überlegenen Geschwindigkeit des Verfolgers ausgeschlossen ist, als sie sich Hals über Kopf in ihr eiligst über Bord gesetztes Boot stürzen und mit ihm in der Dunkelheit zu entkommen trachten. Auch das nützt ihnen nichts. Das U-Boot schießt um den Schlepper herum und lädt die Italiener recht nachdrücklich ein, sich doch ein wenig an Deck zu bemühen.
So ganz einfach ist das aber nicht. Entweder haben die Kerle Angst oder sie wollen nicht, kurz, sie hängen an ihren Duchten, als wenn sie festgeklebt seien und brüllen dabei, als stäken sie am Spieße. Nicht einmal der von einem sprachgewandten U-Bootsmann einladend hinübergegebene Ruf »Avanti Savoia« verfängt. Bis endlich ein gut deutsches Wort mit ihnen geredet wird. Sie kriechen an Deck und jetzt erklärt sich allerdings nur zu bald das für Italiener immerhin merkwürdige Beharrungsvermögen. Die ganze Gesellschaft, vom Kapitän bis hinunter zum Heizer, ist – sinnlos betrunken. Schlapp torkeln sie an Deck herum und sind gänzlich haltlos. Mit vieler Mühe wird endlich aus ihnen herausgeholt, daß sie sich bereits an Land, noch vor Antritt der Fahrt, die nötige Seebereitschaft durch Uebernahme größerer Gebinde Alkohols gesichert hatten. Mochten doch diese Maledetti inglesi e loro amici, dieses verd... Engländerpack mit seinen Freunden, im Sperrgebiet zur See fahren, wenn es ihnen Spaß machte, sie aber, die Italiener, sollte man freundlichst damit verschonen. Und dann wagen es diese Kerle, rührselig werden zu wollen. Stammelnd und lallend versichern sie, daß sie nie etwas gehabt hätten gegen die Germani, das seien immer ihre Freunde gewesen. Ah, come sono buoni e bravi, gute und brave Leute ... bis dem Kommandanten, der eine Zeitlang dieses widerlich jämmerliche Winseln um das – ach so teure – Leben ruhig angehört hat, der Ekel aufsteigt. Ein einziges Wort nur, eine Bewegung nach dem längsseit tanzenden Boote. Runter! Da versteht die Gesellschaft. Bedeutend schneller als sie heraufgekommen, stürzen sie in ihr Boot, rudern, rudern, als gelte jede Sekunde das Leben.